# taz.de -- Folk-Fiction durch KI: Kevin allein im Prompt
       
       > Künstliche Intelligenz erfindet Geschichten, die täuschend echt wirken.
       > Jüngstes Beispiel ist ein Video vom Filmset von „Kevin allein in New
       > York“.
       
 (IMG) Bild: „Kevin allein in New York“ gehört für einige fest zur Vorweihnachtszeit
       
       Seit ungefähr zwei Jahren sammle ich in einem Ordner, den ich spontan „AI
       hereingefallen“ genannt habe, KI-Bilder und -Videos, auf die ich – nun ja –
       hereingefallen bin. Wenn ich mir die ersten Postings darin heute ansehe,
       kann ich kaum glauben, was ich einmal für wahr gehalten habe. Da gab es zum
       Beispiel diesen Gucci-Automaten in der New Yorker U-Bahn … als
       Marketing-Gag hätte ich es der Marke zugetraut!
       
       Ein jüngeres Beispiel ist ein Video vom Filmset von [1][„Kevin allein in
       New York“]. Man sieht da etwa die McCallisters in einer Flugzeugattrappe
       vor einem Greenscreen. Zugegeben, ich habe diesem Video nur ganz kurz
       geglaubt. Fast schon automatisch öffne ich bei allen Inhalten, die mein
       Vertrauen erwecken, sofort den Kommentarbereich – in der Erwartung, dort
       die üblichen „Das ist AI“-Kommentare vorzufinden. Da sie sich mittlerweile
       unter nahezu allen Inhalten befinden, ist das allerdings auch nur bedingt
       aussagekräftig.
       
       Wenige Stunden später begegnete mir im Feed dann ein Reaction-Video. Es war
       von einem Set-Designer, der ausführlich erklärte, warum die dargestellten
       Kulissen völlig unrealistisch seien. In seiner Kommentarspalte waren sich
       alle über die Funktion des KI-Videos einig – reinstes Engagement Bait! Das
       ist schon richtig, solche Clips triggern Likes, Shares und Kommentare. Aber
       warum funktionieren sie als Köder so gut, welche Sehnsucht wird damit
       bedient?
       
       ## Der Wunsch, im heimatlichen Hafen noch mehr zu entdecken
       
       Nun, einerseits sind sie – zumindest für all diejenigen, die mit „Kevin
       allein zu Haus“ und „Kevin allein in New York“ aufgewachsen sind – vertraut
       und [2][gehören fest zur Vorweihnachtszeit]. Gleichzeitig zeigen sie etwas,
       das man noch nicht gesehen hat. Sie befriedigen den Wunsch, dass der
       Kevin-Kosmos noch nicht abgeschlossen ist, dass es im heimatlichen Hafen
       noch mehr zu entdecken gibt.
       
       Insofern fällt das Video zunächst in den [3][Bereich der Fan-Fiction]. Fans
       schreiben die Geschichten weiter, füllen Lücken, erfinden Vorgeschichten.
       Sie tun das mit Aufwand, Akribie, Fantasie und meistens unter sich, in
       Foren und auf Plattformen, die nur Eingeweihte kennen. Aber die Person, die
       das Kevin-Video erstellt hat, ist nicht unbedingt ein leidenschaftlicher
       Fan. Zumindest musste sie keinen weiteren Aufwand betreiben, um mit Sora 2
       oder Nano Banana Pro die fiktiven Aufnahmen zu erstellen. Und die
       Millionen, die es schauen, sind es vermutlich auch nicht.
       
       Vielleicht brauchen wir deshalb einen neuen Begriff für diese sich gerade
       rasant entwickelnde Rezeptionsweise und die dabei entstehenden
       KI-Kurzfiktionen. Ich würde vorschlagen: Folk-Fiction. Abgeleitet von
       Folklore, Erzählungen, die niemandem und allen gehören, die weitergegeben
       und variiert werden, ohne dass jemand nach den Autoren fragt.
       
       ## Ein einziger Satz genügt
       
       Folk-Fiction entsteht nicht in abgelegenen Fanfic-Foren, sondern im
       Prompt-Feld eines Generators und wird dann in den Feeds der großen
       Plattformen geteilt. Ein einziger Satz („Zeig mir das nie veröffentlichte
       Making-of von Kevin allein in New York“) reicht, und schon wird ein neuer
       Aspekt der Geschichte ersponnen. Das KI-Video lädt dazu ein, die vertraute
       Geschichte noch einmal neu als Erlebnisraum zu betreten, als hätte es diese
       Version der Vergangenheit wirklich gegeben. Genau wie früher bei Märchen:
       Alle dürfen mitreden, alle dürfen verändern, und niemand fragt nach dem
       Original.
       
       Das Kevin-Video ist deshalb weder ein Marketing-Gag noch reiner Clickbait.
       Es ist eine Variante des Volksmärchens. Man erzählt sich, wie es wirklich
       war am Set, wie Kevin fast vom Kran gefallen wäre, wie Catherine O’Hara
       improvisierte. Und wir schauen hin, weil wir dabei sein wollen bei dieser
       kollektiven Erinnerung an ein Ereignis, das nie stattgefunden hat.
       
       War ich enttäuscht, dass dieses Video nicht real war? Nicht wirklich.
       Vielleicht gehört zum Weihnachtsgefühl 2025 eben auch die Folk Fiction. All
       die Szenen, die nie gedreht wurden, aber jetzt existieren. Vielleicht
       schauen wir schon im nächsten Jahr eher tausend Spielarten von Folk-Fiction
       statt ein einziges Mal den Originalfilm.
       
       Annekathrin Kohout ist Autorin und Kulturwissenschaftlerin in Leipzig.
       
       10 Dec 2025
       
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