# taz.de -- Starkbieranstich am Nockherberg: Der Sonnenkönig wird an den Rand geschoben
> Zahm ging das Politikerderblecken am Nockherberg in diesem Jahr über die
> Bühne. Aber eine wichtige Erkenntnis gab es: Es geht auch mit weniger
> Söder.
(IMG) Bild: Markus Söder mit seinem Double Thomas Unger beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg
Dr. Fu Manchu sitzt in der ersten Reihe. Natürlich ist es in Wirklichkeit
Markus Söder, heute sogar ausnahmsweise unverkleidet. Aber mit seinem Bart
erinnert er Fastenredner Stephan Zinner eben an Dr. Fu Manchu. Der, erklärt
Zinner, sei in Filmen aus den Sechzigern „ein skrupelloser, chinesischer
Superschurke gewesen, der die Weltherrschaft angestrebt hat“. Gut, das
treffe jetzt auf Söder nicht hundertprozentig zu. Er sei ja kein Chinese.
Es ist März, es ist Starkbierzeit, [1][und es ist Nockherberg.] Der
Nockherberg ist in Wirklichkeit natürlich nur eine Örtlichkeit am Münchner
Isarhochufer, doch längst wird der geografische Begriff als Synonym für ein
Ereignis benutzt: den dortigen Starkbieranstich und das damit verbundene
Politikerderblecken. Jahr für Jahr fährt es eine Rekordquote ein. Auch
diesmal folgten laut Bayerischem Rundfunk wieder 2,2 Millionen Menschen der
Live-Übertragung.
Im bayerischen Politbetrieb ist es einer der Höhepunkte des Jahres und in
diesem Fall mal tatsächlich etwas, was es so nur in Bayern gibt. Fast die
gesamte hiesige Politprominenz – neben den Landespolitikern auch einige
Kommunal- und Bundespolitiker – findet sich hier ein, um sich den Spiegel
vorhalten zu lassen. Erst knöpft sie sich ein Fastenprediger vor, dann
werden einige von ihnen im Singspiel, einem Bühnenstück, persifliert.
Natürlich war es der Auftritt des neuen Fastenredners, der mit der größten
Spannung erwartet worden ist. Stephan Zinner heißt der Mann, zumindest in
Bayern weithin bekannt: auf der Bühne als Musiker und Kabarettist, [2][vor
allem aber auch aus Film und Fernsehen], in den beliebten Eberhofer-Krimis
etwa spielt er den Metzger. Und bis vor einigen Jahren gab er beim
Singspiel am Nockherberg selbst den Söder.
Im vergangenen Jahr stand hier noch [3][der Allgäuer Kabarettist Maxi
Schafroth] und hielt – zum fünften Mal – die Predigt. Hart ging er mit
Söder und Co ins Gericht. Zu hart? Jedenfalls war vor allem die CSU wenig
amüsiert. Die Pointendichte sei zu gering gewesen, hieß es dann etwa. Die
Paulaner-Brauerei wechselte Schafroth aus.
## Merz auf Drachenjagd
Jetzt also Zinner. Er wird mit großem Wohlwollen empfangen, ist aber
merklich nervös. Er legt los. Es geht um die Unvereinbarkeit von CSU und
Bescheidenheit, den Ministerpräsidenten, der so selten im Landtag ist, und
die Bayern-SPD, deren Vertreter eh keiner kennt. Klassiker. Harmlos. Eine
Weile wartet man noch. Vielleicht ist das ja die Methode: erst mal schön in
Watte einpacken, in Sicherheit wiegen, um dann auch mal Treffer zu landen,
die wehtun.
Aber es tut nicht weh. Zinner liest seinem Publikum in den vorderen Reihen
nicht die Leviten, sondern redet ihnen – zumeist recht allgemein – ins
Gewissen. Das ist schwierig bei einem Format, das von der direkten
Täteransprache lebt.
Es stimmt ja, wenn er dem abwesenden Friedrich Merz [4][angesichts von
dessen AfD-Abstimmungsmanöver vorhält,] dass, „wer von Brandmauern spricht
und zugleich mit den Fackeln der Worte zündelt, schon wissen sollte, dass
oft nur ein Funke genügt, damit der Stammtisch brennt“. Und es ist
angebracht, „bissl weniger Ich, dafür mehr Wir“ zu fordern. Was Zinner
sagt, ist gut und richtig, auch sein Hohelied auf das „Augenmaß“, das der
Politik abhandengekommen sei. Doch etwas weniger Samt hätte es dann doch
sein dürfen. Müssen. Immerhin: Die Brauerei bekam, was sie wollte.
## Söder gibt den Blödelbarden
Auch beim Singspiel. Das haben in bewährter Manier das Duo Richard Oehmann
und Stefan Betz auf die Bühne gebracht. Solide ist es, lustig. Die
schauspielerischen und musikalischen Leistungen der Mitwirkenden sind
herausragend, einzelne Szenen sehr unterhaltsam. Die Story ist dagegen
wenig stringent, auch die Metaphern dieser bewegten Karikatur sind nicht
ganz so treffsicher wie in früheren Singspielen.
Es geht um Ritter Friedrich Merz, der einen Drachen besiegen, endlich mal
was wuppen will. Die Szene ist in einer dystopischen Landschaft irgendwo
zwischen einem deutschen Schrottplatz und einer Wildwest-Geisterstadt
angesiedelt. Bei seiner Unternehmung wird Merz von Bärbel Bas, Alexander
Dobrindt, Jens Spahn, Hubert Aiwanger, der bayerischen
Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze, der bayerischen
Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, dem Münchner Oberbürgermeister
Dieter Reiter und einigen Unglücksraben begleitet. Und natürlich von Markus
Söder.
Der jedoch tritt in diesem Jahr etwas in den Hintergrund. Eine erfrischende
Innovation, denn bisher dominierte der CSU-Chef in seiner
Sonnenkönighaftigkeit stets das Singspiel, gekonnt karikiert, aber eben
doch viel Raum gebend. Jetzt haben sie ihn zum Barden gemacht. Zum
Blödelbarden, versteht sich. Und schließlich bekommt er auch noch von
Hobby-Alchimist Aiwanger, der es nicht verkraftet, dass er in Sachen
Polit-Entertainment nie mit seinem Chef mithalten kann, in einer
Bratwurstsemmel ein Ernsthaftigkeitsserum verpasst.
Die Folge: In der zweiten Hälfte des Singspiels taucht Söder –
Höchststrafe! – recht wenig auf, und wenn, dann entfleuchen ihm Sätze wie:
„Die letzten spektakulären Innovationen aus Bayern waren der Transrapid und
Wirecard.“ Nachdem die anderen dann den Drachen der schlechten Laune erlegt
haben und singen „Sehen wir das mal positiv“, ist ausgerechnet er
derjenige, der Wasser ins Starkbier kippt, der von ihm ungewohnte
Wahrheiten ausspricht: „Übrigens, eine Mehrheit im Land ist schon längst
für ein Tempolimit“, ruft er beispielsweise. „Und für eine
Super-Reichensteuer.“
Für Söder, also den echten, den Dr. Fu Manchu aus der ersten Reihe, muss
das tatsächlich eine Umstellung sein. Wer so wenig eingeschenkt bekommt,
sitzt schnell auf dem Trockenen. Seinem Gesichtsausdruck und den halbwegs
lobenden Worten, die er sich hinterher gequält abringt, ist denn auch zu
entnehmen, dass ihm diese überhaupt nicht behagt. Auf dieser Bühne als
Populist dargestellt zu werden, als Opportunist, als selbstverliebter
Gockel, sogar als hinterfotziger Intrigant, das kennt er alles. Aber an den
Rand geschoben zu werden? Das ist neu. Als gäbe es eine Welt außerhalb des
Söder-Kosmos.
5 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Dominik Baur
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