# taz.de -- Sanktionen gegen Ruanda: Völkermord verjährt nicht
> Die USA bestrafen Ruandas Armee, Frankreich trainiert im Kongo ihre
> Gegner. Ruandas Regierung sieht sich bestätigt: Im Zweifel sind wir
> allein.
(IMG) Bild: Für Präsident Kagame ist Ruandas Selbstbehauptung seit vielen Jahren sein Lebensinhalt
Der [1][Völkermord an den Tutsi in Ruanda 1994] endete nicht, weil die
Tutsi alle tot waren. Er endete, weil die Tutsi nicht alle tot waren. Die
Tutsi-Rebellenbewegung RPF (Ruandische Patriotische Front), die im Vorjahr
Frieden mit Ruandas damaliger Hutu-Regierung geschlossen hatte, griff
wieder zu den Waffen. Rund 100 Tage vergingen zwischen dem Beginn der
organisierten Massaker in der Nacht zum 7. April 1994 und der RPF-Eroberung
der Hauptstadt Kigali am 4. Juli. Die Rebellen siegten ohne internationale
Unterstützung. Der Genozid an der Tutsi-Zivilbevölkerung mit rund 10.000
Toten am Tag war [2][„nicht so wichtig“], wie es Frankreichs damaliger
sozialistischer Präsident François Mitterrand später formulierte.
Die RPF, geführt von Paul Kagame, regiert Ruanda bis heute. Die
Verantwortlichen für den Völkermord fanden Asyl in der Demokratischen
Republik Kongo, die damals noch Zaire hieß. Direkt an der Grenze in den
Provinzhauptstädten Goma und Bukavu ließen sie sich nieder, mit ihren
Waffen und [3][mit Hilfe Frankreichs], das ihre Armee jahrelang aufgerüstet
hatte und jetzt ihre Flucht militärisch absicherte. Frankreich hatte im
Juni eine Interventionstruppe nach Ruanda geschickt – offiziell, um den
Völkermord zu beenden; tatsächlich, um die RPF zurückzudrängen.
Die französische „Opération Turquoise“ scheiterte, schon nach zwei Monaten
zogen die Franzosen wieder ab. Zwischenzeitlich gab es mehrere gefährliche
Konfrontationen. Eine wurde nur dadurch entschärft, dass französische
Soldaten an einer RPF-Straßensperre einen Soldaten der Völkermordarmee, der
bei ihnen im Jeep saß, auf die Straße warfen, wo die RPF ihn erschießen
konnte.
Aus der „157th CMF“ (Combined Mobile Force) der RPF, die damals Frankreich
in die Schranken wies, sind zahlreiche namhafte Generäle von Ruandas
Streitkräften hervorgegangen. Seit 1996 haben diese immer wieder in der DR
Kongo eingegriffen, um die Völkermordtäter zu jagen. Deren Organisation
FDLR (Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas) ist zwar nur noch
schwach, aber [4][ihr Gedankengut] – dass man Ruanda zurückerobern und das
Werk von 1994 vollenden muss, damit die Region Frieden findet – stößt bei
manchen Kongolesen auf Sympathie, sogar an höchster Stelle in Politik und
Militär. Um sich davor zu schützen, unterstützt Ruanda die Tutsi-geführte
kongolesische Rebellenbewegung M23 (Bewegung des 23. März), die [5][das
Grenzgebiet um Goma und Bukavu kontrolliert].
Viele RPF-Generäle wurden in den USA militärisch geschult. Aber nun haben
die USA wegen Ruandas Unterstützung der M23 gegen mehrere ruandische
Generäle sowie Ruandas Streitkräfte als Ganzes [6][Sanktionen verhängt]. Es
ist ein Trump-typischer Schlag ins Gesicht früherer Freunde.
Bei Kagame beißt Trump auf Granit. Ruandas Präsident reagierte, indem er in
Kigali das diplomatische Korps zusammentrommelte und sich [7][vor seine
Generäle stellte]. „Jede Verurteilung ist für unsere Sicherheitskräfte eine
Ehre“, sagte er. „Diese Ehre ist ein Teil von uns und das wird so bleiben,
in guten und in schlechten Zeiten.“
Kagames Ruanda sieht sich als Land der furchtlosen Selbstbehauptung. Aus
der Erfahrung der Tutsi, 1994 im Stich gelassen worden zu sein, wuchs die
Erkenntnis, dass man auf sich allein gestellt ist, wenn es darauf ankommt.
Für Kagames Generation – heute ist er 68 Jahre alt – ist diese Erfahrung
der Lebensinhalt. Solange Menschen, die Tutsi auslöschen wollen, an Ruandas
Grenzen Waffen tragen, die sie bei der ersten Gelegenheit auf Kagame und
die RPF richten würden, wird er nicht klein beigeben.
Goma steht heute unter kongolesischer Rebellenkontrolle und Kagame wird
nicht mehr zulassen, dass seine Feinde dorthin zurückkehren. Kisangani am
Kongo-Fluss, von wo aus Frankreich einst seinen Militäraufmarsch
organisierte, ist heute Vorposten von Kongos Armee. [8][Von dort starten
Drohnenangriffe gegen Ostkongos Rebellen], und kurz nach Verkündung der
US-Sanktionen gegen Ruanda veröffentlichte Frankreichs Botschaft in der DR
Kongo [9][Fotos aus Kisangani]: Botschafter Rémi Maréchaux mit
französischen Ausbildern bei „Dschungelkampfübungen“ der kongolesischen
Armee.
Maréchaux weiß, was er da tut. Er ist seit Mitte der 1990er Jahre mit
dieser Weltregion befasst. Die taz traf ihn 1998 in Bangui, Hauptstadt der
Zentralafrikanischen Republik, wo er an der französischen Botschaft als
Zweiter Sekretär tätig war, üblicherweise der Geheimdienstposten. Maréchaux
empfing standesgemäß im Edelrestaurant zu feinster französischer Cuisine
und erläuterte freundlich und selbstbewusst, wie Frankreich seine Exkolonie
in der Tasche hat: man zahle die lokalen Auslandsschulden, viele Politiker
in Bangui besäßen die französische Staatsbürgerschaft und sogar ein
französisches Parteibuch.
Frankreich war damals in Bangui noch Großmacht und kontrollierte auch den
internationalen Flughafen. Diplomaten wie Maréchaux dürften nicht
unbeteiligt gewesen sein, als flüchtige ruandische Völkermordgeneräle erst
in Bangui Asyl fanden und 1998 von dort in die DR Kongo flogen, um in den
Krieg gegen Ruandas RPF-Armee zu ziehen – unter ihnen der spätere
FDLR-Militärchef Sylvestre Mudacumura, der erst [10][2019 getötet wurde].
Jetzt verbreitet Maréchaux, wie Frankreich kongolesische Soldaten schult,
um in den Krieg gegen Ruanda zu ziehen.
In Ruanda kommt die Botschaft des Botschafters klar an – als Neuauflage der
Konfrontation von 1994. Ab dem 7. April gedenkt das Land alljährlich 100
Tage lang der Toten von 1994. Vor einem Jahr riet Präsident Kagame [11][in
seiner Rede zum 7. April] seinen ausländischen Kritikern: „Fahrt zur
Hölle!“ und erläuterte: „Wenn man aufsteht und kämpft, droht man vielleicht
zu sterben. Aber wenn nicht, stirbt man auf jeden Fall. Warum nicht im
Kampf sterben statt sowieso sterben?“ 2025 waren das nur Worte.
8 Mar 2026
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(DIR) [6] https://home.treasury.gov/news/press-releases/sb0411
(DIR) [7] https://www.newtimes.co.rw/article/33848/news/security/kagame-rwanda-faces-impossible-choice-to-tolerate-or-defend-against-fdlr
(DIR) [8] /Krieg-in-DR-Kongo-eskaliert/!6159118
(DIR) [9] https://x.com/AmbaFranceRDC/status/2029142291772743787
(DIR) [10] /Ruandischer-Rebellenfuehrer-im-Kongo/!5624638
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## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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