# taz.de -- Zwangssterilisationen in Peru: Ein von Hunderttausenden ersehntes Urteil
       
       > Seit Jahren fordern Zwangssterilisierte in Peru Wiedergutmachung. Jetzt
       > stellt sich der Interamerikanische Menschenrechtshof auf ihre Seite. 
       
 (IMG) Bild: Protest gegen Zwangssterilisation im Jahr 2019 in Peru
       
       Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat den peruanischen
       Staat wegen der Zwangssterilisation und den Tod einer Frau im Rahmen eines
       staatlichen Familienplanungsprogramms verurteilt.
       
       Über 314.000 meist indigene und arme Frauen und 24.000 Männer wurden
       demnach in dem von 1996 bis 2000 andauernden Programm ohne ihre
       Einwilligung oder unter massivem Druck sterilisiert.
       
       Das Gericht urteilte erstmals, dass die Zwangssterilisationen
       institutionalisierte geschlechtsspezifische Gewalt und Folter darstellen.
       Das Gericht betonte, diese Politik sei von oberster Ebene der Regierung
       geplant und getragen worden.
       
       Für Tania Pariona ist das Urteil historisch. „Es erkennt die gravierenden
       Verletzungen der Menschenrechte im Kontext der gewaltsamen Sterilisationen
       an und es ordnet Maßnahmen an, um die ganze Wahrheit zu Tage zu fördern und
       die Verantwortlichen zu benennen. Zudem verurteilt es den peruanischen
       Staat, Entschädigungsleistungen zu leisten sowie Maßnahmen zu treffen, die
       verhindern das etwas Vergleichbares noch einmal passiert“, sagt die
       Generalsekretärin der Dachorganisation peruanischer
       Menschenrechtsorganisationen.
       
       ## Der lange Arm des Fujimorismo
       
       Pariona, ehemalige indigene Parlamentsabgeordnete aus der Region Ayacucho,
       kennt viele der Opfer, die meist indigener Herkunft sind. Sie weiß genau,
       wie wichtig dieses Urteil für sie ist. „In Peru sind alle Anstrengungen vor
       Gericht gescheitert, immer wieder hat die Justiz die Verfahren archiviert –
       auf politischen Druck hin“, glaubt Pariona.
       
       Sie macht den langen Arm der Partei [1][Fuerza Popular] dafür
       verantwortlich, die von Keiko Fujimori geführt wird, der Tochter des
       mittlerweile verstorbenen Diktators Alberto „Kenya“ Fujimori, in dessen
       Amtszeit die Zwangssterilisationen fallen. Erklärtes Ziel Keiko Fujimoris
       war es, ihren Vater zu begnadigen, der wegen schwerer
       Menschenrechtsverletzungen und anderer Delikte während seiner Regierungzeit
       2009 [2][zu rund 40 Jahren Haft verurteilt] worden war. Das wäre mit einem
       laufenden Verfahren wegen hunderttausendfacher Zwangssterilisation kaum
       möglich gewesen wäre, meint Pariona.
       
       Diese Ansicht teilen viele Opfer wie [3][Elena Carbajal], die die Gruppe
       zwangssterilisierter Frauen in Lima und der angrenzenden Hafenstadt Callao
       leitet.
       
       Carbajal setzt seit zwei Jahren alle ihre Hoffnungen auf die internationale
       Justiz, weil die Opferorganisationen in Peru nicht vorankommen. „Es hat auf
       UN-Ebene bereits ein Urteil in meinem und dem Fall vier weitere
       zwangssterilisierter Frauen gegeben. Bis heute hat der peruanische Staat
       auf die Empfehlungen nicht reagiert. Ich hoffe, das ändert sich mit dem
       Urteil der höchsten juristischen Instanz der Region und dem Fall von Celia
       Edith Ramos Durand“.
       
       ## Ob es wirklich Entschädigungszahlungen gibt, bleibt offen
       
       Der Tod der dreifachen Mutter Celia Edith Ramos Durand, die 1997 im Alter
       von 34 Jahren nach einer Verschließung der Eileiter starb, ist ein
       Präzedenzfall. Die feministische Organisation Demus, die viele der Opfer,
       die sich haben registrieren lassen, vertritt, brachte den Fall 2011
       zusammen mit Familienangehörigen der Verstorbenen vor den
       Interamerikanischen Gerichtshof. Das Urteil, fast fünfzehn Jahre später,
       ist ein voller Erfolg, denn das Gericht urteilte erstmals, dass die
       Zwangssterilisationen institutionalisierte geschlechtsspezifische Gewalt
       und Folter darstellen.
       
       Das Gericht betonte zudem, dass die oft gewaltsame Sterilisationspolitik
       auf oberster Ebene der Regierung geplant und durchgeführt worden sei.
       Präsident Alberto Fujimori, der das südamerikanische Land von 1990 bis 2000
       autoritär regierte, sei dafür genauso wie die damaligen Gesundheitsminister
       verantwortlich gewesen. Laut einer Untersuchung des Kongresses wurden die
       unfreiwilligen Eingriffe erst 2001 eingestellt.
       
       Das bestätigen auch die Opferorganisationen, die darauf hinweisen, dass
       fast alle der Opfer indigen und das Sterilisationsprogramm rassistisch sei.
       Der oberste Verantwortliche für diese Politik musste sich nie für diese
       menschenverachtende Politik verantworten – [4][er starb 2024] und erhielt
       unter der damaligen Präsidentin Dina Boluarte ein Staatsbegräbnis. Für die
       Opfer wie Elena Carbajal war das ein Schlag ins Gesicht. Sie hofft nun auf
       eine offizielle Entschuldigung des Staates und Wiedergutmachung.
       
       Ob die kommen wird, wird sich zeigen. In den letzten Jahren hat es immer
       wieder Diskussionen im Parlament über einen potenziellen Ausstieg aus der
       Organisation amerikanischer Staaten (OAS) oder zumindest aus dessen
       Justizsystem gegeben. Viele Verbrechen aus dem Bürgerkrieg (1980–2000),
       auch Menschenrechtsverbrechen, sind in Peru de facto amnestiert worden. Im
       August 2024 wurde ein entsprechendes Gesetz verabschiedet.
       
       6 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Peru-Sieg-fuer-den-Fujimorismo/!5641363
 (DIR) [2] /Urteil-gegen-Perus-Expraesident-Fujimori/!5159410
 (DIR) [3] /Zwangssterilisation-in-Peru/!6071511
 (DIR) [4] /Alberto-Fujimori-in-Peru-gestorben/!6036411
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Knut Henkel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Peru
 (DIR) Zwangssterilisation
 (DIR) Keiko Fujimori
 (DIR) Alberto Fujimori
 (DIR) Menschenrechte
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Peru
 (DIR) Peru
 (DIR) Peru
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Zwangssterilisation in Peru: In die Unfruchtbarkeit gezwungen
       
       Die Menschenrechtsaktivistin María Elena Carbajal gehört zu den mehr als
       300.000 zwangssterilisierten Frauen. Seit 1996 kämpft sie für
       Gerechtigkeit.
       
 (DIR) Alberto Fujimori in Peru gestorben: Präsident, Autokrat, Verbrecher
       
       Alberto Fujimori hat als Präsident Peru gespalten, und das hält bis heute
       an. Jetzt ist der ehemalige Präsident im Alter von 86 Jahren gestorben.
       
 (DIR) Wahlen in Peru: Wahl mit Vaterkomplex
       
       In Umfragen vor der Präsidentschaftswahl am Sonntag führt Keiko Fujimori.
       Gegen die Tochter des Expräsidenten demonstrieren Zehntausende.