# taz.de -- Saftdiät, Basenfasten, Entgiftungskur: Das Gehirn auf Urlaub schicken
> Während das Gehirn arbeitet, entsteht unweigerlich Abfall. Wie wir diese
> Stoffe wieder loswerden, war lange unklar. Aber es gibt eine Theorie.
(IMG) Bild: Viel spricht dafür, dass die Qualität des Schlafs ein Faktor bei der Reinigung des Gehirns spielt
Saftdiäten, Basenfasten, Entgiftungskuren – es gibt haufenweise Tipps, wie
giftige Stoffe aus dem Körper gespült werden sollen. Dabei macht er das in
der Regel sehr gut selbst, unterstützt vor allem durch eine gesunde Routine
mit ausgewogenem Essen, ausreichend Bewegung und Schlaf. Dafür gibt es
verschiedene Mechanismen. Spezialisierte Immunzellen „fressen“ den Müll,
die Leber baut giftige Stoffe ab. Zum Abtransport von Abfallstoffen ist
zudem das Lymphsystem wichtig. Es zieht sich netzartig durch den Körper,
nimmt den Abfall auf und wirkt dadurch wie eine Spülung.
Im Gehirn gibt es dieses System nicht. Nötig ist eine gute Reinigung dort
jedoch ebenfalls, sagt Gabor Petzold, Direktor für Klinische Forschung am
Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE): „Das Gehirn
bildet grundsätzlich viele Eiweißstoffe und andere Produkte und muss sie
dann auch wieder loswerden.“ Das seien nicht alles toxische Stoffe, häufig
handle es sich um ganz normale Nebenprodukte des Stoffwechsels.
Werden die Abfallstoffe nicht richtig entsorgt, kann das sehr schädlich
sein. Ablagerungen im Gehirn können zu Entzündungen führen, die ihrerseits
möglicherweise die Gehirnzellen selbst schädigen und die Denkfähigkeit
beeinträchtigen. Das kann vorübergehend sein, aber auch zu dauerhaften
Konsequenzen führen.
So sind bestimmte Proteinverklumpungen im Gehirn charakteristisch für die
Alzheimer-Demenz. Ein Ansatz zur Vorbeuge oder Behandlung der Krankheit ist
es, die Bildung der Klumpen zu verhindern oder die vorhandenen möglichst
wieder loszuwerden – kurz: die Müllabfuhr im Gehirn zu stärken. Dazu jedoch
muss der Mechanismus der Hirnreinigung erst einmal besser verstanden
werden.
[1][2012 berichtete eine Forschungsgruppe] um die dänische
Neurowissenschaftlerin Maiken Nedergaard von einem System, das der Lymphe
ähnelt: Sie nannten es das „glymphatische System“. Das „g“ steht hier für
Glia, eine Zellart im Gehirn, die eine Schlüsselrolle im neu gefundenen
Prozess spielt. Das Nervenwasser, auch Liquor genannt, fließt
bekannterweise durch verschiedene Räume im Gehirn, unter anderem durch
winzige Kanäle rund um die Blutgefäße. Ausgekleidet sind diese mit
Gliazellen.
[2][Die Theorie:] Durch wasserleitende Kanäle in deren sogenannten
Endfüßchen tritt der Liquor dann in das Hirngewebe ein und kann dort die
Abfälle aufnehmen. Über mehrere Wege fließt das Nervenwasser letztendlich
wieder aus dem Gehirn heraus, etwa durch die Hirnvenen und die Hirnhäute.
## Nachweise kommen aus Tierversuchen
„Die wissenschaftlichen Nachweise dafür gibt es bisher vor allem aus
Tierversuchen mit Mäusen“, sagt Gabor Petzold. „In den Tieren lässt sich
der Vorgang nachverfolgen, indem man einen fluoreszierenden Stoff in das
Gehirn einbringt.“ Beim Menschen sei das schon ethisch nicht ohne Weiteres
möglich, dort müsse sich die Forschung bisher überwiegend auf indirekte
Messungen verlassen.
„Beispielsweise können wir nachsehen, wie viele Abfallstoffe über die
Halsvene aus dem Gehirn transportiert werden.“ Das sei jedoch vor allem ein
Nachweis dafür, dass es ein funktionierendes Abfallsystem gebe – aber keine
Erklärung dazu, wie genau der Prozess abläuft. Dazu können Tierversuche
zwar wichtige Hinweise liefern, einfach [3][übertragen lassen sie sich
allerdings nicht auf den Menschen]. Schon allein deshalb nicht, weil die
Hirnanatomie unterschiedlich ist.
Trotzdem gibt es Ähnlichkeiten und einige Aspekte ließen sich bereits beim
Menschen zeigen: So hat 2025 ein internationales Forschungsteam, zu dem
auch Gabor Petzold gehörte, den [4][Fluss der Gehirnflüssigkeit mithilfe
einer Magnetresonanztomographie (MRT) gemessen.]
Dabei untersuchten sie unter anderem Patienten mit zerebraler
Amyloidangiopathie – eine Erkrankung der Blutgefäße im Gehirn, bei der die
Abfallbeseitigung nicht gut funktioniert. Bei diesen Menschen war die
Beweglichkeit des Liquors im Vergleich zu gesunden Personen deutlich
verändert. Das könnte zumindest darauf hindeuten, dass hier das
glymphatische System nicht effektiv arbeiten kann.
Ein wichtiger Aspekt, der ebenfalls größtenteils in Nagern betrachtet
wurde, ist der Schlaf. Verschiedene Studien legen nahe, dass die Reinigung
vor allem im schlafenden Gehirn passiert. Und selbst dann nicht
durchgehend, erklärt Gabor Petzold: „Das ist nicht wie eine Waschmaschine,
die eingeschaltet wird und die ganze Nacht irgendwie läuft.“
Vielmehr komme es auf die Schlafphase an. Das haben auch Maiken Nedergaard
und ihre Kollegen 2019 bei Mäusen festgestellt. Ihr Fazit: Der Liquor-Fluss
funktioniert besser, je tiefer der Schlaf. Allerdings hatten sie die Tiere
für ihre Studie mit verschiedenen Medikamenten anästhesiert, statt
natürlichen Schlaf zu messen – und wie übertragbar die Daten auf den
Menschen sind, lässt sich auch hier nicht sagen. „Das Schlafverhalten von
Mäusen unterscheidet sich deutlich von unserem“, sagt Neurologe Petzold.
## Reinigt Schlaf das Gehirn?
Dazu, warum Schlaf vorteilhaft für das glymphatische System sein könnte,
gibt es ebenfalls mehrere Theorien. So vergrößert sich bei Mäusen in dieser
Zeit der extrazelluläre Raum, also die Bereiche um die Zellen herum, von
etwa 14 Prozent im Wachzustand auf rund 24 Prozent im Schlaf. Das könnte
dem Liquor ermöglichen, mit weniger Widerstand durch das Gehirn zu fließen.
Zudem helfen möglicherweise [5][rhythmische Schwingungen der Neuronen] beim
Schlafen, das Nervenwasser im Gewebe zu verteilen.
Neben der Nachtruhe könnten weitere Faktoren die Gehirnreinigung
unterstützen. Mäuse, die vier Wochen lang immer wieder freiwillig in einem
Laufrad rannten, [6][hatten daraufhin ein aktiveres glymphatisches System].
Das könnte etwa daran liegen, dass die wasserdurchlässigen Kanäle in den
Gliazellen [7][durch Bewegung vermehrt werden und der Liquor besser in das
Gehirngewebe gelangt]. Oder indirekt durch einen verbesserten Schlaf nach
dem Auspowern. „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Sport beim Menschen
ebenfalls helfen könnte“, sagt Gabor Petzold. „Auch die Ernährung mag eine
Rolle spielen – aber das lässt sich noch viel schwerer nachzuweisen.“
Um das glymphatische System beim Menschen tatsächlich nachzuweisen und zu
verstehen, sind neue Forschungswege nötig, betont Petzold. „Tierversuche
können uns nur bis zu einem Punkt bringen – um wirklich einen klinischen
Nutzen zu finden, müssen wir menschliche Untersuchungen möglich machen.“
Etwa mit Blick auf einen möglichen Zusammenhang zwischen dem glymphatischen
System und der Alzheimerkrankheit. „Wenn wir diesen Mechanismus positiv
beeinflussen könnten, wäre das eine Chance für Betroffene.“
14 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.science.org/doi/10.1126/scitranslmed.3003748
(DIR) [2] https://www.jneurosci.org/content/41/37/7698.long
(DIR) [3] https://www.cell.com/neuron/fulltext/S0896-6273(25)00843-8
(DIR) [4] https://www.nature.com/articles/s41593-025-02073-3
(DIR) [5] https://www.nature.com/articles/s41586-024-07108-6
(DIR) [6] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0014488624000967
(DIR) [7] https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/10738584251404010
## AUTOREN
(DIR) Stefanie Uhrig
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