# taz.de -- The Notwist über ihr neues Album: „Es geht uns um Hoffnung“
       
       > „News from Planet Zombie“, lehnt sich an die angetörnten Sounds der
       > 1960er an. Ein Gespräch über Spontaneität, Geschichte und abgelehnte
       > Werbespots.
       
 (IMG) Bild: „Es soll etwas Garagenbandmäßiges haben“: The Notwist bei einer Probe für ein Konzert in Berlin am 11. März 2026
       
       Für „News from Planet Zombie“, das neue Album der Band The Notwist, ist
       nichts gerade gezogen, vielleicht steht die Musik deshalb so aufrecht da.
       Die Gitarrenriffs sind direkt und ungebügelt, keine Wand aus Effekten ist
       davor aufgebaut. Das Schlagzeug darf schwingen, wie es ist, und wird nicht
       in künstlichem Hall gebadet. Markus Achers Stimme ist angreifbar, die Band
       verzichtet auf Studiotricks, versteckt sich nicht hinter der
       Postproduktion, zunächst aber gibt es etwas anderes zu besprechen. 
       
       taz: Hat The Notwist wirklich 1 Million Euro des
       Telekommunikationsunternehmens Vodafone abgelehnt, das für einen Werbespot
       Ihren Song „Pick up the phone“ verwenden wollte? 
       
       Markus Acher: Ja. Die Summe war aber nicht für „Pick up the phone“
       bestimmt, sondern für „One with the Freaks“, was bei dem Song noch ein
       bisschen mehr erklärt, weil sein Text uns auch inhaltlich sehr wichtig ist:
       „Miss the signal / Miss the signpost / Miss the exits to it all / And all
       of a sudden you were one / With the freaks.“
       
       taz: Sie haben eine lange Geschichte als Freaks. Erinnern Sie sich, dass
       Sie in Ulm am 20. Juni 1992 als Vorband der US-Punkband Fugazi gespielt
       haben? 
       
       Micha Acher: Ja!
       
       Markus Acher: Sehr gut sogar.
       
       taz: Hat das menschlich gepasst? 
       
       Micha Acher: Na ja, wir waren zwar große Fans von Fugazi. Unser damaliges
       Label Big Store glaubte, wir können für sie als Vorband spielen. Dann kam
       raus, Big Store hat im ganzen Land in Clubs angerufen und behauptet, eine
       Vorband sei mit Fugazi abgesprochen. Fugazi hatten davon keine Ahnung und
       waren super genervt. Die vier Musiker waren akkurat gekleidet, kurze Haare,
       vegan, megapolitisiert und diszipliniert in ihrer Mission. [1][Wir trugen
       lange Haare, Dreadlocks, zerrissene Jeans, eher so Metal oder
       Post-Hardcore.] Weltanschaulich hat das nicht zusammengepasst. Die Konzerte
       waren trotzdem toll.
       
       taz: Sie tragen also keine bleibenden Schäden davon? 
       
       Markus Acher: Nee. Also nicht bezüglich Fugazi. Wir galten als bayerische
       Hardcore-Band damals eh als Außenseiter. Uns wollte im frisch
       wiedervereinigten Deutschland niemand hören. Erst nach und nach hatten wir
       einige Fans. Im Großen und Ganzen ging es um die US-Bands, und man hat
       versucht, irgendwie als Vorband einen Fuß in die Tür zu bekommen. Das war
       fast unmöglich, weil Gatekeeper diese US-Band-Tourneen organisiert haben.
       Ein totaler Machoverein, null Punk, einfach nur fürchterlich. Genau das hat
       dazu geführt, dass wir auch musikalisch angefangen haben, uns
       umzuorientieren.
       
       taz: Wohin denn? 
       
       Markus Acher: Die Intensität, die wir toll fanden, lag woanders, auch
       dieses Netzwerken und das Politische. Der gemeinsame Versuch, etwas
       aufzubauen und dadurch zu verändern, ist in anderen Szenen, bei Bands wie
       The Pastels aus Glasgow viel intensiver gewesen.
       
       taz: Mit Ihrer Herkunft aus dem oberbayerischen Weilheim haben Sie große
       Stoik an den Tag gelegt. Mir schien, Musikindustrie, Presse und deutsche
       Gatekeeper konnten Sie zwar nicht ignorieren, aber so richtig geschätzt
       waren Sie auch nicht. Das damals einflussreiche Musikmagazin Spex hat über
       Jahre mit Ihnen gefremdelt. Blieben Sie davon unbeeindruckt?
       
       Micha Acher: Wir haben es natürlich mitgekriegt. Aber aus der anfänglichen
       Verwunderung darüber, dass unsere Herkunft tatsächlich Thema war, ging es
       hin zum Dann-machen-wir halt-unser-Ding. Was uns weitergebracht hat, war
       natürlich der Punk-Gedanke: Jeder kann machen, was er will. Andererseits
       konnten wir uns unabhängig machen von den Reaktionen. Auch innerhalb der
       Hardcore-Szene waren wir schließlich Fremdkörper.
       
       taz: Auf Ihrem Signaturalbum „Neon Golden“ (2004) hieß es noch: „No matter,
       what we think / We’ll never leave this Room“. Beim neuen Song „Teeth“
       singen Sie: „I will find my way out of these buildings“. Zufall, dass es
       plötzlich Richtung, Ziel und Zweck gibt?
       
       Markus Acher: Das ist eher intuitiv. Aber es kommt ja nicht von ungefähr.
       [2][Ich arbeite bei jedem neuen Werk mit einem Konzept]. Beim aktuellen
       Album habe ich für die Songs eine Form gefunden, um die Situation, in der
       wir momentan leben, zu beschreiben. Auf eine Art, die nicht einfach nur
       realistisch erzählt ist, sondern mit Bildern und Assoziationen arbeitet.
       Wie beim Auftaktsong „Teeth“. Ich habe öfter geträumt, dass man entweder an
       einem Ort herumläuft und nicht reinkommt oder eben drin ist und nicht
       rauskommt. Und dieses Bild steckt in allen Songs des neuen Albums.
       
       taz: Woher kommt die Klaustrophobie? 
       
       Markus Acher: Das hat sicher mit der Weltlage zu tun, die gerade besonders
       desolat ist, extrem schrecklich und zugleich skurril. Wenn es ein Film
       wäre, würde man sagen, da ist zu viel reingepackt ins Drehbuch, es ist ein
       ganz schlechter B-Movie.
       
       taz: Wann hat die Arbeit für das Album begonnen? 
       
       Markus Acher: Nach der Coronapandemie 2022 ist viel passiert, auch bei uns,
       und das Album ist ein Ausdruck davon. Schon damals hegten wird den Wunsch,
       zusammenzukommen und gemeinsam etwas mit Seelenverwandten zu machen, neue
       Verbindungen herstellen. [3][International, aber auch innerhalb von
       München.] Es passieren tolle Sachen, die unser Leben verändern und den
       Alltag erträglicher machen. Genau darum geht es auch in der Musik: So eine
       Hoffnung auch in der Musik darzustellen, Bilder dafür zu finden und
       einprägsame Sätze in den Songtexten.
       
       taz: Die Musik lehnt sich an eine versponnene Aufbruchstimmung der späten
       Sechzigerjahre an. Im Song „X-Ray“ gibt es Anleihen beim Surfsound, seien
       es die Delays und die Orgeln. Ein bisschen wie beim Album „Pet Sounds“ von
       den Beach Boys. Und dann gibt es noch ein Zitat: „Just to be here and
       everywhere“, ist das eine Referenz an den Beatles-Song „Here, There and
       Everywhere“? 
       
       Micha Acher: Ja, es ist auf jeden Fall Teil von den Inspirationen. Bei
       unserem Song „X-Ray“ war der Gedanke erst mal, einen Sixties-Rumpelbeat wie
       von [4][The Monks] zu erzeugen. Aber es sollte eben nicht so wirken wie der
       Post-Hardcore-Sound, den wir früher gemacht haben, sondern schon so was
       Garagenbandmäßiges haben. Wir hatten vorher beschlossen, ein Album zu
       machen, für dessen Musik wir zusammen proben und live aufnehmen. Gerade
       nicht im Studio sitzen und eine Spur nach der anderen getrennt aufzeichnen.
       Diesmal haben wir das Material gemeinsam entwickelt, um spontane Energie
       festzuhalten. Eine wichtige Vorlage dafür war das Album „In the Aeroplane
       Over the Sea“ der US-Band Neutral Milk Hotel.
       
       taz: Wie sind die Aufnahmen dann gelaufen? 
       
       Micha Acher: Wir haben in einem Club in München quasi live gespielt, im
       Import Export. Dort haben wir auch zusammen geprobt und während einer Woche
       dann aufgenommen. Und das hat genau so funktioniert.
       
       taz: Sind das wirklich First Takes? Oder wurden die Songs noch editiert?
       
       Micha Acher: Wir haben manchmal Stimmen nachgedoppelt. Ansonsten ist das
       Material eins zu eins aufgenommen. Wir haben auch mit allen Gästen geprobt.
       Meist gelang das Einspielen schnell.
       
       taz: Es klingt, als seien die transzendenten Sounds, das Flirrende, dass
       auf den anderen Werken eher elektronisch erzeugt wird, diesmal mit analogen
       Mitteln entstanden. War das eine bewusste Entscheidung, oder ging es ums
       Live-Spielen? 
       
       Cico Beck: Es war der Plan, den Fokus auf Gitarren zu legen. Und wir hatten
       tatsächlich viele andere Möglichkeiten, mit analogen Instrumenten ähnliche
       Geräusche zu erzeugen. Es waren ja Bläser dabei, ein Harmonium.
       
       taz: Wie waren die Besetzungsentscheidungen? 
       
       Micha Acher: Im Grunde genommen war es so, dass wir nach Freunden aus
       unserer näheren Umgebung in München Ausschau gehalten haben; wer spielt
       welches Instrument und wie können wir es einbeziehen. Dann erst haben wir
       jeweils die Arrangements gestaltet. Zum Beispiel Haruka spielt diese schöne
       japanische Zither, also haben wir für sie dementsprechend ein Stück
       arrangiert.
       
       taz: Solche Instrumente machen es einem leicht, bestimmten Klischees
       aufzusitzen oder abzudriften. Wie schaffen Sie es, in der Balance zu
       bleiben, bei all dem, was beliebig klingen könnte? 
       
       Markus Acher: Wenn Sie jetzt auf das Klischee der Weltmusik abheben wollen,
       die Stücke gab es ja auch schon vorher. Es geht da um etwas anderes, was
       auch ans Textliche anknüpft. Es geht uns um Hoffnung. Und diese Hoffnung
       ist mit einem realen Zusammenkommen verknüpft. Wir zelebrieren in der Musik
       Freundschaften und transnationale Verbindungen, weil wir toll finden, wie
       unsere KünstlerInnen als Menschen sind. Und was sie als Künstler für eine
       Ausstrahlung haben, wie kreativ die sind, das hat das Ganze auch sehr
       befeuert.
       
       14 Mar 2026
       
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