# taz.de -- Reizfigur Tübinger OB: Ist es okay, wenn Boris Palmer Minister in Stuttgart wird?
> Seit Wochen kursieren Spekulationen, dass Boris Palmer von seinem
> Vertrauten Cem Özdemir befördert wird. Ein Pro & Contra.
(IMG) Bild: Ziemlich beste Freunde: Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir und der Tübinger Ex-Grüne Boris Palmer bei einer Wahlkampfveranstaltung
Der Ex-Grüne Boris Palmer als Minister? Cem Özdemir könnte deutlich und
öffentlich Nein sagen, tut es aber nicht. Was sagen zwei
taz-Redakteur*innen zu dieser Idee?
Auf keinen Fall!
Ein Menschenfeind sollte kein Ministeramt bekleiden. Ein Rassist sollte
kein Ministeramt bekleiden. Und ein Holocaustverharmloser sollte kein
Ministeramt bekleiden. Daraus ergibt sich logisch, dass auch Boris Palmer
das nicht tun sollte. Denn er ist alles drei. Und das hat er mehrfach
bewiesen.Während der Coronapandemie beklagte der Tübinger Oberbürgermeister
in einem Interview, in Deutschland würden möglicherweise Menschen gerettet,
„die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Weil sie alt oder krank
seien.
Auf Facebook behauptete er in einem Kommentar, [1][der Fußballer Dennis
Aogo habe einer Frau] seinen „N*****schwanz angeboten“. Er schrieb das
entmenschlichende N-Wort aus und bediente zugleich das rassistische
Stereotyp des sexuell unersättlichen, animalischen Schwarzen Mannes.
Bei einer Migrationskonferenz an der Frankfurter Universität nutzte Palmer
ebenfalls das N-Wort. Er wurde deswegen von Protestierenden als Nazi
bezeichnet. Und antwortete, aufgrund des Aussprechens eines Wortes so
genannt zu werden, sei „nichts anderes als ein Judenstern“.
Die Grünen entzogen ihm wegen dieser Vorfälle zunächst ihre Unterstützung,
dann folgte ein Parteiausschlussverfahren gegen Palmer; er kam dem mit
seinem Austritt zuvor.
Es war richtig von den Grünen, Konsequenzen zu ziehen. Cem Özdemir sollte
seiner Partei mit einer Ernennung Palmers zum Minister nicht in den Rücken
fallen. Denn solche Aussagen, eine solche Haltung, sind nicht tragbar. Es
gehört zu den absoluten Grundwerten einer demokratischen Gesellschaft, dass
Menschen gleich viel wert sind, egal ob sie alt oder jung, krank oder
gesund sind. Dass Personen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe entmenschlicht
werden. Und in Deutschland ganz besonders, dass man sich als Reaktion auf
eine Beschimpfung nicht mal eben mit den Millionen Juden gleichsetzt, die
hier verfolgt und getötet wurden.
Da kann ein Kandidat noch so viel Expertise mitbringen. Wenn er diese
Grundwerte nicht teilt, gehört er nicht in ein Ministeramt. Und das ist bei
Palmer erwiesen.
Alice von Lenthe
Ja, bitte!
Am Wahlabend am vergangenen Sonntag stand ich bei der Grünen-Wahlparty in
der Stuttgarter Staatsgalerie herum, als ein junger Grüner zu mir trat und
nicht unfreundlich sagte: „Ihretwegen habe ich mein taz-Abo gekündigt.“
Warum das denn? Jetzt knurrte er: „Immer dieses Boris-Palmer-Gelobe“. Die
Sensibilität dieser Personalie im linksemanzipatorischen Milieu ist mir
also bewusst. Genauso die Unkalkulierbarkeit von Palmer, gerade für seine
verbliebenen grünen Freunde. Dennoch meine ich, dass die Vorteile einer
Integration des Tübinger Oberbürgermeisters in die baden-württembergischen
Landesregierung überwiegen.
Wir sind an einem Moment unser bundesrepublikanischen Geschichte angelangt,
wo symbolpolitischer Fortschritt allein nicht mehr reicht – es muss jetzt
gemacht werden. Boris Palmer ist wahrscheinlich der führende
sozial-ökologische Macher dieses Landes. Ein liberaldemokratischer
Kommunalpolitiker, der seit zwanzig Jahren in Aushandlungsprozessen mit dem
Gemeinderat und der Stadtgesellschaft [2][ganz konkrete
Transformationspolitik] macht und Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum mit
erheblichen CO2-Reduktionen verbunden hat.
Seine Bürgermeisterwahlen hat er gegen eine SPD-Amtsinhaberin, eine
CDU-Kandidatin und eine Grünen-Kandidatin gewonnen. Entgegen der
handelsüblichen, klischeehaften Etikettierung ist er nicht „umstritten“, er
ist getragen von Mehrheiten jenseits des antiquierten Lagerdenkens. Genau
das trifft auch auf den wohl künftigen grünen Ministerpräsidenten Cem
Özdemir und Noch-Amtsinhaber Winfried Kretschmann zu.
Das Überwinden von parteipolitischer Fixierung und Milieu-Kodizes ist
Özdemirs Methode, was in einer kulturell heterogenen Gesellschaft die
zwingende Voraussetzung für erfolgreiches Regieren ist. Wer, wenn nicht der
parteilose Macher und Oberbürgermeister Palmer, passt da ideal? Die
Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass er auch in einer
Landesregierungs-Funktion gute Ergebnisse liefern wird. Genau das ist es,
was die bedingt aufbruchbereite Gesellschaft braucht. Aber das ist es auch,
was viele fürchten.
Peter Unfried
12 Mar 2026
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