# taz.de -- Boxset der Beach Boys: Als Brian für kurze Zeit zurück war
> Mit „We Gotta Groove – The Brother Studio Years“ erscheint eine Box
> unveröffentlichter Sessions der Band aus den 70ern. Sie zeigt das
> Kompositionsgenie von Brian Wilson.
(IMG) Bild: Die Beach Boys, Mitte der 1970er Jahre in Los Angeles, Brian Wilson ganz hinten
Gegen Ende der 1970er Jahre begann das Geschäft mit sogenannten Bootlegs,
illegal veröffentlichten Tonträgern, weltweit zu boomen: Das Gros des
Marktes wurde von privaten Live-Mitschnitten in schwer auszuhaltender
Tonqualität dominiert, doch die eigentlichen Hits waren unveröffentlichte
Studioaufnahmen arrivierter Künstler wie Bob Dylan, den Beatles oder den
Rolling Stones.
Die Beach Boys feierten zu dieser Zeit dank überwältigend erfolgreicher
Hit-Compilations wie „Endless Summer“ (1974) und „20 Golden Greats“ (1976)
wirtschaftlich betrachtet gerade einen zweiten Frühling. Kein Wunder, dass
die Bootlegger nun auch bei ihnen zu recherchieren begannen. Und sie wurden
fündig.
„Wir haben womöglich den größten Katalog unveröffentlichter Aufnahmen auf
der Welt“, zitiert Brad Johnson in seinem Buch „Surf’s Up – The Beach Boys
On Record 1961–1981“ Bandmitglied Al Jardine. Vor allem gegen Ende der
1960er Jahre war Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson nicht mehr zu bändigen.
Allein für das 1967 abgebrochene Projekt zum nie fertiggestellten Album
„Smile“ wurden Hunderte von Stunden Audiomaterial angehäuft. Einiges davon
diente den Beach Boys im Verlauf der 1970er Jahre als Steinbruch, um etwas
schwachbrüstige Alben zu pimpen. Zeitgleich wurde weiteres Material
produziert, das aus verschiedenen Gründen sogleich in die Archive wanderte.
## Ziemlich verrauscht
[1][Für das Geschäft der Bootlegger war vor allem die Legende des nie
fertig gestellten „Smile“-Albums ein exzellenter Turbo.] Es gab genug
ehemalige Toningenieure und andere Angestellte der Band und ihrer
Plattenfirmen, um an meist schrecklich verrauschte Mitschnitte von Kopien
unveröffentlichter Aufnahmen heranzukommen, und so sahen nach und nach
immer wieder neue, vermeintlich definitive „Smile“-Versionen als Bootlegs
für kurze Zeit das Tageslicht.
Der Erfolg dieser Veröffentlichungen ermutigte Bootlegger, das Repertoire
auszuweiten, und so fluteten als nächstes Alben mit Material aus den 1970er
Jahren den Markt. Vor allem das Album „Adult/Child“ entzündete die Fantasie
der Brian-Wilson-Fangemeinde, weil die Bootleg-Versionen offenbarten, dass
er irgendwann Mitte der 1970er noch mal eine ganz andere künstlerische
Vision für seine Band hatte: [2][Kalifornischer Sunshine-Pop] wird
erwachsen durch eine Fusion mit opulentem Bigband-Jazz-Pop im Stile der
1950er Jahre. Als Teil des Box-Sets „We Gotta Groove: The Brother Studio
Years“ erscheint „Adult/Child“ jetzt zum ersten Mal legal.
Die 1970er Jahre waren eine ernüchternde Zeit für die Beach Boys. Nach den
Erfolgen und kreativen Höhenflügen der Sechziger hielt sich das
Publikumsinteresse an ihren neuen Alben in Grenzen. Mittlerweile prägten
Singer/Songwriter, Metal, Funk, Disco und Reggae das Pop-Geschehen und ihr
sorgloser Sonnenscheinsound mit Texten über das Surfen, den Strand und
aufgemotzte Autos wirkte wie aus einer anderen Welt.
Hinzu kamen die persönlichen Probleme der fünf Mitglieder, von denen sich
die drei Wilson-Brüder Brian, Carl und Dennis vor allem in
unterschiedlichste Drogen flüchteten, während sich Mike Love und Al Jardine
der transzendentalen Meditation zuwandten. Die wachsende Entfremdung und
die zunehmenden psychischen und gesundheitlichen Probleme der Wilsons
führten zu immer intensiveren bandinternen Auseinandersetzungen.
## Fern der Öffentlichkeit
Was aber auch klar wurde: [3][Ohne den Input des Kreativmasterminds Brian
Wilson], der sich nach den Auseinandersetzungen infolge des
„Smile“-Projekts Ende der 1960er weitgehend aus der Öffentlichkeit
zurückgezogen hatte, war eine Zukunft der Band nicht vorstellbar. So sah es
auch die damalige Plattenfirma Warner Brothers.
Die Wilson-Familie verpflichtete schließlich den Psychiater Eugene Landy,
der mit einer rigorosen Nonstop-Überwachung Brian tatsächlich weg von
Drogen und Junkfood und zurück zur Arbeit als Komponist, Arrangeur und
Produzent von neuem Beach-Boys-Material brachte. Management und
Plattenfirma setzten daraufhin unter der Überschrift „Brian is back“ eine
aufwendige Kampagne auf, in der Hoffnung, all die neuen und alten Fans der
klassischen Sixties-Beach-Boys auf das neue Material neugierig zu machen.
Das erste dabei entstandene Album erfüllte die Erwartungen jedoch nicht:
„15 Big Ones“, veröffentlicht im Sommer 1976, ist eine wenig kohärente
Mischung aus Coverversionen von Oldies wie Chuck Berrys „Rock and Roll
Music“, Fats Dominos „Blueberry Hill“, oder „Just Once in My Life“ von den
Righteous Brothers und einigen neuen Wilson-Kompositionen, von denen
allerdings lediglich das charmante „Had to Phone Ya“ einigermaßen den
Brian-Standards entsprach.
Die Aufnahmesessions waren geprägt von langen Diskussionen und
Konfrontationen, die Love/Jardine-Fraktion war grundsätzlich skeptisch,
Dennis Wilson fand die Oldies-Idee blöd, Brian hatte schon bald keine Lust
mehr und wollte sich wieder hinlegen. Es war Carl Wilson, der das
Bandprojekt irgendwie zusammenhielt, obwohl er ständig seine chronischen
Rückenschmerzen mit Tranquilizern, Alkohol und später Heroin zu
unterdrücken versuchte.
## Kommerziell erfolgreich
Erstaunlicherweise funktionierte das Album kommerziell und schaffte es als
erstes Beach-Boys-Werk seit „Pet Sounds“ (1966) in die „Billboard“-Top-10.
Die Single-Auskopplung „Rock and Roll Music“ war die erste Single seit
„Good Vibrations“, die die Top 5 knackte. Auf der „We Gotta Groove“-Box ist
„15 Big Ones“ dennoch nur indirekt präsent mit alternativen Versionen und
Remixen.
Stattdessen ist „The Beach Boys Love You“ das eigentliche Zentrum der Box,
das Album, auf das sich Fans der Band als letztes Aufflackern von Brians
einzigartiger Begabung einigen können – auch wenn es einigermaßen bizarr
geraten ist. Das fängt bei den Texten an, die man laut dem britischen
Kritiker Alexis Petridis (The Guardian) entweder als „auf charmante Weise
naiv oder als einen faszinierenden Einblick in eine beschädigte Psyche oder
wiederum als einfach nur qualvoll“ empfinden kann.
Textbeispiele: „He sits behind his microphone / He speaks in such a manly
tone“ (aus „Johnny Carson“, einer Hymne auf den gleichnamigen Talkmaster).
Oder „Saturn has rings all around it / I searched the sky and I found it“
(aus „Solar System“, einer Hymne auf unser Sonnensystem). Musikalisch ist
das reizvoller, weil Brian seine kinderliedhaft schlichten
Eigenkompositionen immer wieder um interessante harmonische Wendungen
ergänzte; und weil er zudem den Chorgesang der fünf Beach Boys in alter
Glorie wieder aufleben ließ.
Außerdem, weil er eine komplett neue, zeitgemäße Soundumgebung für die
Beach Boys schuf: Brian Wilson ersetzte die handelsüblichen Heerscharen an
Studiomusikern durch größtenteils solo eingespielte analoge
Synthesizer-Parts. Eigentlich sollte „Love You“ als früher Meilenstein des
Synthiepop gefeiert werden.
## Croonen wie Sinatra
Für „Adult/Child“ schlug er danach die entgegengesetzte Richtung ein. Es
begann mit der plötzlichen Eingebung, einen Song für Frank Sinatra zu
komponieren. Da der Altmeister auf das Demo von „Still I Dream of It“ nicht
reagierte, beschloss Brian, den Song selbst aufzunehmen – im Sinatra-Stil.
Er erinnerte sich an Dick Reynolds, einen Arrangeur, der früher mit Sinatra
gearbeitet und Brian 1964 beim „Christmas Album“ der Beach Boys geholfen
hatte. Reynolds arrangierte insgesamt fünf Titel für Brian, unter denen
neben „Still I Dream of It“ der wehmütige Trennungssong „It’s Over Now“ –
kongenial interpretiert von Carl Wilson und Brians Ehefrau Marilyn – das
absolute Highlight ist.
Noch berührender klingt allerdings die hier zum ersten Mal veröffentlichte
Demo-Version, die Brian mit brüchiger Stimme allein zum Klavier singt. Auch
nett: „Life Is for the Living“, ein „Love You“-artiges Kinderlied, das
körperliche Fitness feiert, zeigt, wie so etwas mit Orchester statt mit
Synthie-Minimalismus umgesetzt klingt. Ebenfalls erstmals veröffentlicht:
„New England Waltz“, ein unspektakuläres, aber charmantes, sanftes
Trompeteninstrumental. Kaum ein Stück auf dieser Box ist weiter entfernt
sowohl vom musikalischen Zeitgeist der mittleren 1970er als auch vom
klassischen Beach-Boys-Sound.
Aufgefüllt wurde „Adult/Child“ mit einigen unfertig wirkenden Aufnahmen,
von denen einzig „Lines“, die tagebuchartige Schilderung eines Kinobesuchs,
erwähnenswert ist. All das klang aber so weit weg vom Markenzeichen der
Beach Boys, dass sowohl Mike Love und Al Jardine als auch die Plattenfirma
die Daumen senkten. „Die anderen Jungs waren nicht überzeugt“, wird Brian
im Booklet der Box zitiert. „Warner Brothers mochte das Album auch nicht.
Sie waren sich meistens einig. Die Platte erschien nicht.“
Für Bootlegger dürfte die Beschäftigung mit den Beach Boys nunmehr
abgeschlossen sein. Sie können sich jetzt um das Solowerk Brian Wilsons
kümmern, da gibt es weitere unveröffentlichte Preziosen – etwa ein ganzes
Album mit dem schönen Namen „Sweet Insanity“.
1 Apr 2026
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