# taz.de -- Kinder- und Jugendbücher im Frühjahr: Lakikak heißt Ziegenmist
       
       > Ein Kind lernt skaten, ein Hund lesen und Mirza eine neue Sprache.
       > Neuerscheinungen von Julie Flett, Enne Koens, Andreas Greve und Lena
       > Winkel.
       
 (IMG) Bild: Kinder aus der indigenen Cree-Community lernen Skaten in Julie Fletts „Wieder da!“
       
       Haw êkwa!“ bedeutet in der Sprache der indigenen Cree Nordamerikas „Los
       geht’s!“. Das rufen sich auch die Kinder in Julie Fletts aktuell
       erschienenem Bilderbuch zu, bevor sie mutig auf ihre Rollbretter springen.
       
       Inspiriert von Erinnerungen an die Kindheit ihres eigenen Sohnes erzählt
       die kanadische Autorin und Illustratorin in „Wieder da!“ von kleinen
       Lernschritten, denen große Veränderungen folgen.
       
       Fasziniert beobachtet das Kind in Fletts Bildgeschichte vom Fenster die
       vorbeisausenden Skater auf dem Gehweg, lauscht dem monoton kratzenden Sound
       ihrer Rollen auf dem Asphalt und stellt sich bald schon vor, wie es wäre,
       selbst auf dem Board dahinzugleiten.
       
       Doch wirklich los geht es für den Jungen erst, als die Mutter nach einem
       Besuch im Haus der Oma ihr altes Rollbrett mitbringt: „Haw êkwa!“
       
       ## Indigene Traditionen
       
       Die Autorin Julie Flett gehört [1][zur kanadischen Cree-Community] und
       stellt in ihren Bilderzählungen eine zeitgenössische Verbindung zu den
       Gewohnheiten, der Sprache und Kultur ihrer indigenen Vorfahren her.
       
       Für ihre einprägsam flächigen Illustrationen verwendet Julie Flett einen
       Mix aus farbigen Collagen, Zeichnung und der Maltechnik Gouache. Die
       Figuren gestaltet sie zweidimensional mit klaren Konturen, denen sie einen
       freundlichen und offenen Ausdruck gibt. Ihre reduzierten Darstellungen
       wirken zugleich wie eine Hommage an das Werk Ezra Jack Keats (1916–1983).
       
       Für den Bilderbuchklassiker „The Snowy Day“ erhielt der New Yorker Autor
       und Illustrator 1963 die renommierte Caldecott Medaille für
       Kinderbuchliteratur. Es handelt von dem Schneeabenteuer eines
       afroamerikanischen Jungen in Brooklyn.
       
       Mit zurückhaltender Aufmerksamkeit für die Details und einem
       spannungsreichen Wechsel der Bildausschnitte begleitet Julie Flett in
       „Wieder da!“ das geduldige Üben des Jungen auf dem Skateboard. Erst
       sitzend, balancierend, dann schon stehend, auf dem Basketballplatz
       stürzend, wieder an der Hand der Tante und später allein auf dem Schulhof
       kurvend.
       
       ## Im Skatepark
       
       Aus der Ich-Perspektive und in knappen Sätzen schildert der Junge die
       Fortschritte auf dem Weg zum Skatepark. „Aber als wir dort ankommen,
       krachen die Bretter über die Bahn wie ein tosender Wasserfall. Soll ich
       wirklich?“
       
       Überraschend schnell trifft er dort auf andere Jungen und Mädchen in seinem
       Alter. Gemeinsam finden sie den Mut, sich auf der Bahn auszuprobieren.
       Julie Flett beschreibt diesen Treffpunkt der Kinder und Jugendlichen als
       einen sympathischen Ort der Verbundenheit – ohne Konkurrenz oder Posertum.
       
       Mit ihnen in der Begeisterung und Bewegung vereint, findet der junge
       Erzähler hier bald neue Freunde. So erzählt dieses mitreißende Bilderbuch
       ganz unaufgeregt auch von der wachsenden Unabhängigkeit eines Kindes.
       
       Nach einem langen Nachmittag im Park grüßt der Junge nun im Vorbeirollen
       seine Mutter durchs das offene Fenster: „Pê-kîwêwin!“ – „Wieder da!“
       
       ## „Zuhause ist woanders“
       
       Mirza spielt lieber Fußball. Doch in der Mannschaft der Jungen im Dorf
       findet der Zwölfjährige keinen Anschluss. Auch ihre Sprache, das Levarisch,
       versteht er nicht.
       
       In „Zuhause ist woanders“, dem Roman [2][der niederländischen
       Schriftstellerin Enne Koens,] landet der junge Erzähler nach einer
       tagelangen Autofahrt mit dem Vater in dessen Heimatland und im Bergdorf der
       verstorbenen Großeltern.
       
       Die Gründe für ihre überstürzte Flucht dorthin erfährt Mirza aber erst mit
       der Zeit und ahnt bald, dass es kein schnelles Zurück in den vertrauten
       Alltag mit Lukas, seinem besten Freund geben wird.
       
       Beim täglichen Holzsammeln im Wald ritzt er jeden Tag seines unfreiwilligen
       Aufenthalts mit einem Taschenmesser in einen Baumstamm ein, während er in
       Gedanken mit Lukas seine verzweifelte Situation berät.
       
       ## Ungewöhnliche Geschichte
       
       Einfühlsam entwickelt die Autorin eine ungewöhnliche Erzählung, die auf
       umfassende Weise die Herausforderung von Migration sowie die Erfahrungen
       von Verlust, Einsamkeit und Neuanfang thematisiert.
       
       Auch wenn man Mirzas ursprünglichen Wohnort in einer westeuropäischen Stadt
       vermuten mag und das Heimatdorf des Vaters möglicherweise im Balkan liegen
       könnte, gibt das Buch dazu keine konkreten Hinweise.
       
       Stattdessen bereichern allerhand fantastische Elemente die abenteuerliche
       Handlung. So entdeckt Mirza auf einer seiner einsamen Wanderungen hinab ins
       Dorf ein völlig unbekanntes Tier, ein scheues „Slüwen“.
       
       Diesem Fantasiewesen genauso wie den Empfindungen und Erfahrungen des
       Neuankömmlings verleiht die Illustratorin Maartje Kuiper eine ganz
       eigentümliche Gestalt auf ihren Bildern. Die zarten Zeichnungen in Orange-,
       Braun- und Grautönen erweitern die Erzählung um eine weitere,
       atmosphärische Ebene.
       
       ## Levarisch lernen
       
       Einen hilfreichen Rat bekommt Mirza in der Fremde wieder einmal im inneren
       Dialog mit Lukas: „Du musst lernen, dieses Land zu begreifen. Es wäre aber
       praktisch, wenn du Levarisch könntest.“
       
       Wirkungsvoll hat Enne Koens für „Zuhause ist woanders“ eine eigene Sprache
       erfunden und im Anhang sogar ein Levarisches Wörterbuch angehängt.
       „Prinzip“ bedeutet Reißverschluss, „Lakikak“ heißt Ziegenmist und „Zopa“
       ist Suppe.
       
       Doch erst in der Freundschaft zu Selin findet Mirza den fehlenden
       Schlüssel, um in dem fremden Land ankommen zu können. Das Mädchen weicht
       seinem Blick nicht aus wie die anderen Mitschüler im Dorf und sie ist
       ebenso begeistert vom Fußball wie er.
       
       An ihrer Seite gelingt es Mirza, die Regeln des Dorfes zu verstehen und er
       findet endlich Antworten auf Fragen, zu denen sein Vater schweigt.
       Gemeinsam verabreden sich die zwei Meskali-Kinder zu einer geheimnisvollen
       Mutprobe auf dem höchsten Berg.
       
       ## Ein schlauer Hund
       
       Um neue Worte geht es auch in „Lass das Lesen, Leo!“, einer schwungvoll
       erzählten Comic-Geschichte mit Rollentausch. Leo ist ein ziemlich schlauer
       Hund, der sogar sprechen kann. Er und sein Halter sind ein gutes Gespann.
       
       Der ältere Herr (vielleicht das Alter Ego des Autors, Andreas Greve), von
       der Illustratorin Lena Winkel mit tierähnlichen Gesichtszügen gezeichnet,
       genießt an Leos Seite die ausgiebigen Spaziergänge durch den Wald und an
       den Strand – bis Leo eines Tages für sich das Lesen entdeckt.
       
       Mit minimaler Hilfestellung seines Begleiters gelingt es dem Hund schon
       bald, jedes Schild auf ihrem Weg zu entziffern. Das verändert auch die
       Dynamik im Team. Denn nun will Leo nicht mehr in den Wald, sondern dorthin,
       wo es Schilder zum Lesen gibt, in Supermärkte oder die Fußgängerzone. Drei
       Tage hintereinander verbringen er und sein Herrchen am Bahnhof.
       
       „Anschlussreisende. Fahrausweise. München, Stuttgart, Köln, Aachen, Emden,
       Leer.“ Während Leo begeistert liest, ist die Laune seines Begleiters im
       Keller. Nun muss sich der Mann etwas ausdenken.
       
       ## Subtiler Humor
       
       Mit feinem Humor inszeniert Lena Winkel das Verhältnis der Protagonisten
       und die subtilen Verschiebungen in ihrer Beziehung. Der Autor des Textes,
       Andreas Greve verstarb 2023.
       
       In dynamisch ineinander übergehenden Szenen, ohne die Begrenzungen von
       Panels, entwickelt die Zeichnerin das Abenteuer dieser eindrücklichen
       Charaktere. In einer abwechslungsreichen Dramaturgie mischen sich
       ganzseitige Bilder mit bewegungsreichen Sequenzen ab, ebenso Sprechblasen
       mit kurzen Textpassagen. 
       
       Um seinen vierbeinigen Freund wieder zurück in den Wald zu locken, lässt
       sich der Mann so einiges einfallen. Trotzdem bleibt ihr Verhältnis zunächst
       angespannt, bis plötzlich am Strand ein neues Schild auftaucht. Nur gut,
       dass Leo lesen kann.
       
       24 Mar 2026
       
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