# taz.de -- Zusatzstoffe: Künstliches Teufelszeug?
> Sind Zusatzstoffe in Schinken, Limo und Wein riskante Chemie oder falsche
> Sündenböcke? Studiendaten bringen die Debatte neu ins Rollen.
(IMG) Bild: Das große Ganze auf dem Teller: Fertig ist die Pizza
Sie stecken in Schinken, Limo, Backwaren und Wein – und sie polarisieren
wie kaum ein anderes Ernährungsthema: Zusatzstoffe. Kaum erscheint eine
neue Studie, flammt die Debatte darüber auf, ob Nitrit, Sorbat und Co.
riskante Chemie im Essen sind. Oder werden sie zum Sündenbock für ein viel
größeres Problem gemacht – unsere Vorliebe für hoch verarbeitete
Lebensmittel?
Fest steht: Fertigpizza, Wurstwaren, Softdrinks und Snacks sind aus dem
Alltag nicht mehr wegzudenken. Rund ein Drittel bis zur Hälfte der
täglichen Kalorienzufuhr stammt inzwischen aus [1][hoch verarbeiteten
Produkten]. Gleichzeitig gelten sie vielen als „unnatürlich“ – und stehen
im Ruf, so gut wie alle Volkskrankheiten zu befeuern.
Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht. Tatsächlich zeigt der aktuelle
Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE): Wer
regelmäßig stark verarbeitete Lebensmittel konsumiert, trägt ein erhöhtes
Risiko für Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 und
Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch ein Zusammenhang mit Krebs wird
diskutiert.
Doch woran liegt das? An der Kalorienzufuhr? An der industriellen
Verarbeitung, die die Struktur der Lebensmittel verändert? Oder an den
Zusatzstoffen, die unter anderem für längere Haltbarkeit sorgen?
## Die Stoffe liegen täglich auf unseren Tellern
Neue Dynamik bekommt die Debatte durch eine aktuelle Auswertung der
französischen NutriNet-Santé-Studie. Das Forschungsteam um Anaïs
Hasenböhler analysierte 24-Stunden-Ernährungsprotokolle und berechnete
daraus, wie viele Konservierungsstoffe die Probandinnen und Probanden zu
sich nahmen.
Untersucht wurden unter anderem Nitrite und Nitrate (E249–E252), Kalium-
und Natriumsorbat (E202, E201), Benzoate (E210–E213) sowie Sulfite
(E220–E228) – also Stoffe, die in Wurst, Käse, Backwaren, Getränken oder
Konserven vorkommen – und täglich auf unseren Tellern liegen.
Das Ergebnis: Für Nitrite – insbesondere Natriumnitrit – fand sich eine
Verbindung mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs. Kaliumsorbat ging
mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko einher. Auch für einige andere
Konservierungsstoffe ergaben sich statistische Zusammenhänge mit
Krebsleiden. Zudem deuten die Daten auf eine mögliche Verbindung bestimmter
Konservierungsmittel mit Diabetes Typ 2 hin.
Klingt alarmierend. Doch die Autorinnen und Autoren mahnen selbst zur
Vorsicht. Die Studie zeige „keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen“. Heißt:
Niemand kann daraus ableiten, dass ein Schinkenbrot automatisch Krebs
verursacht. Es handelt sich um statistische Zusammenhänge. Dennoch hält das
französische Forscherteam eine Überprüfung und Neubewertung von
Zusatzstoffen für notwendig.
Gerade bei Nitriten gibt es seit Langem theoretische Bedenken. Sie können
im Magen zu sogenannten Nitrosaminen reagieren, die im Tierversuch Krebs
auslösen. Wie viele dieser Verbindungen beim Menschen tatsächlich
entstehen, ist jedoch unklar, da die Anwesenheit von anderen Substanzen wie
Vitamin C die Bildung verhindern kann.
Andere ins Visier geratene Zusatzstoffe standen bislang nicht im Verdacht,
Tumorleiden zu befördern. Gleichzeitig betont die Europäische Behörde für
Lebensmittelsicherheit (EFSA), dass die derzeitigen akzeptablen täglichen
Aufnahmemengen bei üblichem Konsum ausreichenden Schutz bieten.
## An der Studie gibt es auch Kritik
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) verweist etwa auf methodische
Probleme der französischen Studie. „Es ist statistisch schwierig, den
Effekt bestimmter Konservierungsstoffe von möglichen Effekten der
Lebensmittel, in denen sie vorkommen, zu trennen“, teilt die Behörde auf
Anfrage der taz mit.
Ein Beispiel: Sulfite finden sich häufig in Wein. Ein beobachtetes
Krebsrisiko könnte hier eher ein Hinweis auf Alkoholkonsum sein als auf den
Konservierungsstoff selbst. Dass Alkohol in riskanten Mengen das
Krebsrisiko erhöht, ist wissenschaftlich gut belegt.
Ähnlich verhält es sich mit Wurstwaren. Wer viel verarbeitetes Fleisch
konsumiert, hat ein erhöhtes Darmkrebsrisiko. Als mögliche Ursachen gelten
jedoch vor allem Salz, bestimmte gesättigte Fette und das im Fleisch
enthaltene Häm-Eisen – nicht zwingend die zugesetzten Nitrite.
Zudem bezweifeln Kritiker wie Gunter Kuhnle von der University of Reading,
dass sich aus Ernährungsprotokollen die tatsächlich aufgenommenen Mengen an
Zusatzstoffen so präzise berechnen lassen. Aus seiner Sicht liefern die
Ergebnisse der aktuellen Studie keinen Anlass für Sicherheitsbedenken
gegenüber Lebensmittelzusatzstoffen, wie er dem Science Media Center UK
mitteilte.
Derzeit sind rund 320 Zusatzstoffe in der EU zugelassen – in
Biolebensmitteln sind es nur rund 40. Sie werden einzeln geprüft, mit
Höchstmengen versehen und gelten bei Einhaltung dieser Grenzwerte als
sicher. Dennoch gibt es Stoffe, die kritisch gesehen werden. Ein Zuviel an
Phosphaten – etwa in Softdrinks – kann laut der Verbraucherzentrale Hamburg
die Nierenfunktion beeinträchtigen.
Bestimmte Farbstoffe können bei empfindlichen Menschen pseudoallergische
Reaktionen auslösen. Über Azofarbstoffe heißt es gar, sie könnten
„Auswirkungen auf die Schilddrüse, Leber oder Niere haben, das Risiko für
Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen oder
Vergiftungserscheinungen hervorrufen“, schreibt die Hamburger
Verbraucherzentrale.
## Bewertungen können sich ändern
Dass Bewertungen sich ändern können, zeigt das Beispiel Titandioxid. Das
Weißpigment war lange zugelassen und wurde 2021 verboten, nachdem sich
[2][Hinweise auf eine mögliche erbgutverändernde Wirkung verdichteten].
Solche Fälle nähren Zweifel – und zeigen zugleich, dass Risikoprüfungen
kein statischer Prozess sind, dass selbst gut untersuchte Stoffe nicht für
alle Zeiten als unproblematisch gelten müssen.
Die Frage nach Effekten auf Darmflora oder Hirngesundheit könnten hier
weitere Änderungen bringen. Erste Tierstudien deuten etwa darauf hin, dass
bestimmte Emulgatoren oder Süßungsmittel die Vielfalt des Darmmikrobioms
verringern oder die Durchlässigkeit der Darmwand erhöhen könnten – was
entzündliche Prozesse begünstigen würde. Die EFSA hat das Thema inzwischen
als relevanten Forschungsschwerpunkt bis 2030 erkannt.
Ein weiteres Problem: Mögliche Wechselwirkungen. Wir essen Zusatzstoffe
schließlich nicht isoliert, sondern im Mix. Im DGE-Ernährungsbericht heißt
es dazu: „Unter Berücksichtigung der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage
können mögliche negative Wechselwirkungen derzeit nicht ausgeschlossen
werden.“
Der sogenannte „Cocktail-Effekt“ ist bislang kaum erforscht. Im Rahmen des
EU-finanzierten Forschungsprojekts „Exposure to 'cocktails’ of food
additives and chronic disease risk“ werden Zusatzstoff-Mischungen auf die
Entstehung von Adipositas, Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie
Sterblichkeit hin abgeklopft.
[3][Unterm Strich bleibt ein unscharfes Bild]. Die neue Studie liefert
Hinweise, aber keine Beweise. Behörden sehen daher aktuell keinen Anlass,
Grenzwerte zu verändern. Gleichzeitig fordern Forschende,
Zulassungsverfahren regelmäßig zu überprüfen und neue Erkenntnisse
konsequent einzuarbeiten.
Worauf sich alle einigen können: Um Krebs vorzubeugen, sollten Wurst,
Schinken & Co. sowie Alkohol nicht täglich auf dem Speiseplan stehen. Hoch
verarbeitete Produkte mit viel Zucker, ungünstigen Fetten und Salz sind auf
Dauer auch keine gute Idee. Dagegen sollten laut der DGE frische, möglichst
wenig verarbeitete Lebensmittel die Basis der Ernährung bilden. Oder anders
gesagt: Entscheidend ist nicht der einzelne Zusatzstoff, sondern das große
Ganze auf dem Teller.
6 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Kathrin Burger
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