# taz.de -- Theater im TD Berlin: Im Magen des Schlurz
> Kim de l’Horizons Theaterstück „Dann mach doch Limonade, Bitch“ lässt
> Birke, Zwergsepia, Zentaur und Knöterich um Körper, Kultur und Natur
> ringen.
(IMG) Bild: Berührend: Christoph Rath als Birke und Diego Valsecchi als Zwergsepia im TD Berlin
Eine Birke von fast aristokratischer Eleganz geht ins Gartencenter und
möchte einen Sack Erde kaufen. Doch der Erdenverkäufer redet und redet,
doziert über Spezialerden, über Knabenkraut in allen Formen, über Substrate
für dies und jenes – ein klassischer Fall von Mansplaining. Die Birke hört
höflich zu, mit leicht gesenkten Augen, bis sie schließlich, ganz leise und
unverrichteter Dinge, rückwärts von Dannen trippelt.
Christoph Rath als Birke und Gartencenterangestellter spricht – oder
vielmehr: niest – ihren Dialog mit bewundernswerter Präzision und Tragik.
Es ist einer jener Momente, in denen [1][Kim de l’Horizons] Sprache sofort
ihre einzigartige Kraft entfaltet: kalauernd und hochpoetisch zugleich, ein
Satzstrom ohne Satzzeichen, der mal galoppiert, mal stottert, mal rülpst,
aber immer brennt.
Mit „Dann mach doch Limonade, Bitch“, der ersten Theaterarbeit seit dem
[2][preisgekrönten Roman „Blutbuch“], bringt Kim jenen wild verzweifelten,
tief existenziellen Sprachrausch auf die Bühne. Regisseur Olivier Keller,
dessen Inszenierung im März 2024 in Bern Premiere hatte, ist mit ihr nun im
TD Berlin zu Gast. Im Publikum sitzen viele junge und sehr junge Leute –
sympathische Berliner*innen mit bunten Klamotten und wilden
Föhnfrisuren, von denen fast jede*r an anderen Stellen plötzlich in lautes
Gelächter ausbricht.
Vier Spieler*innen verkörpern sechs Figuren: die erwähnte Birke, eine
leuchtende Zwergsepia (Diego Valsecchi), die zugleich eine ausgelaugte
polnische Pflegekraft sein will, einen unsichtbaren Zentauren mit
trappelnden Füßen und Consultant-Sprech (Newa Grawit), einen strengen
japanischen Staudenknöterich und Kim selbst (beide Silke Geertz) – sowie
Kims Neffen, einen Jungen, der von fast allen mal verkörpert wird.
## Unheimliche Stimme aus dem Off
Sie alle stecken im Magen eines rätselhaften Wesens fest. Vielleicht heißt
es Schlurz. Vielleicht auch nicht. Sicher ist nur: Eine unheimliche Stimme
aus dem Off spricht zu ihnen – oder zu uns – und scheint über allem zu
stehen. Eine Mischung aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ und der „Muppet
Show“: kosmischer Unsinn, der jederzeit ins Bedrohliche kippen kann.
Auf der Bühne leuchtet eine Leiter wie ein Weihnachtsbaum in der
Finsternis. Wer hinaus will aus diesem seltsamen Magenraum, muss hoch
hinaus – so zumindest glauben die Figuren rasch zu verstehen. Und weil da
Bühne und Publikum sind, muss das Ganze wohl eine Competition sein.
Fußball, ein Kampf der Pollen gegen die Leuchtbakterien oder eine
Tanzbattle sollen entscheiden. Das Ganze soll natürlich spiegeln, dass
Gesellschaften zunehmend alles in Rankings, Sieger und Verlierer zerlegen,
eine Beobachtung, die man allerdings schon oft gesehen, gehört und gelesen
hat.
Wo das alles kurz etwas schwer gerät, hilft ein Blick auf die visuelle
Fantasie dieser Inszenierung: Aus den goldenen Gedärmen des Schlunz wächst
Dominik Steinmanns Bühne wie ein groteskes Organ, glitzernd und zugleich
widerwärtig und klaustrophobisch. Dazu kommen die Kostüme von Tatjana
Kautsch – voller vergnügtem Übermut. Etwa der unsichtbare Zentaur, der
Leggings und Shirt mit Pferdeaufdrucken trägt, wie man sie aus
Schreibwarenabteilungen für Dreizehnjährige kennt. Das Leben ist kein
Ponyhof.
Und dann natürlich immer wieder die Figuren – ganz egal, ob sie sich gerade
mal wieder bekriegen oder einander in den Armen liegen. Man schließt sie
sofort ins Herz: [3][die Birke, Pionierpflanze der Wälder und der
Literatur], die nach Brand und Kahlschlag als erste wiederkommt – und
zugleich eine weiblich gelesene Pflanze, die die Menschheit mit Pollen
quält, ähnlich wie der männliche Mann seinen Samen in die Welt verstreut.
Dann die Zwergsepia, Meisterin der Symbiose, mit der sie sich tarnen kann;
und [4][der invasive Knöterich], der mit seinen unheimlich langen und
tiefen Rhizomen selbst dicken Beton sprengt – in Großbritannien ist er so
gefürchtet, dass Häuser mit Befall unverkäuflich werden, weil Banken keine
Hypotheken mehr darauf geben. Vielleicht ist er doch nicht der böse
Neophyt, sondern die perfekte Pflanze, diese geplagte Welt wieder zu
begrünen?
All diese fantastischen Wesen ringen um etwas sehr Menschliches: um die
Frage, was das überhaupt ist, dieser Körper, in dem wir stecken, ob wir zu
ihm gehören oder nur in ihm wohnen – und wer entscheidet, wo Natur, Kultur
und Kontrolle beginnen. Kims Sprache trägt diese Fragen mit einer
erstaunlichen Leichtigkeit. Sie ist witzig, experimentell, manchmal
kalauernd, dann wieder plötzlich von großer lyrischer Schönheit.
Am Ende des Stücks bemerkt der unsichtbare Zentaur mit seinem
verballhornten Consultant-Sprech („Entsorrygung“) übrigens den Pferdefuß
der Geschichte. Seine eigenen Pferdefüße nämlich – mit denen er die Leiter
gar nicht erklimmen kann, es sei denn, er schnitte sie ab. Da ergibt in
diesem durch und durch berührenden Stück plötzlich selbst der manchmal
etwas ermüdende Wettkampfplot großen Sinn.
Als dann aus den Gedärmen des Monsters plötzlich lauter Pferdefüße
aufragen, die trotzig auf ihrer Schönheit bestehen – und sei es bis in den
Tod –, verwandelt sich doch auch die ganze Competition noch einmal in ein
Bild von großer, grotesker Traurigkeit.
Hinweis in eigener Sache: Die Autorin ist persönlich mit einigen der am
Stück beteiligten Künstler*innen befreundet.
14 Mar 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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