# taz.de -- Harald Welzer über notwendige Reformen: Die AfD interessiert uns nicht
       
       > Warum wir Rechtspopulisten nicht bekämpfen, sondern überflüssig machen
       > sollten: Demokratie verteidigt man nicht mit Empörung, sondern mit
       > Gestaltungskraft. Das Editorial der neuen taz FUTURZWEI.
       
 (IMG) Bild: Her mit dem guten Leben: Sich selbstwirksam engagieren bringt mehr, als auf Dauerempörte zu hören
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Mich interessiert die [2][AfD] schon mal gar nicht.
       Ich hatte schon zu [3][Bernd Luckes] und [4][Frauke Petrys] Zeiten das
       Gefühl, dass ich diese Leute nicht mag.
       
       Mit ihren radikalisierten Nachfolgerinnen hat sich das nicht geändert und
       ehrlich gefragt: Warum eigentlich soll man sich mit Leuten
       auseinandersetzen, die man nicht mag?
       
       Nun ja, seit [5][Jörg Haider] ist es das Geschäftsmodell der
       Rechtspopulisten, dass man sich für sie interessieren soll – auch und
       gerade wenn man sie nicht mag. Deshalb lassen sie ohne Unterlass Dinge vom
       Stapel, über die sich Menschen echauffieren sollen, was die dann auch wie
       der Pawlowsche Hund tun und damit den schlechten Menschen einen
       Resonanzboden zur Verfügung stellen, den sie aus eigener Kraft nie haben
       könnten. Auf diese Weise kann man mit nix auf Tasche Wahlen gewinnen.
       
       ## Inklusion für Menschenfeinde
       
       Der heutige Populistenkönig [6][Trump] hat das früh zur Perfektion
       getrieben, weil er – wie einst [7][Goebbels] das Radio – ein neues Medium
       in seiner genuinen Qualität für seine Form von Politik entdeckt hatte: die
       sozialen Netzwerke. Die sind, wie Jaron Lanier schon früh dargelegt hat,
       strukturell bösartig und damit das perfekte Inklusionswerkzeug für alle,
       die menschenfeindlich eingestellt sind oder es werden könnten.
       
       Jetzt werden wir Trump nicht mehr los und er hat alles in der Hand, um
       unsere Welt zu zerstören. Nur weil sich zu viele Leute für seinen Scheiß
       interessiert haben. Selbst eine von den Guten gefeierte Aktion wie die von
       Correctiv, die ein Geheimtreffen von Rechtsextremen aus dem Dunkel in die
       Öffentlichkeit gebracht hat, hat letztlich nur zu einer Popularisierung des
       ekligen Begriffs der „Remigration“ geführt, den vorher gar keiner außer den
       Nazis selbst kannte.
       
       Seit Jahren funktioniert dieses Spiel, und die tapferen Verteidigerinnen
       und Verteidiger der Demokratie und der freiheitlichen Ordnung kommen mit
       dem Verteidigen leider nicht mehr hinterher, weil sie vor lauter
       Verteidigen übersehen haben, dass man in der Demokratie den Menschen Grund
       geben muss, der Politik zu vertrauen.
       
       Es ist schon spektakulär, mit welcher Indolenz [8][CDU], [9][SPD] und
       [10][Grüne] den Aufstieg der Rechten betrachtet haben, so, als sei nicht
       ihre eigene Sach- und Bürgerferne, die stetig gewachsene Verholzung ihrer
       Sprache und Inhalte, eine Schwäche, die sich Populisten zum Ausbeuten
       geradezu aufdrängt.
       
       ## Mit Hirni-Begriffen Handlungsfähigkeit suggerieren
       
       Der Kokolores mit der [11][Brandmauer] ist ja nicht nur – wie man an den
       Herren [12][Dobrindt] oder [13][Spahn] sehen kann – eine moralisch völlig
       überdehnte Haltungssimulation: Schließlich exekutieren sie selbst die
       Politik, die die AfD selbst gern praktizieren würde. Nein, die Brandmauer
       ist auch ein probates Mittel, um politischen Wettbewerb zu vermeiden und
       sich damit zu ersparen, Konzepte zu entwickeln, mit denen in der
       Bevölkerung Gefühle von Zugehörigkeit, Beheimatung und Wirksamkeit geweckt
       werden könnten – von einem funktionierenden [14][Wohnungsmarkt] über ein
       komfortables Nahverkehrsangebot und ordentliche Schulgebäude bis hin zu
       einer Kultur, in der die Scheuers, Spahns und Scholzens nicht ungeschoren
       davonkommen, wenn sie Millionen oder gar Milliarden an Steuergeldern
       versenken.
       
       Anstatt an einer Modernisierung des vorsorgenden und bürgerfreundlichen
       Staates im 21. Jahrhundert zu arbeiten und hier und da mal erprobte
       Praktiken aus anderen Ländern (Schweiz! Dänemark! Spanien!) zu übernehmen,
       wurschtelt man in sich stetig vertiefender Gestrigkeit weiter und lässt
       Agenturen Hirni-Begriffe erfinden, die Handlungsfähigkeit suggerieren – wie
       der prompt krepierte „Herbst der Reformen“, der dann nur ein Herbst der
       Kommissionen wurde, die ihrerseits ein bewährtes Mittel des politischen
       Attentismus sind: Wir tun mal so, als ob wir was tun, damit wir nichts tun
       müssen.
       
       Wir bei taz FUTURZWEI interessieren uns nicht für die AfD, sondern für
       Reformen, wie sie in manchen Kommunen trotz alledem durchgezogen werden –
       wie bei den Fast-Food-Verpackungsgebühren und erhöhten Parkkosten für SUVs,
       wie das in Tübingen gemacht wird, von der „essbaren Stadt“, mit der man in
       Andernach nicht nur das Stadtgrün revolutioniert, sondern Umweltbildung
       praktiziert und die Bürgerinnen und Bürger sich mit ihrer Stadt
       identifizieren lässt, bis hin zur Co-Finanzierung von Lebensmittelläden im
       Dorf oder in der Kleinstadt, damit nicht alle 20 Kilometer mit dem Auto in
       die grottenhässlichen anonymen Shoppingmalls gurken müssen, um ein Pfund
       Kaffee und etwas Waschmittel zu kaufen.
       
       ## Wo sind die Parteien falsch abgebogen?
       
       Uns interessiert, wie man Städte gegen Extremwetter wappnet und zugleich
       schöner macht, wie man Wohnbaugenossenschaften oder das Ehrenamt
       attraktiver macht, wie man Chöre und Laientheater und Bands und
       Jugendzentren und Wohnzimmer der Gesellschaft fördern kann – wie man, kurz,
       die real existierende liberale Demokratie zu einem guten Ort macht, an dem
       man gerne ist.
       
       Dazu gehören soziale Intelligenz und moralische Fantasie, deren Förderung
       wäre Kerninhalt demokratischer Parteien. Genauso übrigens wie die
       notwendige Arbeit an der aktiven und vorausschauenden Gestaltung eines
       Gemeinwesens, die – wie die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik zeigt –
       weit mehr voraussetzt als das Nachsprechen von Plastikwörtern wie
       Innovation, Disruption, Technologieoffenheit oder Wachstum. Gestaltung
       erfordert ein waches und informiertes Interesse an einer freiheitlichen
       Ordnung, die soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit,
       funktionierende Institutionen und ein Gemeinwesen mit Einladungscharakter
       voraussetzt.
       
       Anders gesagt: Die Parteien müssen sich wieder die Frage vorlegen, auf die
       sie eine Antwort sein wollten und aufarbeiten, wann und wo sie falsch
       abgebogen sind auf dem Weg zur Verbesserung der modernen Gesellschaft. Und
       statt proaktiv nur noch reaktiv wurden.
       
       Wenn man all das und vor allem das selbstreflexive Denken vermeiden und
       dafür jemand haben möchte, der einem die Themen vorgibt, dann sollte man
       seine Aufmerksamkeit den Menschen- und Demokratiefeinden zuwenden. Wenn man
       hingegen Bürgerinnen und Bürger davor bewahren möchte, selbst zu
       Menschenfeinden zu werden, sollte man sich mit wichtigeren Angelegenheiten
       befassen als mit diesen Leuten.
       
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       mit dem Titelthema „Die AfD interessiert uns nicht“ erscheint am 10.03.
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       3 Mar 2026
       
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