# taz.de -- Münchner Musiker Salewski: Neues vom ewigen Strizzi
       
       > Er bleibt der King of Salopp-Pop: Der Münchner Künstler Salewski hat mit
       > einer Handvoll geistesverwandter Freaks ein neues Album veröffentlicht.
       
 (IMG) Bild: Salewski Parlamenti im Faust-Studio. An der Schießbude hinten sitzt Salewski
       
       Wie wird jemand zur Legende? Darauf hat Salewski alias Christian Brachtel
       auch keine Antwort. Aber eines weiß er: „Früher war ich Musiker, heute bin
       ich Künstler.“ Seine neueste Schöpfung, das Album „Salewski Parlamenti“,
       entstand gemeinsam mit sieben Musiker:innen aus München. 
       
       Es ist ein sonniger Frühlingsachmittag im zentrumsnahen Münchner Westend.
       In der leeren Kilombo-Bar steht nur ein einziger Gast: ein großgewachsener
       Mann mit zurückgegeltem Haar, Jeanslook und Stiefeletten. Wer Salewski
       treffen möchte, muss es auf die altmodische Art versuchen: per
       Festnetztelefon. Digitale Medien – von Smartphone bis E-Mail – lehnt er ab.
       
       Passend dazu ist der Stammplatz des 62-Jährigen in der Kilombo-Bar direkt
       neben dem alten Radio an der Bar, das als Lautsprecher für den
       Plattenspieler fungiert. Nun schallt aus ihm eine Zeitreise durch Salewskis
       musikalische Vergangenheit.
       
       Seine Anfänge machte er im Tölzer Knabenchor. Dort studiert er
       Bach-Kantaten ein, die heute Kanon sind. „Ich habe nirgends mehr über Musik
       gelernt als im Chor“, sagt er. Er beginnt eine klassische Laufbahn, doch
       das Studium am Konservatorium bricht er ab: „Ich habe da menschlich nicht
       reingepasst, heute würde man wohl sagen, ich wurde gemobbt. Und das Studium
       war extrem langweilig.“
       
       ## Im Telefonbuch blättern und Namen bestimmen
       
       Daraufhin wird er 1981 Schlagzeuger bei der NdW-Band Hubahuba Hopp. Ein
       Typ, der ihm zuvor die Freundin ausgespannt habe, rief dreist an und sagte:
       „Du hast ja jetzt viel Zeit.“ Während seine Vergangenheit auf Vinyl über
       den Plattenteller läuft, erzählt Brachtel von seinem Künstlernamen, den ein
       Kollege einst wahllos beim Blättern in einem dicken gelben Telefonbuch
       bestimmte. Fortan nannten ihn alle Salewski und er spielte in vielen tollen
       Bands und Projekten der Münchner Undergroundszene: [1][Merricks], Johnsons,
       Dakar & Grinser; und machte vor allem Auftragsmusik für diverse
       Theaterstücke.
       
       Ein Leben als Chronist der Nacht. Vieles von dem, was er aufgenommen hat,
       hört Salewski erst jetzt wieder. Alben, Singles, Songs, die er in den
       Neunzigern noch enttäuscht zur Seite legte, liebt er heute. Doch eines
       blieb beständig: Seit 1995 unterrichtet er mit Verve am Schlagzeug seine
       Schüler:innen.
       
       Schließlich endet die Zeitreise mit zwei Soloalben. Nach zehn Jahren
       stückweisen Wachsens erscheint 2010 „Salewski“ und 2018 „Chansons“, bei dem
       bereits einige seiner heutigen Kolleg:innen mitwirkten.
       
       2022 spielten einige von ihnen, und einige neue, mit Hilfe einer Förderung
       im Studio der Krautockband Faust in Scheer fast das ganze Album „Salewski
       Parlamenti“ live in einer Woche ein: Zu hören sind Jazzschlagzeug, krautige
       Bassläufe, rauschender Noise, kratzige Synthesizer, hölzerne Klänge und
       assoziativ poetische Texte. Eines war Salewski dabei besonders wichtig:
       „Wir machen eine Platte, nicht ich.“
       
       Gemischt wurde wie bei einem Kammerorchester: „Anders als bei einer
       Popband, bei der das Schlagzeug Rumms macht und der Bass dazu passt“,
       erklärt Salewski. Gemeinsam mit Zoro Babel arrangiert er die Spuren zu
       einem Klangerlebnis, bei dem jede Nuance hörbar bleibt. Treibend
       zusammengehalten von Salewskis swingenden Drums.
       
       ## Jede Nuance hörbar
       
       „Er ist rausgegangen, um mit anderen zusammenzuarbeiten, oder umgekehrt,
       eigentlich hat er uns reingeholt“, erzählt Anna McCarthy, die Stimme, Texte
       und das Covergemälde beisteuerte. [2][Die 45-jährige britische Künstlerin
       (die man auch von der Band What Are People For? kennt)], verewigte auch
       eine kleine Grand-Plaisir-Flasche auf der Rückseite der Schallplatte als
       Hommage an Salewskis Ritual, für die Band vor jedem Auftritt den billigsten
       Champagner zu kaufen.
       
       „Münchener Strizzi“, nennt ihn Anna McCarthy liebevoll „diese Mischung aus
       ein bisschen Glamour, aber eigentlich kein Geld haben“. Bereits als
       Teenagerin habe sie Salewski zum ersten Mal getroffen, als er in der „Egon
       Bar“ in einem Keller nahe dem Haus der Kunst im Lehel hinterm Tresen stand.
       Doch bis daraus Freundschaft und gemeinsame Arbeit erwuchsen, dauerte es
       noch einige Jahre.
       
       Auch Alex James Friedrich, Veranstalter und Musiker in München und Teil
       einer Generation, die Salewski nachfolgt, verfolgt dessen künstlerisches
       Schaffen seit längerem. „Er ist eine verdiente Persönlichkeit [3][der
       Münchner Subkultur].“ Vielleicht, so sinniert er, mache seine Neugier ihn
       zu einer Legende: „Dass er nicht stehen geblieben ist, sondern immer wieder
       neue Sachen ausprobiert.“
       
       Als Salewski-Parlamenti im Münchner Club „Import-Export“ die Bühne betritt,
       ist der Saal voll. Ein „Klassentreffen“. Friedrich ist einer der Jüngsten.
       „Das hatte eine Lebendigkeit, die bereits auf dem Album spürbar ist, aber
       auf der Bühne noch mal mehr knallt“, findet der 33-Jährige.
       
       Vielleicht braucht es genau so einen Abend, um zu verstehen, wie eine
       Legende entsteht. Salewski selbst bilanziert mit altersgemäßer
       Gelassenheit: „Es sind zwar wenig Ruhm und Reichtum hängen geblieben, aber
       diese Vielzahl von Dingen, die ich erlebt und gemacht habe, das muss mir
       auch erst mal einer nachmachen.“
       
       31 Mar 2026
       
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