# taz.de -- Neue Linkspartei in Großbritannien: Mit ganz vielen linken Händen
       
       > Die britische „Your Party“ von Ex-Labourchef Jeremy Corbyn hält ihren
       > Gründungsparteitag. Die Grenze zwischen Pluralismus und Streit ist
       > fließend.
       
 (IMG) Bild: "Wir sind hier, um etwas Dramatisches zu tun": Jeremy Corbyn eröffnet den Your-Party-Parteitag
       
       Vor dem Konferenzzentrum von Liverpool stehen die Socialist Party, die
       „Sozialist:innen für Tierbefreiung“, die „Liverpooler Freund:innen
       Palästinas“ und die Kampagne für nukleare Abrüstung CND. Drinnen hat man
       die Wahl zwischen dem ehemaligen kommunistischen Parteiblatt Morning Star,
       der Gewerkschaft arbeitender Migrant:innen, der
       Flüchtlingshilfsorganisation "Care 4 Calais", der Kampagne „Stand Up to
       Racism“, den Solikampagnen mit Kuba und Venezuela sowie gleich drei
       propalästinensischen Ständen.
       
       Es ist Gründerzeit bei der britischen Linken. 2.400 Delegierte, per
       Losverfahren unter den 50.000 Mitgliedern, sind zum Gründungsparteitag der
       neuen linken Partei Großbritanniens angereist, die bisher unter dem
       provisorischen Namen [1][Your Party] firmiert.
       
       Das gleicht einem Wunder, nachdem die beiden Führungspersonen,
       Ex-Labourchef [2][Jeremy Corbyn] und die aus der Labourfraktion
       ausgetretene Unterhausabgeordnete [3][Zarah Sultana], monatelang sogar per
       Rechtsanwalt miteinander gestritten hatten. Zwei von vier beteiligten
       Unterhausabgeordneten stiegen derweil wieder aus. Aber jetzt ist es soweit.
       
       Es beginnt mit dem Hit [4][„Ain’t No Stopping Us Now"] des R&B-Duos
       McFadden & Whitehead aus dem Jahr 1979. Ein Dutzend Genoss:innen erheben
       sich enthusiastisch zum Discotanz. Zum Auftakt spricht Lucy Williams,
       Kommunalrätin und Krankenpflegerin. Sie betont den Kampf für Frauenrechte
       und wie man die lokale Labourpartei herausfordere. Dann kündigt sie Jeremy
       Corbyn an.
       
       ## Es geht um Hoffnung, sagt Corbyn
       
       Der 76-Jährige erscheint im grauen Jackett mit weißem Hemd. „Wir sind hier,
       um etwas Dramatisches zu tun, und diese Halle erscheint absolut
       fantastisch, um eine neue demokratische, sozialistische Partei zu gründen!“
       ruft er. Es gehe um die Hoffnungen von Menschen gegen Kinderarmut,
       Wohnungsnot und Rassismus. „Sie hoffen, dass wir Erfolg haben und es hängt
       an uns, eine Massenpartei zu entwickeln.“
       
       Die Ungleichheit in der Welt sei grotesk, auch in Großbritannien. Dann
       erwähnt Corbyn, dass dieser Samstag der Internationale Tag der
       Palästinasolidarität ist und dass 15 Prozent der nach Israel gelieferten
       Teile von F-35-Kampfflugzeugen britisch seien. Da verfällt die Halle in
       großen Beifall und ruft „Free Free Palestine“ und „From the River to the
       Sea“.
       
       Es gibt kein Handbuch zur Parteigründung, mäßigt Corbyn die Stimmung.
       „Vielleicht sollten wir selber eins schreiben?“ Wichtig sei, dass die
       Struktur demokratisch sei und man sich vereine. „Ich habe genug von
       Oben-nach-Unten-Parteien, ich war ein Leben lang in der Labourpartei. Ich
       möchte das nicht in Your Party wiederholen.“ Corbyn liest aus dem
       Parteigründungsdokument vor: Sätze zur Umverteilung, Grundsätze gegen
       Unterdrückung, Schuldzuweisung an die Eliten.
       
       Das mit der Einheit ist nicht so einfach. Während Jeremy Corbyn den
       Parteitag eröffnet, boykottiert Zarah Sultana – aber nur den ersten Tag, am
       Sonntag kommt sie dann doch. Am Samstag war angeblich Mitgliedern der
       trotzkistischen [5][Socialist Workers Party] (SWP) die Mitgliedschaft und
       der Zutritt verwehrt worden. Sultana beschreibt dies vor laufender Kamera
       als Hexenjagd, „eine giftige Kultur, die wir in Labour sahen und hier nicht
       wiederholen wollen“.
       
       So ganz klar ist das aber nicht. Die taz spricht mit der 28-jährigen
       Delegierten Zana Homji. „Ich bin seit dem Austritt aus Labour SWP-Mitglied.
       Die SWP lässt sich aber normalerweise nicht bei Wahlen aufstellen.“
       Tatsächlich ist das Herzstück der SWP eine alljährliche Sommerwoche
       marxistischer und linker Seminare. „Das Gerangel ist enttäuschend“, sagt
       Homji über die Vorgänge in der neuen Partei. „Sie sollten das größere Ziel
       vor Augen haben. Was mich optimistisch macht, ist, wie viele
       Parteimitglieder sich von ganz weit hierher bemühten.“
       
       ## Bloß nicht alle brav das Gleiche sagen
       
       Zu Sultana spalten sich die Geister. Jene, die sie mögen, sprechen von
       ihrem Einsatz in Sachen Rassismus und Solidarität. Der 64 Jahre alte Anwalt
       Mark Pentecost aus Schottland meint: „Eine Partei wo alle brav das Gleiche
       sagen, würde mir nicht gefallen. Ich finde es gut, dass Leute verschiedener
       Meinung sind.“
       
       Ein anderer hingegen zeigt ein Foto mit sich selbst und Sultana auf seinem
       Handy. „Sultana sollte auf den älteren und erfahrenen Staatsmann hören“,
       sagt er und meint damit Corbyn. Auf seinen eigenen pakistanisch-britischen
       Hintergrund verweisend fügt er hinzu: „Sie steht unter dem Einfluss
       wirklich extremer Linker. Die meisten Menschen meines Hintergrunds sind
       eher moderat links.“
       
       Amal Biter, 28, eine Lehrerin aus London, die sich mit dem Mann unterhält,
       glaubt, dass das Überleben der Partei im Fokus stehen muss. „Das ist unsere
       letzte Chance. Als Lehrerin, die auf Lebensmitteltafeln angewiesen ist,
       weil das Geld nicht reicht und als Eritreerin, die in Sudan geboren ist,
       weiß ich, worum es geht.“
       
       Bei Your Party tummeln sich bekannte linke Namen. Etwa der ehemalige
       Gewerkschaftschef Len McCluskey oder mehrere frühere Labourabgeordnete.
       Auch Moyra Samuels, eine der frühen Sprecherinnen von [6][Justice4Grenfell,
       der Selbsthilfekampagne nach dem Hochhausbrand von London mit 72 Toten] im
       Jahr 2017, ist da. „Die neue Partei vertritt zahlreiche Interessen der
       dortigen Gemeinschaft, etwa, was Sozialwohnungen und Rassismus betrifft,
       und Corbyn setzte sich seinerzeit stark für die Betroffenen ein“, erläutert
       sie gegenüber der taz.
       
       ## Enttäuscht von Keir Starmers Labourpartei
       
       Immer wieder wird Jeremy Corbyn genannt, wenn man fragt, warum jemand zu
       Your Party gestoßen ist. Viele waren einst unter Corbyn in die Labourpartei
       eingetreten oder wieder eingetreten und sind unter Keir Starmer
       ausgetreten. „Ich glaube an Corbyns Haltung zur internationalen
       Solidarität“, sagt der 58-jährige Kongolese Jean-Claude Kabuiku, der vorher
       bei den Grünen war. „Er ist gut im Austausch mit anderen und kann andere
       inspirieren.“
       
       Ähnlich Linda Graham, 68, eine ehemalige Lehrerin aus Norfolk: „Als
       vielgereiste Person ist mir Corbyns Sichtweise der Welt und von
       Einwander:innen wichtig. Als es Probleme mit dem Mitgliedsverfahren gab,
       zahlte ich sogar zweimal, es war mir wichtig, sofort beizutreten.“
       
       [7][Die Grünen], die unter ihrem neuen Parteichef Zack Polanski einen
       Popularitätsschub erleben – manche Umfragen sehen sie sogar vor Labour –
       werden hier wohlwollend betrachtet. Viele plädieren für das Recht, Mitglied
       mehrerer Parteien zu sein.
       
       Ein entsprechender Antrag wird am Sonntag mehrheitlich angenommen. Die
       Debatte war kontrovers: Ein Mann, der sich „Dominic aus Croydon“ nannte,
       sprach sich dagegen aus und attackierte SWP-Mitglieder, die einen
       Vergewaltigungsfall versucht hätten zu vertuschen.
       
       Am Sonntag stimmen die Delegierten auch mit der ganz knappen Mehrheit von
       51,6 Prozent für eine kollektive Führung, bei der kein
       Parlamentsabgeordneter den Vorsitz allein haben darf – weder Corbyn noch
       Sultana also soll Your Party führen. Ob der provisorische Parteiname
       bleibt, soll am Sonntagabend entschieden werden.
       
       Viele nennen auch Gaza als Grund für ihr Engagement bei Your Party. In
       Reden wird deutlich, dass für einige der Erfolg des Sozialismus an der
       internationalen Solidarität für Palästinenser:innen zu messen sei. Was
       Antisemitismus betrifft, überschreiten manche Aussagen die Grenzen
       akzeptabler Wortwahl.
       
       So verkündet eine palästinensisch-britische Aktivistin vom Podium, dass der
       Zionismus der Feind des Sozialismus sei. Wieder ertönt Beifall, wieder
       skandieren die Versammelten „Free Free Palestine“ und „From the River to
       the Sea“.
       
       30 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.yourparty.uk/
 (DIR) [2] /Linke-gegen-Linke-in-Grossbritannien/!6013472
 (DIR) [3] /Parteigruendung-beginnt-mit-Streit/!6095748
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=i2FW1WJc0lg
 (DIR) [5] https://socialistworker.co.uk/
 (DIR) [6] /Nach-dem-Grossbrand-im-Grenfell-Tower/!5436291
 (DIR) [7] /Gruenen-Parteitag-in-Grossbritannien/!6117594
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
       
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