# taz.de -- Die Kunst der Woche: Neuer botanischer Realismus
> Metallpflanzen, die nie verwelken, und schwarze Leinwände, die vom Licht
> leben: Zwei Ausstellungen über Material, Form und Wahrnehmung.
(IMG) Bild: Toshihiko Mitsuya, Where Shadows Fails, Installationsansicht
Die Blumen, Gräser, Farne und Sträucher, die derzeit so prächtig in der
[1][Galerie Nagel Draxler] gedeihen, sind, anders als gewöhnliche Pflanzen,
nicht vergänglich. Der japanische Bildhauer Toshihiko Mitsuya formt sie aus
Aluminiumblech. In seinem Garten gibt es keinen melancholisch stimmenden
Herbst mit fallenden Blättern und keinen Winter mit kahlem Geäst.
Die überaus detailgetreu gestalteten Brombeerranken, Kornblumen und Gräser
sprechen von Mitsuyas künstlerischer Auseinandersetzung mit Form und
Material der Moderne. Sein glänzendes Metall ist ein stilbildendes Material
modernistischer Kunst, widerspricht in seiner fein ziselierten skulpturalen
Form aber deren Kanon. Das wird im Skulpturenpark des Schlossguts Schwante
deutlich, wo Toshihiko Mitsuya einen kleinen Garten pflegt – seit einiger
Zeit in Sichtweite von zwei hochglanzpolierten Stahlskulpturen von Jorinde
Voigt. Ihre großen, in sich gedrehten beziehungsweise gestapelten Volumina
sind Lehrbuchbeispiele modernistischer Skulptur.
Mitsuyas Löwenzahn, seine Mohnblumen oder sein elegantes Chinaschilf bilden
dazu den subversiven Gegenentwurf postmoderner, konzeptueller Kunst. Denn
Mitsuya dekonstruiert zunächst rein gedanklich die Struktur der jeweiligen
Pflanze, um dieses Schema dann in virtuoser Manier auf eine mehrere Meter
lange Zeichnung zu übertragen. Sie bildet das zweidimensionale
Schnittmuster, nach dem er die Pflanze aus einem einzigen Aluminiumblech
ausschneidet und sie dann mit den Händen dreidimensional zur Skulptur
formt.
## Thilo Heinzmann bei neugerriemschneider
In Thilo Heinzmanns [2][vierter Einzelausstellung bei neugerriemschneider],
meint Schwarz nicht die Farbe/Nichtfarbe Schwarz. Schwarz meint Material:
Ölfarbe, Sand und kleine Glassplitter. Die pechschwarze Ölfarbe wird pastos
mit dem Pinsel auf die schwarz grundierte Leinwand aufgetragen. Sie glänzt,
wo sie mit dem Spachtel glattgestrichen wird, wodurch hier und da kleine
Farbklumpen entstehen. Wo der Künstler die Ölfarbe mit Sand versetzt,
erscheint sie matt. Die Braun- und Beigetöne des gröberen Sands sowie das
zarte Blau, Rot und Grün der Glassplitter – einer weiteren Strukturform von
Sand – sind nur in der Nahsicht zu erkennen.
Weil Schwarz hier Material bedeutet, bedeutet es auch Glamour. Denn
bildgestaltendes Material der tiefschwarzen Leinwände ist das Licht. Es
lebt vom Reichtum der Materialien und deren unterschiedlicher Haptik. Die
rauen Oberflächen schlucken das Licht, auf den mit feinem Sand versetzten
Partien wird es zur silbern schimmernden Textur, und in der Reflexion
wirken die glatten Flächen wie lackiert. Dazu ist der Lichteinfall je nach
Standpunkt der Betrachter:innen immer wieder anders. Dadurch verändert
sich mit ihren Bewegungen auch das Bild, das lebendig wird. Diese
Lebendigkeit verführt dazu, sich der Leinwand immer wieder zu nähern, sie
zu umkreisen. Man möchte sie streicheln. Statt der Hand nimmt man die
Augen.
Die Ausstellungen
Toshihiko Mitsuya: „Where Shadow Fails“. Galerie Nagel Draxler,
Weydingerstr. 2/4, Di.–Fr. 11–18, Sa. 12–18 Uhr, bis 18. April
Thilo Heinzmann: „Keep On“. Galerie Neugerriemschneider, Linienstr. 155,
Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 4. April
10 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Brigitte Werneburg
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