# taz.de -- Oscarverleihung: Kollektive Vorsicht
> Von Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen war bei den Oscars
> fast nichts zu spüren. Die Filmbranche verspielt ihre wichtigste Aufgabe.
(IMG) Bild: Eher nicht so politisch in diesem Jahr: Die Oscar Verleihung blieb auffällig zahm in diesem Jahr
Die so hitzige wie leidige Diskussion darüber, ob Filme politisch sind,
kommt einem angesichts der Situation in der US-Filmbranche vor wie eine
Wellnessbehandlung im Massagestuhl. Besser noch in einem jener vibrierenden
„D-Box-Motion-Seats“, mit denen Cineplexe seit einiger Zeit ihre Kinosessel
austauschen. Denn bei der Oscarverleihung wurde vor allem eines klar: Es
geht nicht darum, wie politisch Filme sind, sondern darum, wie politisch
sie und ihre Macher:innen sein dürfen.
Bei der Vergabe der wichtigsten US-Filmpreise herrschte jedenfalls
kollektive Vorsicht: Zwar wurde hie und da vage von „Rückgrat“ (Barbra
Streisand über Robert Redford) oder der Verantwortung gegenüber Kindern
([1][Mehrfach-Gewinner Paul Thomas Anderson]) gemunkelt. Durch eine
Betroffene, die Mutter eines bei einem Schulamoklauf getöteten Kindes,
äußerte sich das Team des ausgezeichneten Kurz-Dokumentarfilms „All the
Empty Rooms“ gegen Waffengewalt.
Zudem brachten einige Nicht-Amerikaner:innen, Gewinner wie David Borenstein
(„Ein Nobody gegen Putin“) und [2][Laudator Jimmy Kimmel,]
unmissverständliche Bonmots unter. „Manche Länder erlauben es nicht, die
Wahrheit zu sagen“, witzelte Kimmel in Bezug auf US-Medienkonzerne, die
zunehmend politische Talkshows absetzen und zensieren: „Ich darf nicht
sagen welche, belassen wir es bei Nordkorea und CBS.“
Aber es hätte Platz, vor allem Notwendigkeit für viel mehr gegeben. Denn
natürlich ist es wunderbar, wie augenfällig Filme wie „One Battle After
Another“ (Paul Thomas Anderson) und „[3][Blood & Sinners“] (Ryan Coogler)
die Entwicklung des Landes zu einem von weißen männlichen Eliten
gesteuerten, unbarmherzigen „Rat Race“ kommentieren und seinen
strukturellen Rassismus historisch einfangen.
Doch wenn die Filmbranche die Möglichkeiten nicht wahrnimmt, die sie auch
außerhalb der – trotz Luxussessel immer seltener besuchten – Kinosäle hat,
verspielt sie ihre wichtigste Aufgabe: Das Kino mit seinen inhärenten
Preisen ist ein Ort, an dem diskutiert, schockiert, geliebt, verstanden,
vergeben werden darf. Wichtig ist nur, den Diskurs hör- und sichtbar zu
führen. Was später hinter verschlossenen Kodak-Theatre-Türen gesagt wird,
stört keinen kleinen Geist.
16 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
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