# taz.de -- Transformation der Energieversorgung: Der Todeskampf der fossilen Wirtschaft
> Die Energiewende ist nicht zu stoppen. Wer das leugnet, will von ihrem
> Scheitern profitieren. Erneuerbare Energie wächst schneller als alles
> andere.
(IMG) Bild: Dystopien haben eine verführerische Logik. Sie entbinden uns von der Pflicht zur Entscheidung. Wer überzeugt ist, dass es zu spät ist, muss nichts mehr tun
Manche Menschen meinen, die Lage sei ernst und hoffnungslos. Klimaberichte,
die präziser werden und düsterer. Eine geopolitische Ordnung, in der Öl und
Gas nicht nur Energiequellen sind, sondern Machtinstrumente, mit denen
Kriege finanziert und Demokratien unter Druck gesetzt werden. Manche meinen
sogar, die alte fossile Ordnung erlebe gerade ihren zweiten Frühling: Öl-
und Gasdeals mit Autokraten, neue LNG-Terminals, die viel und laut
beschworene Renaissance der Atomkraft, der betörende Ruf nach
Brückentechnologien und wie als Echo darauf erschütternde Wahlergebnisse,
die zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung lieber die
Wirklichkeit wechselt als die Gewohnheiten.
All das führt zu einer fatalen Lähmung. Denn leider haben Dystopien eine
verführerische Logik. Sie entbinden uns von der Pflicht zur Entscheidung.
Wer überzeugt ist, dass es zu spät ist, muss nichts mehr tun. Und wer
glaubt, die Fossilokratie, also jenes Geflecht aus fossilen Interessen, das
nicht nur Märkte, sondern Gesetzgebung, Medien und außenpolitische
Bündnisse durchdringt, sei eine Art göttlicher Wille, kann sich seiner
Ohnmacht hingeben wie dem schlechten Wetter: unangenehm, aber nicht zu
ändern. Welch ein Irrtum!
Denn die fossile Ordnung ist nicht stark. Sie ist laut. Das ist ein
Unterschied. US-Präsident Donald Trumps Rückzug aus dem Pariser Abkommen,
Präsident Javier Mileis Abwicklung des argentinischen Umweltministeriums,
[1][der russische Gaskrieg gegen Europa]: Das sind keine Zeichen eines
Systems in seiner Blüte. Das sind die Zuckungen eines Systems, das spürt,
wie sein Fundament wegbricht. Raubtiere kämpfen am wildesten, wenn sie
verlieren.
In Wahrheit erleben wir nicht den Triumph der fossilen Wirtschaft, sondern
ihren Todeskampf, den Moment also, in dem ein tödlich verwundetes Raubtier
noch einmal alles mobilisiert, was ihm bleibt: Zähne, Krallen, Gebrüll,
Gewalt. Hinter der scheinbaren Blüte der Fossilokratie steckt kein geheimer
Masterplan dunkler Mächte, sondern eine über anderthalb Jahrhunderte
gewachsene Struktur: ein dichtes Geflecht aus Infrastruktur, Subventionen,
politischen Routinen, Konzerninteressen und geopolitischen Abhängigkeiten.
## Günstig, schlicht und ökologisch
Ein System, das sich selbst stabilisiert, auch dann noch, wenn es
ökonomisch und physikalisch längst am Ende ist. Weil es Kriege,
Desinformation und autoritäre Politik hervorbringt, um noch ein paar Jahre
länger von der Beute der Vergangenheit zu zehren. Die fossilen Raubtiere
verlieren. Und sie wissen es. [2][Solarstrom] ist heute die effizienteste
Energiequelle, die die Menschheit je hatte. Günstig. Schlicht und
ökologisch. China baut in einem einzigen Jahr mehr erneuerbare Kapazität
auf als die Europäische Union in einem Jahrzehnt.
In Pakistan, einem Land, das man nicht zu den Vorreitern der Klimapolitik
zählen würde, haben Solaranlagen innerhalb weniger Jahre die Abhängigkeit
von teuren Gasimporten überwunden. In Deutschland gibt es Tage, an denen
[3][erneuerbare Energien] mehr als hundert Prozent des Strombedarfs decken.
Die Energiewende ist kein Versprechen. Sie ist eine Tatsache, die nur von
denen geleugnet wird, die von ihrem Scheitern profitieren wollen.
Wie gelingt das? Durch eine Kurzschlussstrategie: Man „löst“ ein Problem
mit den Mitteln, die es verursacht haben. Als Deutschland nach dem
russischen Angriff auf die Ukraine über Nacht seine Gasabhängigkeit
überwinden musste, baute es in Rekordtempo neue Flüssiggasterminals. Genau
wie nach dem Ölschock der 1970er Jahre wechselte man die Lieferanten, nicht
die Abhängigkeit. Das fossile System wurde nicht überwunden. Es wurde
verlängert und mit neuen Verträgen abgesichert. So verständlich der Reflex,
so widersinnig das Ergebnis.
Denn fossile Abhängigkeit heißt politische Erpressbarkeit – von Russland,
von Golfstaaten, von globalen Konzernen. Dabei liegt das Geld für eine
andere Energiezukunft längst auf dem Tisch. Es fließt nur in die falsche
Richtung. [4][Kreuzfahrtkonzerne] zahlen keine Energiesteuer auf
Schiffsdiesel. Kerosin ist steuerfrei. [5][Fossile Subventionen]
übersteigen in Deutschland die Förderung der Erneuerbaren um ein
Vielfaches.
## Ängste sind unnötig
Man kann die Energiewende hassen und verzögern oder sie mögen und gestalten
– aber wegdebattieren kann man sie nicht. Weltweit wachsen Wind- und
Solarkapazitäten schneller als jede andere Form der Energieerzeugung. Wer
heute noch behauptet, wir stünden am Anfang eines gefährlichen Experiments,
verwechselt Ursache und Wirkung: Das Experiment war das fossile Zeitalter.
Die Energiewende ist die Reparatur.
Die seit Jahrzehnten verzögerte Transformation hat Deutschland nicht
geschützt, sondern geschwächt. China und Deutschland haben die Rollen
getauscht: Das einstige Billiglohnland führt heute die Märkte für
Solartechnik, Batterien und Speicher, während die stolze
Made-in-Germany-Nation über Lohnkosten redet statt über
Technologieführerschaft. Die Wärmewende ist ein Paradebeispiel für diesen
Konflikt. Kaum ein politisches Projekt wurde in den letzten Jahren so
aggressiv als Angriff auf das „Lebenswerk“ kleiner Hausbesitzenden geframt.
Dabei ist das Gegenteil richtig: Wer ein Haus besitzt, dessen Heizung an Öl
und Gas hängt, sitzt buchstäblich auf einer Zeitbombe – nicht nur
klimapolitisch, sondern ökonomisch. Preissteigerungen und Lieferkrisen
treffen zuerst diejenigen, deren Wärmeversorgung fest an fossile Importe
gekettet ist. Wärmepumpen, Dämmung und Quartierslösungen sind deshalb nicht
der Abriss des Lebenswerks, sondern sein Schutz.
Die Fossilokratie weiß das. Und sie weiß, dass sie verloren hat, wenn sich
diese Perspektive durchsetzt. Deshalb werden Ängste geschürt: vor Kosten,
vor Technik, vor Bürokratie. Deshalb wird so getan, als ginge es um die
Frage, ob die Heizungsindustrie überlebt, nicht darum, ob Menschen in zehn
oder zwanzig Jahren ihre Häuser noch bezahlbar warm bekommen. Der
Todeskampf des alten Systems vollzieht sich nicht im offenen Bekenntnis. Er
tarnt sich als Verteidigung der kleinen Leute. Tatsächlich verteidigt er
aber vor allem die Renditen derer, die an fossilen Lieferketten verdienen.
## Soziale Gerechtigkeit durch Verkehrswende
Ähnlich verhält es sich mit der Verkehrswende. Wenn Debatten auf
„Verbrenner gegen E-Auto“ verengt werden, wirkt das wie eine technische
Geschmacksfrage. In Wahrheit geht es um [6][Demokratie und soziale
Teilhabe]. Mobilität entscheidet darüber, wer Zugang zu Bildung, Arbeit,
Kultur hat, wie viel Zeit Menschen in Staus oder in überfüllten Bussen
verlieren, wem der Straßenraum gehört. Ein fossil getriebener Verkehr
zementiert eine Ordnung, in der Autoabhängigkeit zur Eintrittskarte ins
gesellschaftliche Leben wird – und alle, die sich dieses Ticket nicht
leisten können oder wollen, an den Rand gedrängt werden.
Die Menschen klammern sich nicht an den Verbrenner, sie kämpfen um ihre
Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Die Fossilokratie lebt von diesen
Abhängigkeiten: Pendlerinnen, die ohne Auto nicht zur Arbeit kommen;
Kommunen, deren Infrastruktur auf Durchgangsverkehr ausgerichtet ist;
Industrien, die an Spritverbrauch, Asphalt und Parkflächen hängen. Wer
Mobilität nur als Technikfrage diskutiert, überlässt diese Machtfrage
denen, die von genau dieser Abhängigkeit profitieren.
Eine echte Verkehrswende – mehr [7][öffentlicher Nahverkehr], sichere
Radwege, kompaktere Städte, weniger Zwang zum Pendeln – ist deshalb immer
auch eine Demokratisierungs- und Sozialreform. Sie nimmt Macht von
Konzernen und Autokraten und gibt sie den Kommunen und den Menschen zurück.
Auch dezentrale Energie ist mehr als eine technische Option. Sie ist eine
Frage der Machtverteilung. Jede Solaranlage auf einem Dach, jedes
Bürgerwindrad, jedes energieautarke Quartier schneidet ein kleines Stück
aus dem Einflussbereich dieses verwundeten Raubtiers heraus.
Je weniger Energie durch wenige, hochkonzentrierte Knoten von Pipelines,
Tankern und Großkraftwerken fließt, desto weniger Hebel haben diejenigen,
die diese Knoten kontrollieren. Die viel beschworene „Energiesouveränität“
ist kein nationalistisches Projekt, sondern ein demokratisches: Sie
entsteht dort, wo viele Menschen gemeinsam über die Infrastruktur verfügen,
von der ihr Alltag abhängt.
Aber der größte Kurzschluss ist und bleibt, den Todeskampf der
Fossilokratie für das eigene Sterben zu halten, für etwas Unabwendbares,
dem wir ausgeliefert sind wie einer höheren Macht. Unser Problem ist nicht
die Ohnmacht. Es ist die Frage, die wir stellen. Nicht „Schaffen wir es
noch?“, sondern „Was genau hält uns auf?“. Und dann bemerken, dass die
Antwort keine Naturgewalt ist, sondern eine politische Entscheidung.
Wendepunkte gehorchen einer anderen Logik als [8][Kipppunkte im
Klimasystem].
Sie sind nicht vorherbestimmt. Sie entstehen, wenn genug Menschen aufhören
zu warten und anfangen zu handeln. In Bürgerenergiegenossenschaften. Bei
kommunalen Entscheidungen und der Wahl von Heizung, Auto, Stromtarif. Nicht
weil eine gute Tat die Welt rettet, sondern weil sie Teil einer Bewegung
wird, die größer ist als die Summe ihrer Teile. Das Gegenmittel gegen die
Lähmung ist nicht Optimismus als Gefühl. Es ist Handeln als Entscheidung.
Die Energiezukunft ist offen. Offen bedeutet: unentschieden. Unentschieden
bedeutet: Es liegt an uns.
21 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Claudia Kemfert
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