# taz.de -- Deutsch-türkische Rapperin Lady Bitch Ray: "Ich habe viel Wut in meiner Möse"
> Reyhan Sahin nennt sich Lady Bitch Ray und kämpft als Porno-Rapperin für
> einen neuen Feminismus. Sieht so die Emanzipation der türkischen Frau
> aus? Ein (zensiertes) Gespräch über M*, F*und S*.
(IMG) Bild: "Alice Schwarzer ist zu alt - jetzt komme ich": Lady Bitch Ray.
Ein Büro in Berlin-Kreuzberg. Reyhan Sahin, auch bekannt unter dem
Künstlernamen Lady Bitch Ray, empfängt zum Interview. Die junge
Porno-Rapperin nennt ihre Angestellten "Lustknaben". "Ich sage denen, wo es
langgeht, und die haben das dann zu tun", sagt sie und hustet. Ob sie krank
sei? "Nein, ich hatte nur zu viel Sex, und da bin ich ja immer nackt",
antwortet Sahin. Sie hat eine Kette mit einem großen, glitzernden Anhänger
um, an jeder Hand mehrere Goldringe, und ihr Oberteil schmücken Broschen.
Ein Fotograf durfte nicht zum Interview kommen. "Ray kommt quasi direkt vom
Bahnhof, und es wird keine Zeit für ein Styling geben, worauf sie (und wir)
großen Wert legen", wie es ihr Management begründet.
taz: Frau Sahin, sind Sie ein "armes Provokationswürstchen im goldenen
Glitzerdarm"? So hat Sie ein Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
bezeichnet.
Reyhan Sahin: (kreischt) Journalisten versuchen immer, sprachlich kreativ
zu sein. Das ist dem Autor aber hier nicht gelungen. Seine Mutter ist ein
armes Provokationswürstchen. Außerdem kann man dicke Menschen so
bezeichnen, aber mich nicht. Ich habe die geilste Figur - und bin kein
armes Opferwürstchen.
Auf der Internetseite myspace.de werden Sie teilweise wüst beschimpft.
Provokationswürstchen ist da noch diplomatisch. Stört Sie das?
Nö, ich brauche meine Feinde und meine Kritiker. Ich will nicht von jedem
gelobt werden. Ich finde es geil, dass Menschen sich an meiner Person
erregen.
Was soll denn daran geil sein?
Diese Gesellschaft ist so glatt gebügelt und verlogen, dass es doch kein
Wunder ist, wenn man sich mit seiner eigenen Meinung Feinde macht.
Wahnsinn, mit welch wenigen Worten ich Aufsehen erregen kann. Es ist auch
ein Spiel für mich. Wäre ich keine Rapperin, dann wäre ich heute eine
Boxerin. Ich habe viel Wut in meiner Möse, und die muss ich rauslassen. Ich
fände es schade, wenn die Menschen nichts zu mir zu sagen hätten.
Aha, das hört sich nach einer Sucht nach Aufmerksamkeit an, ausgelöst durch
Wut. Was macht Sie denn so böse?
Ach herrje, die Umwelt, einfach vieles. Es liegt auch in meiner
prämenstrualen Natur, ich kann ganz schön aggro sein. Mein Sternzeichen ist
Skorpion, ich habe einen Schwanz, mit dem ich zusteche.
Ist Ihre Musik ein Ventil für Ihre Wut?
Das kommt auf den Song an. Der Titel "ich hasse dich" handelt von meiner
Wut. Rap ist auch ein geiles Ausdrucksmittel, um sich mal richtig
auszukotzen. Man kann aber auch über Erotik singen oder politische
Vorgänge.
Das, was Sie erotisch finden, bezeichnen andere als Pornografie.
Der Sex zwischen zwei Menschen ist immer weitestgehend pornografisch.
Deswegen verstehe ich nicht, warum meine Texte immer nur auf Pornografie
reduziert werden. Es steckt auch Liebe dahinter.
Warum nennen Sie die Popsängerin Sarah Connor eine "Kackbratze" und
verlangen von Jeannette Biedermann, sie solle Ihnen "Ihre Möse frisieren"?
Die Biedermann ist doch gelernte Friseurin, sie soll einfach das machen,
was sie am besten kann. Sorry, was war Ihre Frage?
Warum beschimpfen Sie denn die beiden?
Die zwei sind oberflächliche Musterfrauen, die ich verachte. Die achten
darauf, wie sie reden, wie sie singen, die verhalten sich oberflächlich.
Sarah Connor ist unerträglich. Die beiden haben sich doch hochgeschlafen.
Ich ertrage diese oberflächliche Gesellschaft nicht.
Woher wollen Sie denn wissen, wie diese Damen ihre Karriere angeschoben
haben?
Weil ich clever bin. Weil ich als Journalistin gearbeitet und recherchiert
habe und jetzt als Künstlerin. Außerdem dürfen solche Frauen nicht als
Vorbild gelten.
Aha, und Sie sind eher ein Vorbild?
Klar - ich stehe für die vaginale Selbstbestimmung und verkörpere die
absolute Meinungsfreiheit.
Den Musiker und Ehemann von Sarah Connor, Marc Terenzi, bezeichnen Sie als
"Boygroupschwuchtel"
ja, ist doch auch so.
Das ist ganz schön homophob, was?
Weil ich Schwuchtel sage? Im Rapkontext ist es ein gängiger Begriff. Ich
habe natürlich nichts gegen Schwule, mein Friseur ist schwul. Ich will Marc
Terenzi aber einfach niedermachen.
Warum müssen Sie sich solch niedriger Instinkte bedienen?
Also, wenn Homosexuelle es nicht verstehen, dass Schwuchtel ein gängiger
Rapbegriff ist - sorry. Dann disse ich die eben auch.
Ist denn alles, was erlaubt ist, auch zumutbar?
Nein, natürlich nicht. Ich würde zum Beispiel Sarah Connor und Jeanette
Biedermann nicht erschießen. Ich äußere mich durch meine Kunstform, die ich
für sehr zumutbar halte.
Dieses Jahr debütieren Sie als Schauspielerin in dem Film "Chiko" des
Regisseurs Özgür Yildirim. Sie spielen eine Prostituierte. Die Rolle hat
Ihnen doch sicher gefallen?
Nein, nein. So einfach war das alles nicht. Ich bin von Fatih Akin gefragt
worden und habe lange überlegt, ob ich diese Chance ergreifen soll.
Sie haben gezögert?
Ja, denn es gibt eine Hardcore-Bettszene, und ich wollte nicht, dass mein
Vater das mal sieht.
Warum wollen Sie das nicht? Immerhin prahlen Sie damit, so offenherzig zu
sein.
Nein, dafür werde ich sorgen. Ich möchte nicht, dass er mich so sieht. Es
ist ein Unterschied für mich, ob ich mich nackt zeige oder öffentlich
rumficke. Aber er weiß von der Szene.
Warum haben Sie denn mitgespielt?
Es war mir dann doch wichtiger, eine emanzipierte türkische Frau zu
spielen. Ich habe diese Rolle mit Würde gedreht und keinen Porno wie Sibel
Kekili, sondern eine künstlerisch und politisch anspruchsvolle Figur. Ich
will, dass die türkischen Frauen selbstbewusster werden. Ich stelle mich
hin, nehme die türkische Fahne und möchte, dass türkische Frauen auch Filme
drehen können, ohne dass sie abgestempelt werden. Bin ja nicht umsonst ne
Rapperin.
Was sagen Ihre Eltern zu Ihrer Arbeit?
Mein Vater liebt mich, ihm ist es egal, was ich mache. Natürlich gab es
früher Konflikte, ich fing schon mit zwölf an, mich extrem zu entwickeln,
und wollte schon damals Rapstar werden. Meine Waffe war aber meine Bildung:
Ich war immer gut in der Schule, und das war meinen Eltern wichtig. Meine
Mutter lacht darüber. Sie will wissen, warum ich das mache, und wenn ich
dann sage, wegen der Emanzipation, dann antwortet meine Mutter: Ach so, du
kämpfst den gleichen Kampf wie die Frau mit der Brille.
Sie meint Alice Schwarzer?
Ja genau, aber die ist zu alt. Die soll mal die Bühne räumen, jetzt komm
ich.
Sie möchten das Bild der türkischen Frau in Deutschland verbessern. Durch
hormongesteuerte Texte?
Mir ist es wichtig, dass das Opferbild der Türkin geändert wird. Ich mache
das krasse Gegenteil davon, was von einer Türkin erwartet wird. Ich will
mich nicht als gebildete Kanaka präsentieren, ich will auch als Künstlerin
akzeptiert werden.
Wenn Sie eine Kulturkritikerin sind, warum singen Sie nicht mal über andere
Themen als über sexuelle Inhalte?
Mein neues Album kommt noch in diesem Jahr raus. Auf diesem befinden sich
auch Songs über politische Themen. Meine Ausdrucksform ist krass, aber
trotzdem kann ich auch über andere Themen singen. Zum Beispiel rappe ich
auch über Ehrenmorde und stolze türkische Frauen. Aber das mache ich jetzt
nicht, um mich zu rechtfertigen. Ich bin halt ein sexueller Mensch.
Sie behaupten, türkische Werte zu verteidigen. Welche sind das?
Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Familienzusammenhalt und Ehre.
Ich befürchte, der Großteil der türkischen Community hat eine andere
Definition von Ehre als Sie.
Sicher, die Art, wie ich die Ehre verteidige, ist sehr streitbar. Aber nur
weil ich eine extreme Kunstform dafür verwende, kann ich doch die Ehre
verteidigen. Es geht nicht darum, was ich anziehe oder was ich mache - es
geht darum, was ich sage. Ich mache nichts heimlich, ich stehe zu allem.
Aber ganz abgesehen von den Türken - die Deutschen stören sich viel mehr an
meiner Person.
Aha.
Ja, die warten doch darauf, dass ich "Fotze" sage, um sich dann aufzuregen.
Leben Sie eigentlich gern in Deutschland?
Ich liebe Deutschland, denn erst hier konnte ich zu dem werden, was ich
heute bin. Wenn ich in der Türkei aufgewachsen wäre, dann würde ich auch
rappen - aber eher nichts sagende Texte. Ich bin ein deutsches Produkt.
Wenn es Ihnen hier so gut gefällt, warum singen Sie dann "Deutschland ich
ficke dich in den Arsch"?
Weil ich eine Wut auf die hiesige Gesellschaft habe. Und weil ich hier
lebe, ficke ich halt Deutschland in den Arsch. Wenn ich in der Türkei leben
würde, dann würde ich es dort machen.
Muss man männlichen Chauvinismus bekämpfen, indem man
weiblich-chauvinistisch argumentiert?
Wenn man wie ich so fühlt und denkt, dann funktioniert es. Ich mache das ja
nicht, weil ich Männer ärgern will. Ich war schon immer so. Ich war früher
sogar noch krasser, also setzte ich das in meiner Kunst auch ein. Außerdem
-wenn Männer das dürfen, warum soll ich das nicht machen?
Leiden Sie eigentlich an völliger Selbstüberschätzung?
Nein, ich habe zwar eine Profilneurose und bin Narzisstin. Eigentlich finde
ich, ich unterschätze mich manchmal sogar etwas. Aber leiden? Sehe ich aus
wie jemand, der leidet?
INTERVIEW: CIGDEM AKYOL
1 Apr 2008
## TAGS
(DIR) Feminismus
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