# taz.de -- 13 WM-Spiele in Mexiko: Ein Fußballspiel wie eine Festung
       
       > Nach der Gewaltwelle weitet die mexikanische Regierung die
       > Sicherheitsmaßnahmen für die WM massiv aus. Ein Spiel gegen Island war
       > ein Test dafür.
       
 (IMG) Bild: Unbeschwertes Glück: Jesús Gallardo feiert das 3:0 gegen Island
       
       Die mexikanische Fußballnationalmannschaft hat am Mittwoch gegen Island ein
       Testspiel 4:0 gewonnen, doch das Ergebnis war nicht von Bedeutung.
       Wichtiger war, dass die Partie in der zentralmexikanischen Stadt Santiago
       de Querétaro ohne besonders Vorkommnisse zu Ende ging, ohne Gewalt. Sechs
       Kontrollringe waren um das Stadion gezogen worden, mit Hunderten Polizisten
       und Nationalgardisten. Ein Fußballspiel wie eine Festung.
       
       Mexiko blickt auf eine ereignisreiche Woche zurück. Am Sonntag wurde bei
       einer militärischen Operation Nemesio Oseguera Cervantes getötet. „El
       Mencho“, wie er genannt wurde, war Anführer des Kartells aus Jalisco, einem
       paramilitärischen Netzwerk mit rund 20.000 Personen. Wie groß deren
       Einfluss ist, zeigte sich in den Tagen danach. Anhänger des Kartells
       zündeten Geschäfte, Autos und Banken an, sie blockierten Straßen und
       Autobahnen. Mindestens 73 Menschen kamen ums Leben.
       
       Doch die Gewalt war schon vor der Tötung von „El Mencho“ das dominierende
       Thema in Jalisco. Im westmexikanischen Bundesstaat gelten rund 16.000
       Menschen als vermisst, meist junge Männer, die von den Kartellen rekrutiert
       und mutmaßlich ermordet wurden. Im März 2025 legten freiwillige Helfer dort
       auf einer verlassenen Farm in Teuchitlán eine Mordstätte frei. Sie fanden
       Leichensäcke, Knochenfragmente und Öfen, die wohl zur Verbrennung von
       Opfern genutzt wurden.
       
       In knapp hundert Tagen soll in Mexiko City die Fußball-WM beginnen, die
       dann in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen wird. Von den 104 Spielen
       sind dreizehn in Mexiko geplant, davon vier in Guadalajara, in der
       Hauptstadt des Bundesstaates Jalisco. Unter anderem trifft Spanien dort auf
       Uruguay. Die Nationalteams von Südkorea und Kolumbien wollen in Guadalajara
       ihr Quartier beziehen. Fünf weitere Mannschaften, etwa Portugal, Spanien
       und Tunesien, planen ihre Unterkunft in anderen mexikanischen
       Bundesstaaten. Doch ob es tatsächlich dazu kommt, ist fraglich.
       
       ## Nein zu Jalisco
       
       „Für die Menschen hier ist die WM gerade weit weg“, sagt Françoise Greve
       von der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko, einem Netzwerk von
       Initiativen. „Die Menschen denken von einem Tag zum nächsten. Viele bleiben
       aus Angst in ihren Häusern, Kinder gehen nicht zur Schule. Und es ist zu
       befürchten, dass weitere Reaktionen des Kartells folgen.“ Etliche
       Regierungen warnen ihre Bürger vor Reisen nach Jalisco. Die Bundesstaaten
       mit den anderen beiden WM-Spielorten, Mexiko-Stadt und Monterrey, stehen
       nicht auf der Warnliste.
       
       In Jalisco wurden zahlreiche Großveranstaltungen abgesagt oder verschoben,
       darunter mehrere Fußballspiele. Ende März sollen in Guadalajara die letzten
       Play-off-Spiele der WM-Qualifikation stattfinden, mit dabei sind unter
       anderem Jamaika, Neukaledonien und die Demokratische Republik Kongo. Noch
       will die Fifa daran festhalten, doch im Hintergrund wird offenbar eine
       mögliche Verlegung erörtert.
       
       Die mexikanische Regierung, die aufgrund der WM in diesem Jahr mit fünf
       Millionen zusätzlichen Touristen gerechnet hat, verweist auf das
       Sicherheitskonzept. Vor und während der WM sollen 50.000 Polizisten und
       Nationalgardisten im Einsatz sein. Wegen der Gefahr von Entführungen ist
       die Nachfrage nach gepanzerten Fahrzeugen gestiegen. Die Nationalteams
       sollen von Militäreinheiten begleitet werden. Zuschauer müssen sich mit
       Gesichtsscan registrieren lassen.
       
       Für Politiker, die sich gegen Kartelle und Korruption positionieren, ist
       Mexiko wohl das gefährlichste Land außerhalb von Kriegsgebieten. In den
       vergangenen 25 Jahren wurden mehr als 200 Menschenrechtler und 160
       Medienschaffende im Zusammenhang mit ihrer Arbeit ermordet. „Eigentlich ist
       Mexiko mit seiner Menschenrechtskrise nicht in der Lage, ein so großes
       Ereignis wie die WM auszutragen“, sagt Mauricio Salazar, der sich in der
       Organisation [1][Aluna Acompañamiento Psicosocial] um Bedrohte kümmert.
       
       ## Barra Brava
       
       Nach Erhebungen [2][des Magazins Science] gehören den Kartellen 185.000
       Mitglieder an, es ist einer der größten Wirtschaftszweige in Mexiko.
       Mitunter rekrutieren die Kartelle auch hartgesottene Fußballfans, die Barra
       Brava, als Schläger, als Späher in umkämpften Stadtteilen oder
       Drogenverkäufer im Umfeld der Stadien. „Die Fangruppen sind oft
       hierarchisch organisiert und verfügen über loyale Mitglieder, für die
       Gewalt zum Alltag gehört“, sagt der Anthropologe Roger Magazine, der in
       Mexiko auch den Fußball erforscht.
       
       In kleinen und mittelgroßen Städten sind Fußballklubs und deren Plätze oft
       die wichtigsten sozialen Treffpunkte für junge Männer. Beim FC Querétaro,
       beheimatet im zentralmexikanischen Bundesstaat Querétaro, soll die
       Fangruppe „[3][Resistencia Albiazul]“ enge Verbindungen zur organisierten
       Kriminalität pflegen. Deutlich wurde das im März 2022, als Querétaro in
       einem Heimspiel auf Atlas Guadalajara traf.
       
       Beim Stand von 1:0 für Atlas brachen auf den Tribünen Schlägereien aus. Die
       Fans von Querétaro jagten Anhänger von Atlas über den Rasen, gingen mit
       Messern, Gürteln und Stangen auf sie los. Mehrfach traten sie auf
       bewusstlose Opfer ein und raubten zum Teil deren Kleidung. Videos zeigen
       die Passivität von Sicherheitskräften. Offiziell gab es 26 Schwerverletzte,
       aber keine Toten. Augenzeugen bezweifelten das später.
       
       Als Reaktion führte die mexikanische Profiliga die Fan-ID ein, ein
       digitales System mit Gesichtserkennung, um Fans namentlich zu registrieren.
       „Die Gewalt in den Stadien ist seither zurückgegangen“, sagt Roger
       Magazine. „Aber die Gewalt ist nicht verschwunden, sondern sie hat sich
       verlagert.“ Zum Beispiel auf Parkplätze, Anfahrtswege, Amateurplätze.
       
       ## CR7 wartet
       
       Bislang war es die erratische Politik von Donald Trump, doch nun dürfte die
       Sicherheitslage in Mexiko die größte Herausforderung für die Fifa sein.
       „Ich bin sehr ruhig“, sagte deren Präsident Gianni Infantino gegenüber der
       Nachrichtenagentur AFP. „Alles läuft sehr gut, alles wird fantastisch
       sein.“
       
       Die mexikanische Regierung hofft auf eine schnelle Beruhigung. In Acapulco
       etwa, im Bundesstaat Guerrero, findet gerade ein ATP-Turnier im Tennis
       statt. Und am 28. März dann soll das Aztekenstadion im Mexiko-Stadt nach
       der Modernisierung wiedereröffnet werden. Die mexikanische Auswahl empfängt
       dann Portugal mit Cristiano Ronaldo. Ob sich bis dahin die Sicherheitslage
       stabilisiert hat?
       
       Noch wirken die negativen Schlagzeilen nach, zum Beispiel aus dem
       Bundesstaat Guanajuato. Ende Januar fuhren dort in der kleinen Gemeinde
       Loma de Flores bewaffnete Männer auf ein Sportgelände zu. Sie eröffneten
       das Feuer auf Spieler und Zuschauer. Am Ende waren elf Menschen tot und
       zwölf verletzt, darunter ein Kind. Und das in einem Land, in dem bald das
       größte Fußballfest steigen soll.
       
       26 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.alunapsicosocial.org/
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ronny Blaschke
       
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