# taz.de -- Wenn der Vater stirbt: Die Trauer in der Nudelpackung
       
       > Wie lernen wir eigentlich Trauer? Als ihr Vater stirbt, macht sich unsere
       > Autorin auf die Suche – und begegnet dem Gefühl im Supermarktregal.
       
 (IMG) Bild: Irgendwie war es ein großer logistischer Stress, die Asche abzuholen
       
       „Mit Papa im Zug“, schreibt unsere Schwester in die Familiengruppe und
       schickt ein Foto von der Urne in einem grauen Jutebeutel.
       
       Unser Vater ist vor drei Monaten gestorben und irgendwie war es ein großer
       logistischer Stress, die Asche abzuholen. Niemand hatte Zeit und niemand
       hatte Lust. Letztendlich hat sie sich erbarmt und ist an einem Freitag die
       insgesamt 700 Kilometer gefahren, um die Asche zu sich in die WG zu holen.
       Weil uns niemand beigebracht hat, [1][wie man trauert], wissen wir nicht so
       richtig, was wir damit tun sollen.
       
       Als der Anruf kam, dass er gestorben ist, war unser erster Gedanke, dass
       das jetzt wirklich richtig schlecht in unser Leben passt. Wir sind in
       unseren Zwanzigern. Wir studieren, hatten uns gerade frisch verliebt,
       wollten nächste Woche in den Urlaub, hatten doch morgen das
       Bewerbungsgespräch bei der taz, kurz: Wir hatten keine Zeit für tote Väter.
       Und vor allem hatten wir keine Zeit für die unangenehmen Gespräche, die
       damit einhergehen. Wie erzählt man seinem Umfeld, dass sein Vater gerade
       gestorben ist?
       
       Weil uns niemand beigebracht hat, wie man trauert, haben wir also einfach
       mit dem Alltag weitergemacht. Den Satz, „mein Papa ist vor Kurzem
       gestorben“, schummeln wir nur in Gespräche rein, wenn es unbedingt sein
       muss und selbst dann fühlen wir uns jedes Mal schlecht, weil wir unser
       Umfeld so unhöflich zu einer Reaktion zwingen. Mit dem Tod ist es so: Er
       ist normal, alltäglich, zu hundert Prozent gewiss. Und trotzdem haben wir
       uns nicht an ihn gewöhnt, wir sprechen nicht über ihn, wir sind schockiert,
       wenn er passiert. Wir haben als Gesellschaft verlernt, den Tod in unseren
       Alltag zu integrieren.
       
       ## Papa in der Sonne
       
       Als der Tod noch allgegenwärtig war, weil jedes vierte Baby starb, bevor es
       laufen lernte, und niemand davon ausgehen durfte, mal alt zu werden,
       wussten Menschen, wie man trauert. Sie beteten zu Göttern, die sie eigens
       dafür erfunden hatten, und trugen ein Jahr lang Schwarz. Sie verschuldeten
       sich, um den Toten ein Haus zu bauen, das prunkvoller war, als das der
       Lebenden. Als der Tod noch allgegenwärtig war, starben Menschen zu Hause
       und nicht in Krankenhäusern.
       
       Weil uns niemand beigebracht hat, wie man trauert, kennen wir den Tod
       nicht: Wir haben ihn noch nie gesehen. Menschen altern nicht, weil das
       verboten ist und es jetzt Botox gibt, sie trauern nicht, weil das nicht in
       den Alltag passt und man damit nur unangenehmen Smalltalk führt, sie
       sterben still und heimlich hinter verschlossenen Türen, weil der Tod sonst
       alle daran erinnern würde, dass er existiert und wir noch nicht unsterblich
       sind. Wir machen Witze darüber, dass unser Vater das Glück hatte, [2][noch
       sterben zu dürfen, ohne dass sein Gehirn an eine KI verfüttert] und sein
       Körper durch einen Avatar ersetzt wurde.
       
       Weil wir verlernt haben, den Tod in unseren Alltag zu integrieren, hat uns
       niemand beigebracht, zu trauern. Und weil uns jetzt aber nichts anderes
       übrig bleibt, geben wir uns Mühe, schnell zu lernen, wie man das nachholt:
       Wir ritzen seinen Namen in einen Baum, drucken Fotos aus und zünden eine
       Kerze an. Wir gehen auf einen Friedhof, aber dort stören wir die
       Spaziergänger*innen mit unserer Trauer.
       
       Wir versuchen uns an ihn zu erinnern: Papa in der Sonne, er fordert uns
       auf, Feigen aus dem Nachbargarten zu klauen, und wir trauen uns nicht, weil
       die Nachbar*innen beim letzten Mal schon so geschimpft haben. „Ihr
       Schisser“, sagt er und lacht. Papa stellt eine Auflaufform auf den Tisch:
       Muschelnudeln mit Ricottafüllung, das leckerste Essen der Welt. Papa kocht
       Eier im Wasserkocher, weil das Energie spart und man dann gleichzeitig halb
       gekochte Eier und ekeliges Teewasser hat: das ekeligste Essen der Welt.
       Papa, der auf dem Sofa liegt und tagelang nicht spricht. Die Demenz, die
       sich durch sein Gehirn gefressen hat, bis kaum noch etwas übrig war, außer
       ein Papa, der Windeln trägt und unsere Namen nicht mehr kennt: auch das hat
       uns niemand beigebracht. Papa nur Haut und Knochen, zusammengesackt auf
       einem Rollstuhl. Wie sah er noch mal aus, bevor er krank wurde?
       
       ## Wie eine Zeitbombe
       
       Weil uns niemand beigebracht hat, wie man trauert, weiß unser Umfeld nicht,
       wie man mit toten Vätern umgeht, und fragt nicht nach, wie es uns mit der
       Trauer geht. Wir sind erleichtert darüber, weil das bedeutet, dass wir
       nicht antworten müssen. Weil uns niemand beigebracht hat, wie man trauert,
       ist die Trauer um unseren Vater zu groß, um sie fühlen zu können. Wir
       hätten mit etwas Kleinerem üben sollen.
       
       Die Trauer fängt an, sich wie eine Zeitbombe anzufühlen. Wir wissen: Trauer
       ist etwas, was man möglichst schnell überwindet. Der Sonderurlaub, der
       nahen Angehörigen bei einem Todesfall zusteht, beträgt in der Regel zwei
       Tage. Weil wir Angst haben, das Zeitfenster, in dem wir trauern dürfen, zu
       verpassen, geben wir uns also Mühe, schnell traurig zu sein. Aber es
       gelingt uns nicht.
       
       „Es gibt keine falsche Trauer“, sagt uns jede einzelne Person, mit der wir
       unser Problem besprechen wollen. Und es klingt wie: „Es gibt kein richtiges
       Leben im falschen.“ Wie ein Satz, mit dem man fast alles entschuldigen
       kann. Alles ist erlaubt, na ja, fast alles, solange es sich im
       gesellschaftlichen Rahmen bewegt, solange es nicht zu krass wird, solange
       man trotzdem funktioniert, ein wenig Trauer ist schon notwendig, sonst wäre
       es komisch, sonst wäre es kalt, aber zu viel Trauer ist ungesund, macht es
       unangenehm, irgendwann muss es ja schließlich weitergehen.
       
       Unsere Mutter sagt, Trauer ist wie Blut. Sie fließt durch unsere Adern und
       begleitet uns jetzt unser Leben lang überall hin, ob wir sie merken oder
       nicht. Unsere Mutter sagt: „Ihr müsst die Trauer nicht in euren Alltag
       integrieren. Da ist sie doch schon längst.“ Unsere Mutter sagt, wir werden
       die Trauer dort finden, wo wir sie am wenigsten erwarten: in Gerüchen, in
       Bewegungen, in einzelnen Wörtern.
       
       Letztendlich finden wir die Trauer in einer Packung Nudeln. Es ist spät,
       wir hasten in den Penny, um noch schnell Müsli für morgen zu kaufen, und
       sehen plötzlich Conchiglie im Angebot. Wir bleiben stehen, denken an Papa
       und an Muschelnudeln: das leckerste Essen der Welt, schaffen es endlich, zu
       heulen. Dann stellen wir die Packung zurück, wir kaufen sie nicht.
       
       3 Mar 2026
       
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