# taz.de -- Rockband Geese: Großes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit
> Vier Freunde gründen eine Band: Die US-Combo Geese begeistert mit
> kurvenreichen Songs und Haltung gegen das Establishment. Ist der Hype
> begründet?
(IMG) Bild: Für Geese besteht Helmpflicht
Surreal ist es schon fast, was zuletzt mit der New Yorker Rockband Geese
geschah. Im September 2023 spielten Geese vor gerade 200 Leuten im Berliner
Badehaus. In den kommenden Tagen absolvieren Sänger Cameron Winter,
Gitarristin Emily Green, Bassist Dom DiGesu und Drummer Max Bassin zusammen
mit dem Gast-Keyboarder Sam Revaz vier ausverkaufte Auftritte in
Deutschland in großen Hallen. Der Kult um Geese ist eine unwahrscheinliche
Geschichte einer mysteriösen Band in einer verrückten Zeit.
Der an der US-Ostküste lehrende Romanist und Youtuber „Professor Skye“
(Skye Paine) analysiert in seinen Videos neue Veröffentlichungen, ordnet
neue Musik leidenschaftlich und dabei oft affirmativ in Zeitgeist und
Popkultur ein. Skye ist ein Wegbegleiter der Band. Er sieht ihren Erfolg
als Anomalie der zeitgenössischen US-Kultur. Lange hätten [1][vor allem
Solist:innen wie Taylor Swift] die Popkultur bestimmt: „Amerika
interessiert sich einfach nicht für Bands, wir sind ein individualistisches
Land.“ Zwar gibt es aktuell kommerziell sogar noch erfolgreichere Modelle
aus den Staaten wie etwa Turnstile; der Hype um Geese ist aber anders, da
weniger oberflächlich.
Jeder gemeinsame Auftritt, jedes Solokonzert der einzelnen Bandmitglieder,
jede öffentliche Äußerung wird zitiert, interpretiert, auf Social Media
massenhaft verbreitet. In Collegeradios hat Geese, die stilistisch zwischen
experimentellem Indie, Postpunk und Art-Rock changieren, Powerplay-Status.
Sänger Cameron Winter steht im Mittelpunkt einer eigenen Memekultur. Sein
Gesangsstil wirkt entfesselt. Er kratzt, kreischt bis zur Unkenntlichkeit,
flüstert und croont, fleht und mäandert durch die Songs.
## Durch Songs mäandern
Zwischen den letzten beiden Band-Werken veröffentlichte Winter im Dezember
2024 ein lyrisch komplexes und hochgelobtes Soloalbum im Graubereich von
Folk und Soul. Im Dezember 2025 filmte der Hollywood-Regisseur Paul Thomas
Anderson ein Konzert von Winter am Piano in der New Yorker Carnegie Hall.
Wenige Monate zuvor kam mit „Getting Killed“ das dritte (inoffiziell
vierte) Geese-Album auf den Markt und vordergründig tat Geese alles, um auf
die Hype-Bremse zu drücken.
Die Musik klingt noch sperriger als der Vorgänger, Winters Songpoesie ist
noch enigmatischer. Die US-Kritik schrieb Lobeshymnen, das weitgehend junge
Publikum bejubelte die Entwicklung enthusiastisch. Auch die Wahl des
Produzenten verblüffte. Kenny Beats arbeitete schon mit R&B- und
Hip-Hop-Künstler:innen wie [2][FKA Twigs], Denzel Curry und Freddie Gibbs,
aber eben [3][auch mit der britischen Punkband Idles].
„Getting Killed“ passt als klassisches Grower-Album nicht in diese Galerie
und bricht auch in Sachen Songwriting mit konventionellen Spannungsbögen
und Genre-Gepflogenheiten. Hits finden sich keine, dafür liegt etwas
Düster-Dräuendes über Musik und Texten. Als Reaktion auf die pervertierte
Egozentrik und die Inflation von reaktionären Rollenbildern einer zum
Rechtsautoritären tendierenden US-Gesellschaft?
## Distanz zum Establishment
Gleich im Auftaktsong „Trinidad“ wirft Geese seine Zuhörer:innen in ein
schauriges Familiendrama, auch an anderen Stellen erzählt Winter in den
Songs abgründige Storys, in die man leicht das große Ganze interpretieren
kann. Auch jenseits ihrer Kunst positionieren sich Bandmitglieder immer
wieder zu politischen Themen und distanzieren sich explizit vom
US-Establishment.
Professor Skye verortet im Gespräch mit der taz die Band innerhalb größerer
gesellschaftlicher Zusammenhänge: „Politisch erzielen wir keine
nennenswerten Erfolge, aber künstlerisch gibt es sie denn doch. Im Hip-Hop
ist [4][das Comeback von Kendrick Lamar] spirituell wichtig und der jüngste
Auftritt von Bad Bunny beim Super Bowl ebenfalls. Es liegt auf der Hand,
dass Geese mit ihrer Musik ein unbewusstes Verlangen nach mehr
Kollektivität repräsentieren.“
In einem Video verfolgt Professor Skye den Gedanken, dass der
allgegenwärtige Traum, mit Freund:innen auf der Highschool eine Band zu
gründen, wieder auflebt. Im Fall von Geese wurde genau dieser Traum
verwirklicht. Vielleicht braucht Rockmusik, der böse Zungen eine Sinnkrise
attestieren, gerade jetzt den Sound von Geese, der musikalisch nach Risiken
sucht und in den Songtexten Raum für Interpretation lässt. Das Ende der
Fahnenstange ist im Nebel der unerwarteten Entwicklungen, die Geese
jedenfalls bisher nehmen, noch nicht zu erkennen.
10 Mar 2026
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## AUTOREN
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