# taz.de -- Florence + the Machine-Konzert in Berlin: Von schrillen Schreien und tanzenden Hexen
       
       > Die Indie-Popband Florence + the Machine spielt in Berlin so gekonnt mit
       > Stimmlagen und Körpern, dass ganz sicher alle bösen Geister vergehen.
       
 (IMG) Bild: Everybody scream: Florence Welch auf Tour
       
       Es gibt noch nichts zu sehen, als die ersten Schreie zu vernehmen sind.
       Halb stöhnende und kreischende Laute fluten die ausverkaufte Berliner Uber
       Arena, bis der Vorhang fällt. Als Florence Welch langsam aus dem Boden
       fährt, sind sie unter dem Jubel des Publikums kaum mehr auszumachen. Sie
       beginnt zu singen: „Everybody Scream“.
       
       Begleitet von einer Band und einem Chor, bringt sie mit dem Titelsong ihres
       aktuellen Albums, mit dem sie nun schon seit über einem Jahr durch die
       ganze Welt tourt, das Publikum in Stimmung. „Everybody dance, everybody
       sing, everybody move, everybody scream“, singt sie im ersten Refrain, und
       das Publikum folgt. Sie tanzen, singen, schütteln ihre Körper und schreien
       – und das wird sich den ganzen Abend lang nicht ändern.
       
       Es sind fast alle Altersklassen an diesem Abend im weiblich dominierten
       Publikum vertreten, doch die ersten Reihen sind mit Fans der
       [1][Tiktok-Generation] gefüllt. Dort sind in den letzten Jahren auch die
       alten Hits der Indie-Popband [2][Florence + the Machine] viral gegangen.
       Und so sind sie mit Blumenkränzen im Haar, der inoffiziellen Fan-Uniform,
       angereist gekommen und setzen damit einen bunten Kontrast zu der ansonsten
       mystisch-düsteren Stimmung der Show. Die Bühne ist in rotes Licht getaucht,
       der Steg, der von dort ins Publikum ragt, verschwindet in Nebelschwaden.
       Auf ihm tanzt Welch barfuß und im schwarzen wallenden Kleid, ihre
       Bewegungen sind dabei so fließend, dass man sich fragt: Läuft sie? Springt
       sie? Schwebt sie?
       
       Ihre Choreografien werden von einem vierköpfigen „Witch Choir“ begleitet,
       der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Tänzerinnen überstrecken ihre
       Körper, rekeln sich auf dem Boden und werfen ihre Köpfe mit verdrehten
       Augen in alle Richtungen. Sie verstärken den Eindruck, dass an diesem Abend
       etwas Übernatürliches vor sich geht: irgendetwas zwischen [3][Hexenritual]
       und Teufelsaustreibung.
       
       ## Die eigene Essstörung verarbeitet
       
       Zwei Stunden lang spielt Florence + the Machine ein Best-of ihrer letzten
       sechs Alben und zeigt, was sie musikalisch drauf hat. In der Ballade „Witch
       Dance“ wechseln sich treibender Beat mit ruhigeren Passen mit dem so
       typischen kosmischen Harfen-Sound ab, und Florence Welch jagt ihre Stimme
       scheinbar mühelos die Oktaven hoch und runter. Das Publikum feiert die
       klassischen Popsongs wie „Shake it Out“ oder „Cosmic Love“ genau wie die
       akustisch gehaltene Ballade „Hunger“, in der Welch ihre frühere Essstörung
       verarbeitet.
       
       Trotz eindrücklicher Tänze und mystischer Shows ist der wahre Star des
       Abends die Stimme von Florence Welch. Sie ist so kraftvoll und laut, dass
       man sich einbilden kann, sie bräuchte gar kein Mikrofon, um die Halle damit
       zu füllen. Und egal, ob sie auf dem Boden kriecht oder über den Steg rennt,
       sie versagt nicht ein einziges Mal. Umso mehr überrascht ihr Sprechstimme.
       
       Sie klingt zart und zerbrechlich, wenn sie sich an diesem Abend dem
       Berliner Publikum zuwendet. Wenn sie zum Beispiel erzählt, dass sie einen
       bestimmten Song aus ihrem Repertoire nie wieder singen wollte. Zehn Jahre
       lang habe sie ihn nicht mehr gesungen, da er zu schmerzliche Erinnerungen
       in ihr hervorrufe. Doch die Fans hätten ihr geholfen, ihn wieder lieben zu
       lernen. Wie sehr sie „Never let me go“ lieben, zeigt sich am Ende, als
       Welch das Publikum wie einen Chor dirigiert und es Dutzende Male ohne
       instrumentale Begleitung singen lässt: Never let me go.
       
       Es ist ein ganz besonderer Moment, der letztlich nur von einer ihrer
       Zugaben übertroffen wird. Der Hit, mit dem Florence + the Machine vor über
       15 Jahren berühmt werden, lässt auch den letzten Fan in den Rängen
       aufstehen und mitsingen: Dog Days are Over. Welch bittet das ohnehin
       auffallend wenig handyfixierte Publikum, alle Geräte wegzupacken und ganz
       im Moment zu sein. Und das Publikum folgt auch diesem Wunsch und gibt sich
       ganz der Musik hin.
       
       Eigentlich bestimmen düstere Rock-Hymnen über Liebeskummer oder
       aufbegehrende Popsongs mit Selbstreflexionen als Popstar die Musik von
       Florence + the Machine und damit auch diesen Abend. Doch zum Schluss
       klingen noch einmal andere Töne an. Die 39-jährige Sängerin wendet sich ein
       letztes Mal an das Publikum und erzählt, wenn nur ein Lied von ihr Realität
       werden könne, dann sollte es dieses sein, ihr Abschlusssong „And Love“. Und
       so ist die Zeile „Peace is Coming“ das Letzte, was an diesem Abend zu hören
       ist. Und selbst als das Konzert vorbei ist und man aus der Arena auf den
       grauen kalten Vorplatz tritt, bleibt das Gefühl: Irgendwelche bösen Geister
       wurden heute vertrieben.
       
       10 Mar 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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