# taz.de -- Projekt „Kunst auf Rezept“ in Bremen: Malen gegen den Blues
> Ein Modellprojekt zeigte, wie wirksam Kultur bei psychischen Belastungen
> ist. Nun sucht Bremen Wege, das Erreichte in die Regelversorgung zu
> retten.
(IMG) Bild: Hilft sehr gut gegen Einsamkeit: Malen in Gemeinschaft
Wer in den vergangenen drei Jahren mit depressiver Verstimmung oder
[1][chronischer Einsamkeit] in die Praxis einer Bremer Hausärztin ging, kam
mitunter mit einem ungewöhnlichen Zettel wieder heraus: einem grünen
„Kunst-Rezept“, das nicht zur Apotheke führte, sondern in die Mal- oder
Schreibwerkstatt, den Foto- oder Improvisationstheaterkurs der
Volkshochschule (VHS).
Dahinter steht das [2][Konzept des „Social Prescribing“]:
Mediziner:innen verschreiben keine Medikamente, sondern die Teilnahme
an sozialen oder kulturellen Aktivitäten. Der Ansatz erkennt an, dass
Gesundheit maßgeblich von Lebensumständen beeinflusst wird, die rein
medizinisch nicht heilbar sind.
[3][„Kunst auf Rezept“ hieß das Bremer Experiment], das zum Jahreswechsel
ausgelaufen ist. Nun wurde [4][die offizielle Bilanz gezogen] – und ein
erster Plan für die Zeit danach präsentiert.
Die [5][Ausgangslage ist in Bremen wie auch anderswo prekär]: Psychische
Belastungen nehmen zu, die Ausfalltage wegen Depressionen und
Angstzuständen erreichen [6][laut Krankenkassenberichten immer neue
Höchststände].
Das [7][Projekt „Arts on Prescription“ (AoP)], kofinanziert durch die
[8][EU], in dessen Rahmen das Bremer Experiment stattfand, setzte genau
hier an: Über 70 medizinische Einrichtungen, darunter Praxen von
Hausärzt:innen und das Ameos Klinikum, aber auch Beratungsstellen und
ambulante Hilfsangebote beteiligten sich als „Verschreiber“. Fast 200
Menschen zeigten in den drei Projektjahren Interesse, 75 konnten die
Pilotphase vollständig durchlaufen.
## Schnelle, niedrigschwellige Entlastung
Die Resonanz für den ungewöhnlichen Ansatz sei dabei zunächst aus dem
psychotherapeutisch-psychiatrischen Bereich größer gewesen, erzählt Hannah
Goebel, die das Projekt für die Volkshochschule geleitet hat. Nach und nach
seien auch viele Hausarztpraxen dazu gekommen.
Die nun präsentierten Daten der Begleitforschung zeigen, wie erfolgreich
das Projekt war: Der Anteil der Teilnehmenden mit geringem mentalem
Wohlbefinden sank von 61 auf 42 Prozent. Bei 71 Prozent derjenigen, die mit
besonders hohen Belastungen starteten, verbesserte sich der Zustand
deutlich. In einer Zeit, in der Therapieplätze oft monatelange Wartezeiten
haben, bot das Projekt sofort eine niedrigschwellige Entlastung.
Was das Bremer Modell dabei von den europäischen Projektpartnern
unterschied, war der inklusive Ansatz. Im dänischen Odense oder im
polnischen Stettin etwa wurden für die Pilotphase [9][geschlossene Gruppen
für Menschen mit ähnlichen Diagnosen geschaffen]. In Bremen wurden die
Rezeptinhaber:innen in ausgewählte reguläre VHS-Kurse integriert, die
für Anfänger:innen geeignet waren und deren Kursleitungen dafür offen
waren.
Der Gedanke dahinter: Wer malt oder schauspielert, soll sich als
Künstler:in fühlen, nicht als Kranke:r. „Teilnehmende auf Rezept waren
für die Kursleitungen und die anderen Teilnehmenden nicht als solche
erkennbar“, sagt Goebel.
## Rollenwechsel: Künstler:in statt Kranke:r
Dieser Rollenwechsel ist [10][laut dem Abschlussbericht] einer der
zentralen Faktoren für die hohe Zufriedenheit mit dem Projekt. Viele hätten
ihr zurückgemeldet, dass das Programm für sie „wirklich einen Unterschied
gemacht“ habe, sagt Goebel.
„Ich habe durchweg positive Erfahrungen gemacht und habe das Gefühl, dass
der Kurs mir geholfen hat, auf andere Gedanken zu kommen und in den
Austausch zu gehen, was ich als sehr heilsam empfunden habe“, sagte ein
Teilnehmer den Forscher:innen, die das Projekt mitevaluiert hat.
Begleitet wurde der Prozess durch eine Reflexionsgruppe, geleitet von zwei
Programmbegleiterinnen, einer Kunsttherapeutin und einer
Genesungsbegleiterin – einer Person mit eigener Krisenerfahrung. Hier fand
die emotionale Aufarbeitung statt, die im Kursraum bewusst keinen Platz
hatte. Diese Kombination aus Kurs und Reflexionsgruppe sei der Schlüssel,
sagt Goebel.
Für die Kursleitenden der VHS habe es die Möglichkeit gegeben, an einer
Fortbildung teilzunehmen. Dort sei es darum gegangen, Wissen über
psychische Krankheit und Gesundheit zu vermitteln, die Zusammenhänge von
kultureller Bildung und Gesundheitsförderung kennenzulernen oder
Erwartungen im Umgang mit psychisch belasteten Teilnehmenden zu
reflektieren, erzählt Goebel.
## Minimale Übergangslösung
Trotz des großen Erfolgs des Projektes ist unklar, ob und wie es
weitergehen kann. Aktuell gibt es kein Angebot, weil noch keine
Finanzierung gefunden wurde. Eine Übernahme in die Regelfinanzierung der
Krankenkassen ist kurzfristig nicht absehbar.
Zunächst haben die Gesundheitsbehörde, das Kulturressort und die
Volkshochschule einen Aktionsplan entworfen. Kernstück ist die
[11][Gründung eines „Kompetenzzentrums Kunst auf Rezept – Netzwerk Kultur
und Gesundheit“]. Dieses soll zunächst für ein Jahr die Verbreitung des
Konzeptes sicherstellen und Fördermittel akquirieren, heißt es aus der
Gesundheitsbehörde.
Die finanzielle Ausstattung für 2026 ist gering: Die drei Partner steuern
jeweils rund 5.000 Euro bei. Mit diesen 15.000 Euro wird an der VHS eine
Koordinationsstelle finanziert, die Goebel übernimmt.
## Bremer Projekt als Vorbild
Bundesweit ist die [12][Aufmerksamkeit für den Erfolg des Bremer Projekts
jedoch groß]. Es gebe Kontakte in andere Länder, um Know-how zu
transferieren, sagt Goebel. Und Bremen setze sich auf Bundesebene zudem
dafür ein, „bei der anstehenden Überarbeitung des Präventionsgesetzes Kunst
und Kultur als einen zu fördernden Ansatz mit aufzunehmen“, schreibt die
Gesundheitsbehörde der taz. Denn die Evaluation zeigt auch: Prävention
durch Kunst ist im Vergleich zu Langzeittherapien oder Klinikaufenthalten
sehr kosteneffizient.
Während ein einzelner Tag in einer stationären psychiatrischen Einrichtung
[13][das Gesundheitssystem im Schnitt über 400 Euro kostet], deckt diese
Summe schon die Kosten für die Teilnahme an einem Kunstprojekt inklusive
fachlicher Begleitung ab. Langfristige [14][Einsparungen ergeben sich zudem
durch verminderte Medikamenteneinnahmen und weniger Arztbesuche], wie Daten
aus Großbritannien nahelegen, die von einer Kosten-Nutzen-Relation von bis
zu 1:3 sprechen.
Der größte Erfolg des Projekts ist aber vielleicht, dass sich in Bremen
daraus längst nachhaltige Netzwerke gebildet haben. [15][Ehemalige
Teilnehmende haben im Netzwerk Selbsthilfe die Gruppe „Kreativität als
Ventil“ gegründet]. Viele der Teilnehmenden hätten während der Kurse
Kontakte geknüpft, die fortbestehen, sagt Goebel. „Sie setzen die kreativen
Tätigkeiten fort, haben erlebt, dass kreatives Tun hilft, den Kopf
freizubekommen, Freude zu empfinden, sich auszudrücken und mit anderen
Menschen in Kontakt zu kommen.“
9 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Jugendliche-in-Berlin/!6138795
(DIR) [2] /Kunst-auf-Rezept/!6076354
(DIR) [3] https://www.gesundheit.bremen.de/gesundheit/psychiatrie-und-sucht/kunst-auf-rezept-46284
(DIR) [4] https://sd.bremische-buergerschaft.de/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZVCRm4M-Meuao7jzZ4YWvnBsJAM-xwHT9GOzhOjFYrq2/Teil_B_L_zu_1_Abschlussbericht_zum_EU-Interreg_Projekt_---Arts_on_Prescription---Nr.161.pdf
(DIR) [5] /Psychiatrische-Versorgung-in-Bremen/!5861223
(DIR) [6] https://www.dak.de/presse/bundesthemen/umfragen-studien/psychische-erkrankungen-in-der-arbeitswelt-2024-verursachten-depressionen-erneut-die-meisten-fehltage_131626
(DIR) [7] https://interreg-baltic.eu/project/arts-on-prescription/
(DIR) [8] https://interreg.eu/
(DIR) [9] https://www.theseus.fi/handle/10024/900205
(DIR) [10] https://interreg-baltic.eu/project-posts/arts-on-prescription/arts-on-prescription-evidence-from-the-baltic-sea-region-pilot-highlights-mental-health-benefits-and-policy-relevance/
(DIR) [11] https://sd.bremische-buergerschaft.de/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZctSYNftszO0t0HWlfryMNPTXH-wCgoyNuM3vWerShq7/Teil_A_L_zu_2_Abschlussbericht_zum_EU-Interreg_Projekt_---Arts_on_Prescription---Berichtsbitte_FDP_Kompetenzzentrum__Kunst_auf_Rezept_Nr.161.pdf
(DIR) [12] https://www.vhs-bremen.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Dokumente/Flyer_Fachtag.pdf
(DIR) [13] https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/57370/data/0114eed547a91f626b09d8265310d1e5/dak-psychreport-ergebnis-praesentation.pdf
(DIR) [14] https://socialprescribingacademy.org.uk/media/wemjbqtw/building-the-economic-case-for-social-prescribing-report.pdf
(DIR) [15] https://www.selbsthilfe-wegweiser.de/selbsthilfegruppe/807.html
## AUTOREN
(DIR) Robert Matthies
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