# taz.de -- Völkermord Ruanda: Afrikas dreißigjähriger Krieg
       
       > Im Völkermord an Ruandas Tutsi starben 1994 eine Million Menschen. Heute
       > trägt eine neue Generation den alten Konflikt grenzüberschreitend aus.
       
 (IMG) Bild: Viele Kongolesen wollen den Krieg nach Ruanda tragen: Demonstration in der belagerten ostkongolesischen Stadt Goma, 19. Februar
       
       Ein Tag im Krieg kann sich, selbst erlitten, wie eine Ewigkeit anfühlen.
       Jahrzehnte Krieg können gedanklich vorbeigehen wie im Flug. Im Osten der
       Demokratischen Republik Kongo fliehen Millionen vor Kämpfen zwischen Kongos
       Armee und der von Ruanda unterstützten [1][Rebellenbewegung M23 (Bewegung
       des 23. März)], ihr tägliches Überleben ist nicht gewährleistet, und es
       werden immer mehr.
       
       Und zugleich sind die [2][Elendslager am Rand der Provinzhauptstadt Goma]
       direkt an Ruandas Grenze Teil eines alten Konflikts mit Millionen Toten,
       der sich in diesen Tagen erneut gefährlich zuspitzt. Am 7. April jährt sich
       in Ruanda der Beginn des [3][Völkermords an den Tutsi] zum 30. Mal. Die
       Erwartung einer Neuauflage war lange nicht so hoch wie heute.
       
       Allein am 22. und 23. März war in Dialogen zwischen Kongolesen auf der
       Plattform X zur Frage, wie Kongo zum Frieden finden könnte, unter anderem
       zu lesen: [4][„Frieden heißt, die M23 zu bekämpfen und dann nach Kigali zu
       gehen, um das Krebsgeschwür Kagame unschädlich zu machen.“] [5][„Wir müssen
       kämpfen, bis es in Ruanda zwölf Millionen Tote gibt.“] [6][„Der Krieg wird
       lange dauern, aber Ruanda wird früher verschwinden als Kongo.“] [7][„Die
       Israeliten warteten über 40 Jahre unter ägyptischer Herrschaft, auch die
       Hutu werden wieder die Oberhand gewinnen.“] [8][„Bereitet eure Grabstätten
       vor.“]
       
       Vermutlich waren viele dieser Schreiber noch nicht geboren, als radikale
       Hutu-Generäle in Ruanda 1994 zur Tat schritten, um die Tutsi des Landes
       auszurotten. Um eine ausgehandelte Machtteilung mit der tutsi-geführten
       Rebellenarmee RPF (Ruandische Patriotische Front) zu sabotieren, putschten
       sie in Kigali gegen Präsident Juvénal Habyarimana. Sie töteten ihn und ihre
       anderen Gegner; zu Zehntausenden wurden in Häusern, an Straßensperren oder
       an Fluchtorten Tutsi niedergemetzelt von der Präsidialgarde, der Armee und
       paramilitärischen Milizen der Hutu-Jugend namens Interahamwe.
       
       ## Kollektives Töten, als Aufräumen inszeniert
       
       Das Töten wurde inszeniert als kollektives Aufräumen, bei dem die braven
       Hutu das Land von den bösen Tutsi säubern, von Ungeziefer und Unkraut. Nach
       nur wenigen Wochen waren Hunderttausende Tutsi tot. Bis die RPF unter
       Führung des heutigen Präsidenten Paul Kagame das Morden stoppte und die
       Täter verjagte, waren es eine Million.
       
       [9][Unter dem Schutz französischer Eingreiftruppen] zogen sich Ruandas
       Völkermordgeneräle in das benachbarte Kongo zurück, das damals noch Zaire
       hieß. Mehrfach hat Ruanda dort gegen sie eingegriffen, aber bis heute sind
       Reste der einstigen Völkermordarmee unter dem Namen FDLR (Demokratische
       Kräfte zur Befreiung Ruandas) im Ostkongo präsent, geduldet vom
       kongolesischen Staat, und träumen von der Rückeroberung Ruandas.
       
       Das ist längst auch ein kongolesischer Konflikt, denn auch in Kongo gibt es
       ruandischsprachige Bevölkerungen, geteilt in Hutu und Tutsi. Kongos Tutsi
       trauen Kongos Staat nicht, da dieser sich mit Ruandas Völkermordtätern
       verbündet hat, und unterhalten eigene bewaffnete Gruppen. Kongos Staat
       traut Ruandas Staat nicht, da dieser kongolesische Tutsi-Rebellen
       unterstützt, und rüstet gegen Ruanda auf. Ruandas Staat traut Kongos Staat
       nicht, da dieser die flüchtigen ruandischen Völkermordtäter unterstützt,
       und unterstützt die kongolesischen Tutsi-Kämpfer.
       
       Aktuell verlieren alle Akteure in diesem ewigen Teufelskreis die Geduld.
       Kongos Tutsi-Rebellen halten die Grenzmetropole Goma umzingelt und
       [10][verstärken den militärischen Druck]. In den Elendslagern rundherum
       bilden sich Milizen unter dem Namen [11][Wazalendo (Patrioten)] als
       paramilitärische Hilfstruppe gegen die M23.
       
       ## Aufgeputschte Jugendtruppen, damals wie heute
       
       Kongos Wazalendo von 2024 sind strukturell identisch mit Ruandas
       Interahamwe von 1994: aufgeputschte und leicht manipulierbare
       Jugendtruppen, die die Tutsi zum kollektiven Feind erklären und von
       offizieller Seite ermutigt und aufgerüstet werden. Das „patriotische“ Lager
       der DR Kongo will nicht nur [12][Kongos Tutsi auslöschen], sondern auch
       Ruanda erobern, dessen Präsident Kagame als Urheber allen kongolesischen
       Übels gebrandmarkt wird.
       
       Das ist in der DR Kongo zunehmend Mainstream. Quer durch alle politischen
       Lager wurde im Wahlkampf 2023 Härte gegen Ruanda gefordert. Die Wazalendo
       erklärten offiziell ihre Unterstützung für Kongos Präsidenten Felix
       Tshisekedi, und er [13][rief im Wahlkampf zum Krieg gegen Ruanda auf]. Nach
       seiner Wiederwahl will er davon nichts mehr wissen, aber er sollte nicht
       davon ausgehen, dass seine Unterstützer ihn nicht beim Wort nehmen.
       
       ## Der Druck von außen ist groß
       
       Sollte Tshisekedi jetzt doch noch in Richtung Verhandlungen einschwenken,
       und der regionale Druck in diese Richtung ist groß, könnte ihm die
       Kontrolle entgleiten. Dann droht ihm ein ähnliches Schicksal wie
       Habyarimana vor 30 Jahren, die Extremisten könnten sich verselbständigen
       und der Krieg überschwappen.
       
       Die regionale Dimension erzeugt zusätzliche Brisanz. Im Nachbarland
       [14][Burundi] regieren ehemalige Hutu-Rebellen, die einst gemeinsam mit
       ruandischen Hutu-Milizen in Kongos Wäldern standen. Burundis Präsident
       Évariste Ndayishimiye traf im Januar in Kinshasa Wazalendo-Führer und rief
       zum Regimewechsel in Ruanda auf; Burundi könnte zum Sprungbrett für Kongos
       Krieg gegen Ruanda werden.
       
       In Ruandas nördlichem Nachbarland Uganda hat Präsident Yoweri Museveni, der
       einst die Gründung der RPF in Uganda ermöglichte, soeben seinen Sohn
       Muhoozi Kainerugaba zum Armeechef ernannt, der sich öffentlich als
       Beschützer der Tutsi präsentiert.
       
       Der Jahrestag des Völkermords in Ruanda ist dieses Jahr mehr als ein
       Gedenktag. Er findet in einem Klima der Mobilisierung statt, die auf allen
       Seiten umso leichter fällt, als die junge Generation von heute den Horror
       von 1994 nicht selbst miterlebt hat. „Die Gräber sind noch nicht voll“,
       lautete 1994 ein viel zitierter Mobilisierungsspruch, der die Hutu-Milizen
       zum Töten anspornen sollte. 2024 stehen wieder Totengräber bereit.
       
       25 Mar 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /M23-Rebellenchef-ueber-Kongo/!5893776
 (DIR) [2] /Belagerte-Stadt-Goma-in-Kongo/!5992143
 (DIR) [3] /Schwerpunkt-Voelkermord-in-Ruanda/!t5013600
 (DIR) [4] https://twitter.com/LosFaucon333/status/1771146380330799164
 (DIR) [5] https://twitter.com/ptshipama14/status/1771227184205615374
 (DIR) [6] https://twitter.com/kabongo_kabwayi/status/1771180333922496668
 (DIR) [7] https://twitter.com/MaghomaSte16789/status/1771139311812948283
 (DIR) [8] https://twitter.com/MuelaSerge/status/1771456404869525880
 (DIR) [9] /Voelkermord-in-Ruanda/!5758154
 (DIR) [10] /Krieg-im-Osten-der-DR-Kongo/!5994817
 (DIR) [11] /Milizen-in-der-DR-Kongo/!5977887
 (DIR) [12] /Gewalt-gegen-Tutsi-in-Kongo/!5923405
 (DIR) [13] /Hitler-Vergleich-in-Kongos-Wahlkampf/!5975951
 (DIR) [14] /Kaempfe-in-der-DR-Kongo/!5988881
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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