# taz.de -- Dänische Komödie „Therapie für Wikinger“: Das Trauma im Märchenwald bewältigen
> Anders Thomas Jensens tiefschwarze Komödie „Therapie für Wikinger“
> erzählt von Männern, deren Identität auf Gewalt und zerstörtem Vertrauen
> fußt.
(IMG) Bild: Manfred (Mads Mikkelsen) hält sich für John Lennon, sein Bruder Anker (Nikolaj Lie Kaas) sucht sein Geld: „Therapie für Wikinger“
Im mittelalterlichen [1][Skandinavien] war der Körper Kapital, Werkzeug und
Waffe. Doch selbst die furchtlosesten [2][Wikinger] kannten die Macht des
Wortes: Im altnordischen Recht war eine Beleidigung eine schwere
Ehrverletzung. Wer einen Mann „argr“ nannte – also „unmännlich“ – konnte
mit hohen Bußgeldern belegt werden, die so teuer waren wie die für eine
Tötung. Ein verletztes Ego konnte mehr kosten als ein gebrochener Schädel.
In dieser Schnittmenge aus Gewalt und Psyche bewegt sich Anders Thomas
Jensens Film „Therapie für Wikinger“. Sein Leitmotiv offenbart er zu
Beginn: Wenn die Wirklichkeit für jemand ungerecht ist, muss sie für alle
anderen angepasst werden.
Das funktioniert nur so halb. Jensen mutet seinem Publikum einen Spagat zu:
Während man den beschädigten Psychen dabei zuschaut, wie sie ihre
Wirklichkeit gegen jede Vernunft umbauen, drängt sich die Frage auf: Wie
viel Wahnsinn kann eine Familie ertragen, bevor sie endgültig kollabiert?
Im Zentrum steht ein seltsames Brüderpaar. Anker (Nikolaj Lie Kaas), frisch
entlassen nach fünfzehn Jahren Haft, will seine vergrabene Beute zurück.
Doch sein Bruder Manfred (Mads Mikkelsen), der das Geld versteckt hat,
schweigt über den genauen Ort. Er hat eine dissoziative Identitätsstörung
(DIS), bei der Betroffene zwei oder mehr getrennte Persönlichkeiten
entwickeln, die abwechselnd die Kontrolle übernehmen.
Derweil will Ankers alter Komplize Flemming (Nicolas Bro) die Beute ganz
für sich und bedroht sie. Zudem hält sich Manfred seit Ankers Rückkehr für
John Lennon. Anker nimmt ihn nicht ernst – und sein Bruder wird zunehmend
suizidal. Sein Psychiater Lothar greift zu einer radikalen Methode: Er
macht die Wahnvorstellung zur Realität – und gründet die Beatles neu.
## Eine klaustrophobische Groteske
Zusammen mit zwei weiteren DIS-Patienten – Hamdan (Kardo Razzazi), der
glaubt, Paul McCartney und George Harrison zugleich zu sein, und einem
vermeintlichen Ringo – flieht die Truppe vor Flemming in ein abgelegenes
Waldhaus. Während Anker ständig mit Spaten in den Wald verschwindet, um
sein Geld zu suchen, das hinter den Mauern der Psyche seines Bruders
verborgen liegt, entfaltet sich die eigentliche Geschichte: die
traumatische Vergangenheit der Geschwister.
Was folgt, ist eine klaustrophobische Groteske zwischen Airbnb-Idylle und
Traumabewältigung. Immer wieder zeigen Rückblenden dunkle Szenen der Brüder
im Elternhaus. Wie sie vom Vater geschlagen werden, oft wegen Manfreds
Beeinträchtigung – gipfelnd in der grausamen Bestrafung, den geliebten Hund
vom benachbarten Förster töten zu lassen. Hier wirkt es, als glaubte
Jensen, diese brutalen Szenen nur durch noch mehr Groteske auffangen zu
können – und verliert dabei gelegentlich die Balance zwischen Zumutung und
Überzeichnung.
Was an Jensens Zynismus in den Vorgängerfilmen „Adams Äpfel“ (2005) und
[3][„Helden der Wahrscheinlichkeit“ (2020)] unterhaltsam war, wird hier
unangenehm aufdringlich. Hamdan etwa hat mehr als zwei Persönlichkeiten,
wechselt stetig zwischen Figuren aus der Geschichte: Mal ist er Björn von
Abba, der während der Bandproben immer wieder den Gassenhauer „Chiquitita“
anstimmt, mal ist er SS-Reichsführer Heinrich Himmler, der betont, er sei
nicht für den Holocaust verantwortlich. Haha, witzig, schwere
Persönlichkeitsstörungen als großer Spaß für die ganze Familie. So sehr
sich der Film als Komödie auch aus der Affäre ziehen kann, fühlt man sich
als Zuschauer manchmal wie die beiden vom Vater für Nichtigkeiten
bestraften Söhne. Als stünde der Regisseur mit erhobenem Vorschlaghammer
vor der Zuschauerin und verlangte totales Lachen.
## Auf Einzigartigkeit beharren
Vielleicht erfüllt die kalkulierte Grenzüberschreitung in einem Land wie
Dänemark eine Art politische Funktion. Gilt dort doch „Janteloven“, jener
unausgesprochene Verhaltenskodex, der mahnt, sich nicht für etwas
Besonderes zu halten. Die Protagonisten im Film beanspruchen das Gegenteil:
sie beharren auf ihrer Einzigartigkeit.
Dass der Film trotzdem nicht kollabiert, liegt an der dichten Inszenierung.
Das grelle Grün lässt den Wald wie eine Märchenwelt wirken, während die
Kamera die Enge des Waldhauses klaustrophobisch auskostet. [4][Mads
Mikkelsen] spielt den Mann mit Beeinträchtigung mit einer fast
schmerzhaften Zartheit; sein Blick flackert stets zwischen kindlicher
Naivität und abgrundtiefer Panik. Nikolaj Lie Kaas bildet den perfekten
Gegenpol: Er verkörpert den traumatisierten Anker als tickende Zeitbombe,
deren Schutzpanzer langsam zerbröselt.Auch wenn das plakativ dargestellt
ist, wird hier ein wichtiges Problem verhandelt: der Umgang mit Männern,
deren Identität auf Gewalt und zerstörtem Vertrauen fußt. „Therapie für
Wikinger“ ist spannender in seinen Momenten als in seiner Gesamtform. Statt
einer klassischen Versöhnung drängt sich am Ende eine sympathisch verdrehte
Philosophie auf: Wenn jeder kaputt ist, ist niemand kaputt.
29 Dec 2025
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## AUTOREN
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