# taz.de -- Israel-Gaza-Krieg erreicht Nordlondon: Kaputte Fenster und teure Kaffees
> Der Nahostkonflikt spielt sich auch in zwei Cafés in Nordlondon ab. Es
> geht um konkurrierende Erzählungen und eine politisierte Kundschaft.
(IMG) Bild: Das Cafè von Mahmoud Ismail und seiner Frau in London
Das Café „Gail’s“, unweit der Nordlondoner U-Bahn-Haltestelle Archway, ist
im Februar zweimal angegriffen worden. Unbekannte schlugen Fensterscheiben
ein und schrieben Sprüche wie „Gegen Unternehmenszionismus!“, „Boykott!“
und „Free Gaza!“ an die Wände. „Gail’s“ ist eine Bäckerei mit Café und hat
eine jüdische Geschichte.
„Gail’s“ wurde in den 1990er Jahren von Yael Mejia, Tochter eines
Engländers und einer Israelin, als reine Großbäckerei gegründet. Später
schwenkte das Konzept mit neuen Teilhabern, darunter ein Israeli, auf
Luxusbäckereien mit Café um. „Gail’s“ expandierte rasch und zählt heute
über 70 Filialen. Die jüdischen Gründer waren bald nicht mehr dabei, dafür
erhielt die Kette aber Beihilfe des Investmentfonds Bain Capital.
Manche sehen den Nordlondoner „Gail’s“-Ableger als Bedrohung. In einem
[1][Meinungsartikel] des Guardian-Journalisten Jonathan Liew etwa klang das
so: Bain Capital investiere schwer ins Militär und in israelische
Sicherheitsunternehmen (was so allerdings nicht ganz stimmt). Und wenn eine
Kette, die dafür bekannt sei, Gentrifizierungsprozesse voranzutreiben, nur
zwei Häuser neben dem kleinen palästinensischen Café „Metro“ eine neue
Filiale eröffnet, dann ist das für Liew ein „Akt ungehobelter
Ladenstraßen-Aggression“. Quasi eine Wiederholung großer globaler
Ereignisse im Kleinen.
Doch Mahmoud Ismail, Besitzer des „Metro“, widerspricht dieser Darstellung
und verurteilt vielmehr die Attacken auf das „Gail’s“. Der 62-Jährige führt
das Café seit über 30 Jahren mit seiner Frau. „Die Zerstörungsgewalt
schockierte uns. Es spricht nicht für uns Palästinenser. Wir sind
friedliche Menschen“, sagt er. Neben Sandwiches und Kaffee verkaufen die
beiden auch Gegenstände mit palästinensischen Aufdrucken, palästinensische
Fahnen schmücken die Wände in ihrem Café.
## Politisierte Kundschaft auf beiden Seiten
Die vergangenen Jahre seien hart gewesen, aber nicht wegen „Gail’s“,
erzählt Ismael. „Im Gazakrieg verlor meine Frau 30 bis 40
Familienangehörige.“ Er selbst stamme aus Balata im Westjordanland, bekannt
für das Grab des alttestamentlichen Josef, wo drei jüdische Siedlungen
palästinensischen Bewohnern heute das Leben schwer machen würden.
Israel erkennt er nicht an. Es existiere nur die Besatzung des ganzen
Palästina. Die paar hundert Toten des „Widerstands“ des 7. Oktober 2023
könnten nicht mit den Zehntausenden auf palästinensischer Seite verglichen
werden. Während Ismail über genozidale Zionisten schimpft, will er nicht
von „den Juden“ sprechen – er sei kein Rassist und unter seinen eigenen
Kunden gebe es Juden, auch sein Steuerberater und sein Anwalt seien
jüdisch.
„Nein!“, sagt er schließlich, „Gail’s“ ist keine Bedrohung. „Mein Kaffee
kostet 2,95 statt über 4 Pfund wie dort, und bei uns gibt es nur die beste
Qualität, ich habe lang etablierte Kunden und weniger hohe Unkosten als
‚Gail’s‘.“ Es habe jedoch neulich eine andere Art von Bedrohung gegeben.
„Knapp 20 Personen versammelten sich mit Plakaten vor dem Café und
bezeichneten uns als Killer.“ Er schüttelt den Kopf und fragt: „Wer
betreibt denn seit Langem Mord?“
Je öffentlicher die Situation der beiden konkurrierenden Cafés wird, desto
politisierter die Kundschaft. Oxford-Psychologe Ali, 50, ist absichtlich
bei Mahmoud vorbeigekommen, „weil ich für Menschenrechte und gegen
Ungerechtigkeiten bin“. Peter Luscombe aus Ostlondon hingegen ist
angereist, um aus Solidarität bei „Gail’s“ Tee zu trinken. „Ich bin 1944
geboren und beschäftigte mich nach dem Krieg intensiv mit dem
Nationalsozialismus. Deshalb konnte ich Antisemitismus noch nie leiden!“,
sagt der Rentner.
Der 62 Jahre alte Dekorateur John sieht in öffentlichen Räumen wie Cafés
vor allem Chancen. „Die Menschen müssen sich dort und überhaupt als
Menschen begegnen, statt mit vorgekauten Ideologien durch die Welt zu
laufen und dann Fenster einzuschmeißen.“
22 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.theguardian.com/commentisfree/2026/mar/14/food-israel-gaza-war-london-protest
## AUTOREN
(DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
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