# taz.de -- Kindesmissbrauchsprozess in Braunschweig: Ein Mann mit Fantasien und einer willigen Helferin
       
       > Der Ex-FDP-Bundestagsabgeordnete Hartmut Ebbing steht in Braunschweig vor
       > Gericht, weil er einen siebenjährigen Jungen missbraucht haben soll.
       
 (IMG) Bild: Stand schon in Berlin wegen ähnlicher Vorwürfe vor Gericht: Hartmut Ebbing (links, unscharf) in Hamburg neben seinem Anwalt
       
       Ein ehemaliger FDP-Abgeordneter, eine Grundschullehrerin und ein
       Missbrauchsvorwurf: Das sind die Eckpunkte eines Prozesses, der am Dienstag
       vor dem Landgericht Braunschweig begonnen hat. Missbrauchsprozesse gibt es
       traurigerweise viele. Die meisten werden öffentlich kaum wahrgenommen. Oft,
       weil niemand so genau hinsehen mag. Oder weil die Öffentlichkeit zum Schutz
       der Opfer ausgeschlossen wird. In diesem Fall ist das anders.
       
       Schon im Februar sickerte durch, wer hier auf der Anklagebank sitzen würde,
       mehrere große Medien berichteten nahezu zeitgleich darüber. [1][Hartmut
       Ebbing hatte von 2017 bis 2021 für die FDP im Bundestag gesessen]. Er war
       außerdem Schatzmeister der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG).
       
       Er selbst bescheinigt sich in einer Einlassung eine „bescheidene
       Prominenz“, zumindest in einer gewissen Berliner Blase. Das war, als ihm in
       Berlin eine Anklage wegen des Besitzes und der Verbreitung von
       kinderpornografischen Aufnahmen drohte. Und er das Gericht bat, die Sache
       doch per Strafbefehl und ohne öffentliche Verhandlung abzuhandeln.
       
       Unter anderem mit dem Argument, er brauche Zeit, um sein Amt als
       Schatzmeister der DIG ordnungsgemäß zu beenden – sogar für einen Hinweis
       auf die politische Bedeutung nach dem Überfall der Hamas auf Israel war er
       sich bei dieser Gelegenheit nicht zu schade. Das Amtsgericht Tiergarten
       verurteilte ihn geräuschlos zu zehn Monaten auf Bewährung. Das Urteil ist
       rechtskräftig und die Bewährungszeit von drei Jahren noch nicht abgelaufen.
       
       ## Grundschullehrerin hat ihre Söhne für ihn fotografiert
       
       Doch nun steht Ebbing wieder vor Gericht. Und neben ihm – nur durch einen
       ihrer Verteidiger von ihm getrennt – die Frau, der vorgeworfen wird,
       zumindest einen kleinen Teil dieses [2][kinderpornografischen Materials]
       produziert zu haben – mit ihren eigenen Söhnen, die damals sieben und neun
       Jahre alt waren.
       
       Die 51-jährige Grundschullehrerin und alleinerziehende Mutter von acht
       Kindern sagt, sie könne sich heute auch nicht mehr erklären, wie es so weit
       kommen konnte. Während des gesamten Prozesses weint sie fast
       ununterbrochen, äußert sich nur stockend und leise und muss sich immer
       wieder von ihren Verteidigern ermuntern und weiterhelfen lassen.
       
       Zum Tatzeitpunkt wohnten fünf ihrer acht Kinder, die von zwei verschiedenen
       Partnern stammen, noch bei ihr. Den eloquenten Politiker lernte sie [3][auf
       einer Datingplattform] kennen und erhoffte sich offenbar eine Beziehung.
       Doch der 18 Jahre ältere Ebbing hat, wie aus den Chatverläufen hervorgeht,
       die im Gericht auszugsweise zitiert werden, ziemlich schnell durchblicken
       lassen, worauf er steht.
       
       Er habe immer von so einer Familie in den Niederlanden geschwärmt, sagt
       sie. Eine, die das Modell der totalen sexuellen Offenheit lebt. So etwas
       habe er auch gewollt. Die Kriminalbeamtin, die diese Chats später
       auswertete, wird es als „Familienpetting“ bezeichnen. Die Beziehung begann
       irgendwann im August.
       
       Bereits am 5. September schickte die Angeklagte, was sie auch einräumt, zum
       ersten Mal zwei Fotos ihres siebenjährigen Sohnes, dem sie zuvor zu einer
       Erektion verholfen hatte. Am 11. September besuchte der Politiker die
       Familie.
       
       ## Umstritten ist, ob Ebbing den Jungen selbst angefasst hat
       
       Und hier – so wirft es ihm die Staatsanwaltschaft zumindest vor – soll er
       selbst Hand angelegt haben, während der Siebenjährige duschte. Ebbing
       selbst leugnet das. In den Chats, die beide anschließend ausgetauscht
       haben, fallen allerdings Sätze wie: „Ich finde es unglaublich, dass er
       zugelassen hat, dass ich ihn rubble.“
       
       Ebbing erklärt, er habe noch nie ein Kind angefasst. Nicht einmal, als er
       durch seine eigenen Kinder Gelegenheit dazu gehabt habe. All das habe sich
       immer nur in seiner Fantasie abgespielt. Er habe stets nur mit Erwachsenen
       gechattet und Bildmaterial ausgetauscht. Er bedauere es heute, Frauen und
       Mütter in diese Fantasiewelt hineingezogen zu haben. Bis zur
       Hausdurchsuchung habe er erfolgreich verdrängt, dass diesen Abbildungen ein
       realer Missbrauch vorausgegangen sein musste.
       
       Auch die Grundschullehrerin empfindet die Durchsuchung ihres eigenen Hauses
       bis heute als das einschneidendste und traumatischste Erlebnis. Drei Jahre,
       nachdem die Beziehung zu dem Berliner Politiker beendet war, stand
       plötzlich die Polizei vor ihrer Tür. Grund dafür waren die in dem Berliner
       Verfahren aufgefundenen Chats und Fotos.
       
       Nachdem Ebbing sie im Harz besucht hatte, schickte sie ihm noch bei zwei
       weiteren Gelegenheiten, am 22. September und am 9. Oktober, Fotos ihrer
       nackten Söhne mit erigiertem Glied unter der Dusche. Dann hat sie Schluss
       gemacht. Weil ihr das alles zu viel wurde, wie sie sagt. Sie habe alles
       gelöscht und seine Nummer geblockt. Sie habe nie wieder darüber gesprochen.
       
       ## Beide scheinen mehr mit den Folgen als den Taten zu hadern
       
       Bis schließlich nicht nur die Polizei, sondern auch das Jugendamt vor der
       Tür stand. Im Prozess wirkt es oft so, als hadere sie weniger mit den Taten
       selbst als mit den Folgen. Das gilt möglicherweise auch für die Kinder.
       Diese wurden zum Teil bei ihrem leiblichen Vater und zum Teil in
       Einrichtungen untergebracht.
       
       Obwohl sie und ihre Verteidiger betonen, dass alle zu ihr zurückwollen. Mit
       dem Vater der Jungen hatte sie sich schon in den Jahren zuvor einen lang
       anhaltenden Sorgerechtsstreit geliefert, der bis heute andauert. Die
       älteren Mädchen sind inzwischen zu ihr zurückgekehrt, da sie alt genug
       sind, um ihren Lebensmittelpunkt selbst zu bestimmen.
       
       Doch die Familie bleibt zerrissen. Obwohl sie in der Berichterstattung nie
       namentlich genannt wurde, habe man sie im Ort schnell identifiziert, sagt
       die 51-Jährige. Auch darunter litten die Kinder, die angesprochen würden,
       nicht mehr eingeladen würden und enge Freunde verloren hätten.
       
       ## Angeklagte klagen über Berichterstattung
       
       Sie selbst steht wohl auch beruflich vor dem Aus. Noch ist sie lediglich
       suspendiert und erhält weiter ihre Bezüge, das Disziplinarverfahren ruht
       bis zum Ende des Strafprozesses.
       
       Auch Ebbing beklagt die „existenzvernichtende“ Berichterstattung. Um zu
       beurteilen, ob seiner ersten Strafe eine weitere hinzugefügt werden muss,
       wird sich das Gericht nun im sogenannten Selbstleseverfahren noch einmal
       durch 560 Seiten Chatverläufe quälen müssen.
       
       Dann wird darüber zu entscheiden sein, ob man der Mutter glaubt, die nach
       anfänglichem Zögern und Leugnen nun sagt, sie habe gesehen, dass er das
       Kind angefasst habe.
       
       Oder dem Mann, der sagt, dass dies – genau wie die Aufforderungen, die 13
       und 15 Jahre alten Töchter dazuzuholen, die Fantasien vom Familienbett und
       das Gerede von Gleitgel – alles immer nur Fantasien waren und keine
       ernstgemeinten Pläne.
       
       10 Mar 2026
       
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