# taz.de -- Ausbau von Ostsee-Windkraft: Im Schatten der Nordseepläne
> In der Ostsee hinkt der Ausbau von Windparks – nicht nur die Potenziale
> sind geringer, auch die politische Situation ist schwieriger.
(IMG) Bild: Einige der wenigen Windkraftanlagen in der Ostsee zwischen den Inseln Rügen und Bornholm, Dänemark
Auf dem Nordsee-Gipfel hatten sich Ende Januar die Anrainerstaaten [1][auf
eine stärkere Zusammenarbeit beim Ausbau der Offshore-Windkraft geeinigt].
Von Kooperationen in der Ostsee hört man hingegen weniger – vom Projekt
Bornholm einmal abgesehen, das Deutschland und Dänemark ironischerweise
beim Nordsee-Gipfel präzisierten.
Im Moment ist Bornholm Energy Island das ambitionierteste
grenzüberschreitende Gemeinschaftsprojekt in der Ostsee. Nahe der dänischen
Insel sollen Anlagen mit zusammen drei Gigawatt Maschinenleistung aufgebaut
werden. Bis zu 2 Gigawatt sollen ins deutsche Netz des
Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz fließen können, 1,2 Gigawatt ins Netz
der dänischen Firma Energinet. Das Projekt stelle „einen Meilenstein in der
Entwicklung der europäischen Offshore-Zusammenarbeit dar“, schreibt das
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.
Dass die Ostsee als Offshore-Standort weniger präsent ist als die Nordsee,
liegt einerseits an den Potenzialen. In der Ostsee schätzen Experten das
Potenzial auf 93 Gigawatt, in der Nordsee sind hingegen bis zu 300 Gigawatt
Anlagenleistung angepeilt. Auch aus deutscher Sicht stand die Nordsee mit
aktuell 9,7 installierten Gigawatt gegenüber der Ostsee mit 1,8 Gigawatt
immer im Vordergrund.
Hinzu kommt, dass die Nordseeanrainer sich bei der Windkraft-Zusammenarbeit
stets leichter taten – auch weil vor allem Deutschland und Großbritannien
über starke Lieferketten und eine leistungsfähige Hafeninfrastruktur
verfügen, die eine Logistik für Offshore-Windprojekte ermöglicht. Ebenso
können sich die Niederlande und Belgien auf starke maritime Akteure
stützen; so kommt der Wissens- und Erfahrungstransfer aus der Öl- und
Gasförderung auch der Offshore-Windkraft zugute.
## Polen treibt Ausbau voran
Auch politisch war die Zusammenarbeit in der Ostsee oft schwieriger. Polen
zum Beispiel zeigte lange Zeit wenig Interesse an Windkraft auf See. Das
hat sich nun aber geändert: „Polen ist auf dem besten Weg, der führende
Akteur im Bereich Offshore-Wind in der Ostsee zu werden“, heißt es
inzwischen beim europäischen Windverband WindEurope.
Das Land habe schon erste Anlagen installiert, die noch in diesem Jahr in
Betrieb gehen sollen. Bis 2030 wolle Polen 5,9 Gigawatt in Betrieb haben,
bis 2040 18 Gigawatt. „Zudem hat Polen begonnen, eine starke
Offshore-Windlieferkette aufzubauen, insbesondere in der Region um die
Städte Stettin, Swinemünde und Danzig“, sagt ein Sprecher von WindEurope.
Zudem haben geopolitische und militärische Aspekte seit dem Überfall
Russlands auf die Ukraine die Entwicklung der Windkraft in der Ostsee
gebremst. In Schweden stoppte die Regierung im November 2024 auf einen
Schlag 13 Offshore-Windkraftprojekte mit zusammen fast 32 Gigawatt, weil
sie durch die Windparks Störungen militärischer Radaranlagen befürchtete.
An politischen Versuchen, [2][auch in der Ostsee Windparks voranzubringen],
hat es in den vergangenen 20 Jahren nicht gefehlt. Im Jahr 2008 nahm die
EU-Kommission den Plan von Baltic Energy Market Interconnection an. Dieser
habe seither dazu beigetragen, „eine gute Pipeline von
Offshore-Windprojekten in der Ostsee aufzubauen“, so WindEurope –
wenngleich viele davon noch immer in einer Frühphase stecken.
## Anlagenkapazität soll bis 2030 versiebenfacht werden
Weitere Beschlüsse folgten. Auf dem Gipfel zur Energiesicherheit in
Dänemark im August 2022 einigten sich die EU-Länder rund um die Ostsee
darauf, die Anlagenkapazität in der Ostsee bis 2030 zu versiebenfachen. Im
April 2024 unterzeichneten die Energieminister der Anrainerstaaten die
Erklärung von Vilnius, die eine engere Zusammenarbeit zur Sicherung der
kritischen Energieinfrastruktur im Ostseeraum vorsieht. Zugleich
definierten sie das Ziel, im Jahr 2030 eine Offshore-Kapazität von 26,7
Gigawatt zu erreichen. Im Jahr 2040 sollen es fast 45 Gigawatt sein.
Aktuell sind in der gesamten Ostsee noch keine 4 Gigawatt installiert.
Neben Deutschland hat nur noch Dänemark mit rund 1,5 Gigawatt daran einen
großen Anteil. Schweden liegt weit zurück, ebenso Finnland. Immerhin wurde
2022 ein erstes Seegebiet bei Korsnäs vor der finnischen Westküste an den
Energiekonzern Vattenfall vergeben.
In Estland, Lettland und Litauen sind ebenfalls erste Projekte in
Entwicklung. Die europäische Energiewirtschaft geht davon aus, dass ein
Teil des dort erzeugten Stroms exportiert wird. Im Februar unterzeichneten
Deutschland, Lettland und Litauen eine gemeinsame Erklärung für die
Entwicklung eines grenzüberschreitenden Kooperationsprojekts mit dem Namen
„Baltic-German Power-Link“. Es sieht den Bau eines baltischen
Offshore-Windparks mit 2,9 Gigawatt Erzeugungsleistung und eine
Kabelverbindung nach Deutschland vor.
Ebenso soll es bei dänischen Windparks weitere Kooperationen geben. Dort
ist von radialen Verbindungen die Rede – das heißt, Windparks im dänischen
Seegebiet werden gar nicht an das dänische, sondern ausschließlich an das
deutsche Stromnetz angeschlossen.
Dass Deutschland auf Windparks in Seegebieten anderer Länder schielt,
resultiert aus einer bitteren Erkenntnis: Man hat in der Vergangenheit
hierzulande die Leistungsdichte der Windparks auf See als zu hoch angesetzt
– also zu viele Megawatt Maschinenleistung pro Quadratkilometer
installiert. Damit rauben die Anlagen sich gegenseitig zu viel Energie. Um
die fehlende Erzeugung in den eigenen Seegebieten zu kompensieren, sollen
nun jene Länder einspringen, die im Verhältnis zu ihrem nationalen
Stromverbrauch mehr Seefläche verfügbar haben
8 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nordsee-Gipfel-in-Hamburg/!6148631
(DIR) [2] /Windparks-in-der-Ost--und-Nordsee/!6067520
## AUTOREN
(DIR) Bernward Janzing
## TAGS
(DIR) Erneuerbare Energien
(DIR) Windkraft
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Ostsee
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Brandenburg
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Vor den Wahlen in Baden-Württemberg: Hilferuf der süddeutschen Windbranche
Unternehmen fordern bessere Einspeisevergütungen für Projekte in den
Mittelgebirgen – ansonsten komme der Anlagenneubau im Ländle zum Erliegen.
(DIR) Landtag Brandenburg: Rot-Schwarz erschwert Aufstellung von Windrädern
Die noch inoffizielle Koalition aus SPD und CDU schreibt fest, dass künftig
Windräder nur noch in dafür vorgesehenen Gebieten möglich sein sollen.
(DIR) Nach europäischem Nordsee-Gipfel: Offshore-Branche fordert bessere Förderung
Windräder auf See sollen Europa helfen, klimafreundlich und resilienter zu
werden. In Deutschland gab es zuletzt jedoch eine Ausschreibungsflaute.