# taz.de -- Studie zu Diskriminierungen: Pro Minute werden 17 Menschen in Deutschland diskriminiert
> Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle zeigt: Diskriminierungen sind
> kein gesellschaftliches Randphänomen. Ferda Ataman fordert Konsequenzen.
(IMG) Bild: Laut der Bundesbeauftragten Ataman richtet Diskriminierung einen „Schaden an, den wir uns schlichtweg nicht leisten können“
Schlecht für die Psyche, schlecht für die Wirtschaft, schlecht für die
Gesellschaft, schlecht für die Gesundheit: So könnte man die Folgen von
Diskriminierungen grob herunterbrechen. Wie viele Menschen in Deutschland
allerdings unter diesen Folgen leiden, direkt von Diskriminierungen
betroffen sind, ließ sich bislang kaum beantworten.
Umso erfreuter zeigte sich die Unabhängige Bundesbeauftragte für
Antidiskriminierung, Ferda Ataman, als sie am Dienstag in einer
Pressekonferenz die Studie „Wie Deutschland Diskriminierung erlebt“
vorstellte. Erstmals verfüge man über eine umfassende und repräsentative
Datengrundlage, so Ataman.
Weniger erfreulich als die Studie selbst sind hingegen ihre Ergebnisse:
Jeder achte Mensch in Deutschland hat innerhalb eines Jahres
Diskriminierung erlebt. Umgerechnet auf die erwachsene Bevölkerung seien
das 9 Millionen Menschen. Rechnet man weiter, ergibt das 17 Fälle pro
Minute. Die Zahlen zeigen klar, dass Diskriminierung ein Massenphänomen
sei, das nicht nur am Rande der Gesellschaft anzusiedeln sei, so Ataman.
## 30.000 Menschen erstmals zu Diskriminierung befragt
Die Daten, die das Deutsche Zentrum für Integrations- und
Migrationsforschung (DeZIM) für die Studie auswertete, stammen aus der
Hauptbefragung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Bereits seit 1984
befragt das SOEP jährlich etwa 30.000 Menschen zu Themen wie Einkommen,
Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit. 2023 wurden erstmals auch
umfassende Daten zur Diskriminierung in Deutschland erhoben.
So wurden die Teilnehmer nicht nur gefragt, ob sie Diskriminierung
erfuhren, sondern auch, wo diese Erfahrung stattfand. Jeweils rund 40
Prozent der Betroffenen gaben daraufhin an, einmal Diskriminierung auf der
Straße oder im Arbeitsleben erfahren zu haben. Knapp 20 Prozent berichteten
von Herabwürdigungen, die sie auf Ämtern oder im Kontakt mit der Polizei
erlebten.
## Betroffene gehen kaum rechtliche Schritte
Auch über die Reaktionen auf die Diskriminierungserfahrungen gibt die
Studie Aufschluss: So unternahmen 56 Prozent der Betroffenen keine aktiven
Schritte gegen erlebte Ungleichbehandlungen. Lediglich 12,8 Prozent der
Befragten nahmen institutionelle oder rechtliche Möglichkeiten in Anspruch,
um sich gegen Stigmatisierungen zu wehren. Für die
Antidiskriminierungsstelle deuten diese Zahlen auf „ein mangelndes
Vertrauen in den gesetzlichen Diskriminierungsschutz hin“.
Ataman stellte zudem klar, dass der deutsche Diskriminierungsschutz im
europäischen Vergleich sehr schlecht dastehe. Während Verstöße gegen das
Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Deutschland innerhalb von zwei
Monaten schriftlich geltend gemacht werden müssen, bleiben Betroffenen
beispielsweise in Frankreich hierfür mehrere Jahre. Ataman moniert zudem,
dass das AGG nur sechs Diskriminierungsmerkmale umfasse – in anderen
Ländern gebe es hierfür keine Beschränkungen.
Warum diese Beschränkung problematisch sein kann, zeigt die Studie: 20,8
Prozent der Betroffenen gaben an, wegen sozioökonomischer Gründe
diskriminiert worden zu sein – ein Merkmal, das das AGG nicht umfasst. Die
Studie empfiehlt folglich eine Erweiterung der Schutzgründe des AGGs um
beispielsweise den sozialen Status oder auch die Staatsangehörigkeit.
Dass das AGG ungenügend sei, wisse man seit zehn Jahren, rechnet Ataman mit
dem Gesetz ab. Die Studie dürfe jetzt kein Selbstzweck sein, sondern müsse
zur Grundlage des politischen Handelns werden. Im Koalitionsvertrag ist
eine [1][Reform] des AGG festgeschrieben. „Ich hoffe sehr, dass die
Bundesregierung das Momentum nutzt“, sagt Ataman. Denn Diskriminierung
„richtet Schaden an, den wir uns schlichtweg nicht leisten können“, macht
die 46-Jährige klar.
10 Mar 2026
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(DIR) Jonas Bernauer
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