# taz.de -- Neues Album von Crooked Man: Nachts auf der orange beleuchteten Stadtautobahn
       
       > „Crooked Stile“ ist das neue Album des britischen Produzenten Crooked
       > Man. Es vermischt House mit Northern-Soul und schmuckloser nordenglischer
       > Lebensart.
       
 (IMG) Bild: Hart, aber herzlich: Crooked Man repräsentiert House
       
       Richard Barratt als die graue Eminenz der britischen House-Szene zu
       bezeichnen, ist stark untertrieben. Barratt repräsentiert House wie kein
       Zweiter. Dem Künstler selbst wäre dabei vermutlich eher unwohl. Auch auf
       seinem jüngst unter dem Produzenten-Alias Crooked Man erschienenen dritten
       Soloalbum „Crooked Stile“ verknüpft der Künstler mit erfrischender
       Nonchalance sorgfältig gesponnene Fäden zu dicken Tauen und bleibt doch
       bewusst unsichtbar hinter der kopfstarken Musik.
       
       Oft arbeitet Barratt als Produzent im Hintergrund für Stars wie die irische
       Künstlerin [1][Roísín Murphy.] Für Barratts eigenes Houselabel Bitter End
       spendieren ihm die Hotshots immer wieder Gesangsspuren und Outtakes, lange
       bevor diese dann offiziell in anderen Versionen veröffentlicht werden. Das
       kollektive Arbeiten ist auch ein musikalisches Kennzeichen von „Crooked
       Stile“.
       
       So hat Crooked Man zusammen mit Roísín Murphy den Track „Projection“
       komponiert, eine federleichte, ätherische Disco-Nummer, die die perfekte
       Begleitung für nächtliche Schleichfahrten auf einer orange beleuchteten
       Stadtautobahn wäre.
       
       ## Gleich nochmal im Dub
       
       Die beiden kennen sich schon ewig. Einige Songs auf Murphys Album
       „Overpowered“ (2006) schrieben sie zusammen und komponierten und
       produzierten dann 2020 Murphys komplettes Album [2][„Roísín Machine“], von
       dem Crooked Man schließlich auch eine Dubversion namens [3][„Crooked
       Machine“] anfertigte.
       
       Obwohl Barratt sich selbst und Murphy als eigensinnig und stur
       charakterisiert, empfindet er die Zusammenarbeit als problemlos: Sie
       streiten einfach so lange, bis etwas Kreatives herauskommt, das beide
       mögen.
       
       Eigensinn und Sturheit sind Markenzeichen von Crooked Man. Gelangweilt vom
       eintönigen Freizeitangebot in Sheffield, fing er 1985 an, als DJ Parrot die
       tanzwütige Jugend von den grauen Straßen der Industriestadt in den Club
       „Mona Lisa’s“ zu locken, [4][wo er zusammen mit zwei Kumpels die Partyreihe
       „Jive Turkey“ organisierte]. Ihr Merkmal: Musikalisch nicht auf Genres
       fixiert schwingen schwarze und weiße Kids zusammen die Hüften.
       
       ## Nördliche positive Vibes
       
       Wegen der in der Stadt damals üblichen rassistischen Türpolitik war das
       keine Selbstverständlichkeit. Die positiven Vibes von „Jive Turkey“
       verbreiteten sich weiter nach Norden, wo zur gleichen Zeit der Club
       „Hacienda“ ungleich berühmter wurde. Der Move zum Acid-Rave wurde in
       Manchester vorbehaltlos mitgemacht, und die Party verkam zum Selbstzweck.
       Medienwirksamer ist das allemal.
       
       Als komplettes Greenhorn an den Plattentellern kam Parrot nicht auf die
       Idee, sich als Prediger in der DJ-Kanzel zu inszenieren. Nicht die Person
       Richard Barratt war wichtig, sondern immer die Musik. Die Leute sollten
       tanzen. [5][Und das ist bis heute so geblieben. Am besten, wenn sie auch
       noch mitsingen]. Soll heißen, Barratt hält nicht so viel von rein
       instrumentalen Tracks oder welchen, die vereinzelt ein paar Worte
       offenbaren, sagt er der taz. Wenn die Vocals den Tanzenden auch noch etwas
       zum Nachdenken mitgeben, umso besser.
       
       Zum Beispiel im Remix von [6][Jarvis Cockers] „CUNTS“, dem fulminanten
       Finale von „Crooked Stile“. Zum vorwärts hackenden Groove, der einen
       repetitiven Flickerdreiklang knautscht, konstatieren abgeklärte
       Frauenstimmen eine traurige Gewissheit: „Cunts are still running this
       world.“ Arschgeigen beherrschen immer noch die Welt. Resignation macht die
       Sache nicht besser, doch die Formel beschwört das Kollektiv und preist
       seine Stärke, auch jenseits der Tanzfläche. [7][Der Track „Scum (Always
       Rises To The Top)“ vom Debütalbum „Crooked Man“] funktionierte 2016 ganz
       ähnlich. Probieren Sie es selbst!
       
       [8][Getanzt wurde in Sheffield schon 1986] zur Coverversion „Don’t leave me
       this way“ von den Communards, die den gleichnamigen Nothernsoul-Klassiker
       von Thelma Houston in eine abgekühlte High-Energy-Lake tunkten. Crooked Man
       belebt nun in seiner aktuellen Version mit der Sängerin E. Angel die
       Soulfulness des Originals und verströmt zugleich nordenglische Härte
       mittels eines angenehmen stumpfen Beats und schlurrenden Hydrauliksounds,
       die daran erinnern, dass er zusammen mit Cabaret-Voltaire-Mastermind
       Richard H. Kirk 1990 unter dem Namen Sweet Exorcist Bleep-Techno erfunden
       hat. Die Erfindung von Rave will er sich aber nicht anhängen lassen, aber
       er war zweifelsohne früh dabei.
       
       Auch den herzerweichenden Feenzauber-Song „Love & Resistance“ gab es in
       anderer Fassung bereits 2015, damals hatte ihn Barratt zusammen mit Mark
       Brydon und Carmen Squire im Trio Tooth Faeries veröffentlicht. Brydon war
       neben Roísín Murphy die andere Hälfte des Elektronikdisco-Duos Moloko und
       hatte zusammen mit Carmen Squire einige Songs komponiert, die eigentlich
       für die britische R&B-Sängerin Rihanna Kenny gedacht waren. Aber daraus
       wurde nix und so nahm Crooked Man sich den Demos an und brachte sie auf
       Tanzflächen-Kurs.
       
       [9][„Love & Resistance“] war die B-Seite, die die Tooth Fairies auf dem
       Sheffielder Label Shabby Doll herausgebracht hatten. Los geht’s mit einem
       Signatur-Dreiklang, der Beat wummert eher Downtempo, dazu weht ein Hauch,
       ein paar untermalende Sounds und dann Carmen Squires entrückte Stimme. Ein
       Track, der zum Aufbruch und zugleich zum Relaxen einlädt.
       
       Das ist eher ein Yachtrock-Effekt, den man vom Fleetwood-Mac-Klassiker „Big
       Love“ erwarten würde. Doch weit gefehlt. Wie Barratt der taz sagt, war er
       darauf fixiert, dass sein guter Freund Steve Edwards, der auch das Label
       Shabby Doll betreibt, den Gesangspart übernimmt. Für Barratt ist Edwards
       die personifizierte Liebe, „Big Love“ folgerichtig der perfekte Song.
       
       Edwards überraschte seinen Auftraggeber jedoch, indem er dem Gesangspart
       einen dezent sinistren Unterton beifügte und die glaubwürdige
       Liebeslied-Atmosphäre des Tracks düstere Schlagseite bekam. Für ihn „wurde
       das ‚Haus auf dem Hügel‘ dadurch eher zum Gefängnis als zum Liebesnest.
       Aber vielleicht handelte der Text sowieso davon, und ich hab’s einfach
       nicht kapiert.“
       
       Wie dem auch sei, Crooked Man folgt seinem Sänger und untermauert den
       Eindruck des Fatalen mit Flummibeats, Morsezeichen, Gabber- und
       Flutwellensounds sowie Teufelsgelächter. Dieser Twist macht den Track zur
       rasanten Talfahrt – nicht zurückschauen! – und berührt mehr als das
       Original.
       
       All das wäre nichts ohne David Lewin, der in den Credits von Murphy über
       Tooth Fearies bis zu allen Barratt-Produktionen als Tontechniker, Arrangeur
       und Musiker auftaucht. „Um ehrlich zu sein, macht Dave die ganze Arbeit“,
       sagt Barratt. „Ich beherrsche kaum eine Note, aber ich habe gelernt, zu
       tricksen! Ein gewöhnlicher Arbeitstag von Dave und mir lässt sich ungefähr
       so beschreiben: Zunächst einmal stifte ich Verwirrung, bis Dave wirklich
       ärgerlich wird. Dann versuche ich ihm ohne musikalische Fachausdrücke zu
       erklären, was ich gern machen würde. Er setzt mein Laien-Gefasel dann um.
       Selbstverständlich grätsche ich ständig dazwischen, gebe mal grünes, meist
       rotes Licht.“
       
       In Sheffield nennen sich die Leute gegenseitig ‚Love‘ und gehen hart, aber
       herzlich miteinander um. Das hört man in der Musik von Crooked Man in jedem
       Takt.
       
       16 Mar 2026
       
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