# taz.de -- Nachruf auf Jürgen Habermas: Der große intellektuelle Stichwortgeber
> Strukturwandel der Öffentlichkeit, Historikerstreit: Jürgen Habermas
> mischte sich immer wieder kritisch ein. Nun ist der Philosoph gestorben.
(IMG) Bild: Habermas im Sommer 1981 mit seiner Schreibmaschine
Als Jürgen Habermas zwanzig Jahre nach 1968 gefragt wurde, was von der
Studentenbewegung geblieben sei, sagte er: Frau Süssmuth. Wenn heute
gefragt wird, welcher Intellektuelle aus der alten Bundesrepublik heute
noch zählt, würden die meisten sagen: Herr Habermas.
Jürgen Habermas wurde 1929 geboren und wuchs in Gummersbach in einer
bürgerlichen Familie auf, die sich dem nationalsozialistischen Zeitgeist
angepasst hatte. Die Jahre 1945/46 erlebte der Hitlerjunge und Flakhelfer
geschockt von den Bildern aus den Konzentrationslagern als Befreiung von
Krieg, Diktatur und Provinzialismus.
Eine neue Welt stand nun offen, und das Kind der Reeducation stürzte sich
in die moderne Kunst, die Wissenschaft und die Philosophie, die allerdings
noch durchaus mit der alten verbunden war. Er wurde 1954 im philosophischen
Seminar von Erich Rothacker promoviert – sein Doktorvater war ebenfalls für
den Nationalsozialismus eingetreten, und zwar schon vor 1933.
Ein Jahr zuvor hatte der Doktorand mit einem mutigen Artikel erstmals
öffentlich auf sich aufmerksam gemacht, als Martin Heidegger seine
Vorlesungen über Metaphysik aus dem Jahr 1935 unverändert neu
veröffentlicht hatte: „Die Vorlesung von 1935 demaskiert schonungslos die
faschistische Färbung jener Zeit. Sie hat aber nicht etwa nur äußerliche
Motive, sondern auch solche, die sich aus dem Zusammenhang der Sache
ergeben.“
Habermas, der nach diesem antifaschistischen Credo Prügel einstecken
musste, einschließlich vom Seinsphilosophen und Apologeten der Gewalt
selbst, suchte in der „BRD Noir“ nach neuen Orientierungen.
## Adorno lud ihn nach Frankfurt ein
Adorno, dessen kulturkritische Prismen Habermas verschlungen hatte, lud den
jungen Philosophen ein, am Institut für Sozialforschung Soziologie zu
lernen. Nach Frankfurt wäre jener auch zu Fuß gegangen. [1][In der
Senckenberganlage und im Kettenhofweg gingen Menschen ein und aus], die
eher in der literarischen Öffentlichkeit und der Kunst zu Hause waren als
an der Universität.
Dort wurde Habermas in die verschüttete Welt der vertriebenen jüdischen
Linksintelligenz eingeführt, vor allem von Gretel Adorno, in deren Zimmer
Benjamins Klee-Gemälde „Angelus Novus“ hing. Habermas trat „intellektuell
in ein neues Universum ein“ und suchte von nun an den Kontakt zu den
Meistern aus der verlorenen Zeit, fürchtete aber auch weiter die
apokalyptischen Reiter „der faschistischen Intelligenz“, zu denen er –
neben Heidegger – Carl Schmitt, Ernst Jünger und auch Arnold Gehlen zählte.
Irritiert zeigte sich Habermas allerdings von dem am IfS herrschenden,
durchaus elitären Gruppengeist der Mitarbeiter unter der [2][Autorität des
„unsichtbaren Gottes“ Horkheimer], zudem von der Abwesenheit der
Schulphilosophie und auch von den vielen Pflichten, die dem eigenen
Forschen und Schreiben im Weg standen.
Als Horkheimer von Adorno forderte, den politisch viel zu weit links
stehenden Assistenten zu entlassen, hatte dieser bereits selbst
beschlossen, das Institut zu verlassen und mittels eines DFG-Stipendiums
seine Habilitationsschrift abzuschließen. Sie hieß „[3][Strukturwandel der
Öffentlichkeit]“ und brachte trotz kulturkritischem Einschlag die Zeit auf
den Begriff.
## Öffentlichkeit als Lebenselixier
Dass die Öffentlichkeit für die Demokratie das Lebenselixier ist, lernte
man in den 1960ern. Zum antifaschistischen Credo suchte Habermas fortan die
demokratietheoretische Fundierung: Wir müssen öffentlich miteinander
diskutieren, streiten und aufpassen, dass dieser Raum nicht zerstört wird –
weder durch wirtschaftliche Interessen und kapitalistische Sachzwänge noch
durch staatliche Übergriffe oder dezisionistische Politiken. „Reden, was
sonst?“ war fortan seine Antwort auf die Frage: „Was tun?“
Nach einem Zwischenspiel in Heidelberg kehrte Habermas als Nachfolger von
Horkheimer nach Frankfurt zurück. Seine Antrittslesung im Juni 1965 über
„Erkenntnis und Interesse“ war fulminant: „Ich kann mich sehr genau an die
befreiende Wirkung des magischen Wortes vom ‚emanzipatorischen
Erkenntnisinteresse‘ erinnern“, so der Philosoph Herbert Schnädelbach, „das
Jürgen Habermas […] der kritischen Gesellschaftstheorie ebenso wie der
Philosophie und Psychoanalyse zugeordnet hatte; es schien allen Disziplinen
zu erlauben, sofern sie sich selbst nur als emanzipatorische verstanden,
sich als Beispiele Kritischer Theorie zu verstehen.“
Eine ganze Generation von Studenten stand unter dem Signum dieses
Stichworts.
Habermas’ großes Ziel war es, systematisch mittels erkenntnis- und
kommunikationstheoretischer Erkundungen über die Dialektik von Herrschaft,
Arbeit und Sprache eine kritische Theorie der modernen Gesellschaft zu
entwickeln, die alle Angebote der modernen Wissenschaften, samt der
Wissenschaftskritik, prüfte und mitnahm. So kam es zur „linguistischen
Wende“ (Albrecht Wellmer), was andere orthodoxe Frankfurter Schüler dem
„Meisterschüler“ nach Adornos Tod 1969 bis heute vorwerfen: „Der
Zusammenhang von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen müsste durch
den abstrakteren von Arbeit und Interaktion ersetzt werden.“
## Habermas und die 68er
Um 1968 geriet Habermas in den Tumult der SDS-Studenten, die er nach dem
[4][gewaltsamen Tod von Benno Ohnesorg] vor voluntaristischen Aktionen
warnte: Sein Wort des „Linksfaschismus“ leitete die Scheidung vom
Linksradikalismus ein. Nach dem [5][Attentat auf Dutschke] und den
politischen Tagen an der Frankfurter Karl-Marx-Universität rechnete
Habermas mit der „Scheinrevolution der Kinder“ ab: falsche Krisentheorie,
falscher Klassenkampf, falscher Antiimperialismus. Das bedeutete den Bruch
mit der Bewegungslinken, der nicht mehr zu kitten war.
Gleichwohl verfolgte Habermas weiter eine Analyse des „Spätkapitalismus“
und seiner Legitimationsprobleme, allerdings im Rahmen einer
Modernitätstheorie, die nun genauso viel mit Max Weber zu tun hatte wie mit
Karl Marx. Dies geschah am Starnberger Max-Planck-Institut zur Erforschung
der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, das so viel
Geld wie Buchstaben im Namen hatte, nachdem [6][infolge von Adornos Tod]
und der hitzigen Atmosphäre auf dem Campus Bockenheim der Standort
Frankfurt für wissenschaftliches Arbeiten eher unattraktiv wurde.
In Bayern jedoch wurde Habermas von Rechtskonservativen nicht nur des
Neomarxismus, sondern auch der geistigen Urheberschaft des Linksterrorismus
bezichtigt. Das MPIL stand unter argwöhnischer Dauerbeobachtung. Ihr
Direktor arbeitete desungeachtet weiter an einer Gesellschaftstheorie, die
auf „die Vernunft“ nicht verzichten wollte. Dies geschah mehr und mehr mit
dem dezidierten Willen, eine politische und intellektuelle, philosophische
und wissenschaftliche Westanbindung der Bundesrepublik nachzuholen.
Habermas’ Krisenbewusstsein wurzelte mindestens so sehr im angenommenen
„deutschen Sonderweg“ wie in den Widersprüchen des Kapitalismus.
Nach vielen Umwegen stand die Theorie des kommunikativen Handelns (TdkH),
in der Philosophie und Sozialwissenschaften letztmals eine Einheit bildeten
und die der Norm des „herrschaftsfreien Diskurses“ folgte. In Erinnerung an
sie [7][sind die Begriffe von System und Lebenswelt in der Beschreibung
sozialer Ordnung geblieben]. In der zeitgenössischen Rezension fiel das
Werk allerdings eher durch, wie schon zuvor der Edition-suhrkamp-Band 1000
„Zur Geistigen Situation der Zeit“. Von der Professorenelite beschimpft und
den Linken gemieden, wurde es um 1980 einsam um Habermas, zumal auch sein
MPI Schiffbruch erlitt. Zu dieser Zeit zählte Habermas in den Vereinigten
Staaten übrigens längst zu den führenden Philosophen der universitären
Welt.
## „Intellektuelle und moralische Instanz“
1982/83 kam er zeitgleich mit der angekündigten „geistig-moralischen Wende“
unter Helmut Kohl zurück nach Frankfurt. Sein beständiges Krisengefühl und
die Angst vor den apokalyptischen Reitern wichen erst, als keine
Restauration der Jahre vor 1960 geschah und er [8][im sogenannten
Historikerstreit 1986] die „Schadensabwicklung“ der NS-Vergangenheit „als
intellektuelle und moralische Instanz“ (Marcel Reich-Ranicki) abwehren
konnte. Im Gegenteil, nun begann erst die empirische Auseinandersetzung mit
dem Mord an den europäischen Juden.
Am Projekt der Moderne hielt er trotz aller Dialektik der Aufklärung und
dem Ende der großen Erzählungen fest. „Auschwitz“ ließ die Theorie der
kommunikativen Vernunft unberührt. An der Uni scharte er eine neue
Forschungsgruppe um sich. Faktizität und Geltung, eine anspruchsvolle
Begründung des demokratischen Rechtsstaats, die Kants Moralphilosophie
nähersteht als der Frankfurter Kritik der falschen Gesellschaft. Die große
Gesellschaftstheorie wurde zu einer Diskursethik zurückgebildet. Der
[9][marxistische Glutkern war immer weniger zu erkennen].
Nach 1990 positionierte sich Habermas als ein Mahner gegen Nationalismus
und als überzeugter Europäer mit kosmopolitischer Perspektive und
universalistischem Ethos. Kaum eine „Zeitenwende“, die nicht seine
öffentliche Intervention nach sich gezogen hätte, so jüngst in den
Beiträgen zum [10][digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit], zu den
rechtlichen Grundlagen der Coronapolitik oder den bundesdeutschen
Reaktionen [11][auf den russischen Krieg in der Ukraine] und den
terroristischen und kriegerischen Vorgängen in Israel und Gaza.
Einmal entstand aus einer politischen Zäsur eine neue philosophische
Perspektive. Nach Nine Eleven diskutierte Habermas das Verhältnis von
Glauben und Wissen, dessen Resultate in seinem zuletzt erschienen
Lebenswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ zu bewundern sind. Den
Mut zum Blick aufs Ganze, zu einer sozialen Evolutionstheorie und zur
Vernunft hat Habermas trotz der neuen Unübersichtlichkeit allerdings nicht
völlig verloren. In seiner Philosophiegeschichte ist die alte
historisch-materialistische Grundüberzeugung wieder sichtbar, wonach
spezifisch systemische Entwicklungen im Bereich der materiellen
Reproduktion zu konkreten Problemlagen führen, die einer
gesamtgesellschaftlichen Lösung bedürfen und die Weltbilder verändern. Ein
Hauch von Geschichtsphilosophie umweht diese Philosophiegeschichte, die ein
Universum stupender Gelehrsamkeit und scharfsinnigen Denkens ist.
## Ein Motor der Liberalisierung
In der westlichen Welt gilt Habermas seit Langem als bedeutendster
Philosoph und Sozialwissenschaftler. Auch hierzulande nennen ihn manche
„den Hegel der BRD“. Nach dem wirklichen Hegel ist Philosophie ihre Zeit in
Gedanken gefasst. Habermas’ unendliches Puzzlespiel mit den
Sozialwissenschaften, inklusive seine Theoriesprache, sein öffentlich
politisches Engagement auf Seiten der semiradikalen Linken und sein
Insistieren auf Kommunikation sind Signaturen der bundesdeutschen
Geschichte nach 1945 – ein vernunftgläubiges Werk wie die TdkH kann bloß in
den fetten Jahren von Frieden, Demokratie und Wohlstand entstehen.
Ihr Autor selbst war ein Motor der Fundamentalliberalisierung, ein Mahner
vor der konservativen Tendenzwende, ein Befürworter der Verwestlichung und
ein dauerreflektierender Praktiker inmitten der neuen Unübersichtlichkeit.
Der Traditionalist der Moderne ist am 14. März im Alter von 96 Jahren in
Starnberg gestorben.
14 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Buch-ueber-die-Kritische-Theorie/!5873104
(DIR) [2] /Adorno--Horkheimer/!5197367
(DIR) [3] /Der-demokratische-Diskurs-vom-Mittel-zum-Zweck/!1719498/
(DIR) [4] /Benno-Ohnesorg/!t5019755
(DIR) [5] /Zum-Dutschke-Attentat-vor-50-Jahren/!5494757
(DIR) [6] /Theodor-W-Adornos-50-Todestag/!5611143
(DIR) [7] /Die-Truemmerfrau-der-deutschen-Philosophie/!643185/
(DIR) [8] /Historikerstreit/!t5202825
(DIR) [9] /Was-heisst-kritische-Theorie-der-Gesellschaft-heute/!1803085/
(DIR) [10] /Kritik-von-Philosoph-Juergen-Habermas/!5881995
(DIR) [11] /Juergen-Habermas-zum-Ukraine-Krieg/!vn6025235/
## AUTOREN
(DIR) Jörg Später
## TAGS
(DIR) Jürgen Habermas
(DIR) Frankfurter Schule
(DIR) Kritische Theorie
(DIR) Historikerstreit
(DIR) Strukturwandel
(DIR) Demokratie
(DIR) Öffentlichkeit
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Philosophie
(DIR) Jürgen Habermas
(DIR) Strukturwandel
(DIR) Schwerpunkt 1968
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Eva von Redecker über Jürgen Habermas: Der Schulleiter ist nicht tot
Jürgen Habermas bestand darauf, dass fortschrittliche Kräfte der
Gesellschaft in der realen Geschichte auffindbar sein müssen. Was bleibt
von seinem Werk?
(DIR) Vorlass von Jürgen Habermas: Neunzig Aktenordner und auch sein privater Computer
Jürgen Habermas gibt auch den zweiten Teil seines Vorlasses an die
Frankfurter Uni. Er bekräftigt damit seine Traditionslinie zur Kritischen
Theorie.
(DIR) Neues Buch von Jürgen Habermas: Diskurs oder Barbarei
Jürgen Habermas skizziert die Gefahr, die digitale Medien für Demokratien
bedeuten. Die These ist nicht neu, die begriffliche Schärfe faszinierend.
(DIR) 90. Geburtstag von Jürgen Habermas: Die großen Kämpfe der Theorie
Wo Habermas wirkte, gab es Streit. Seine Philosophie, die auf Vernunft und
Argumente setzt, entstand inmitten schlechter Laune und böser Absicht.