# taz.de -- Grüne Solarboote im Amazonas: Leise tuckert die Revolution
> Zahlreiche Verbrennermotoren schippern auf dem Amazonas und verschmutzen
> die umliegenden Wälder. Eine indigene Firma will nun Abhilfe schaffen.
(IMG) Bild: Ein Solarboot 2024 auf dem Capahuari im Amazonasgebiet
Am kleinen Flusshafen herrscht ein ohrenbetäubender Lärm. Das dunkle
Donnern von lauten Bootsmotoren mischt sich mit dem harten Peitschen der
Wellen, die von abfahrenden Booten verursacht werden. Dieselabgase liegen
schwer in der Luft und reizen Nase und Augen. Das kleine Boot schwankt hin
und her, während wir, eine kleine Gruppe von internationalen
Journalist*innen, uns vorsichtig auf und zwischen den drei schmalen Bänken
verteilen – ohne dabei über die großen Batterien zu stolpern, die im
vorderen Bereich lagern.
Kurz danach setzt der Kapitän das Boot in Bewegung. Mit zunehmender
Entfernung hören wir sie plötzlich: die Stille. Das weiche Plätschern des
Wassers gegen den Bug mischt sich mit dem leisen Rauschen der
Schiffsschraube – die einzig elektrisch betriebene an diesem Ort.
Wir befinden uns in der brasilianischen Hafenstadt Belém am Rande des
Amazonasgebiets im November 2025. Genauer gesagt, mitten auf dem Fluss
Guamá – dessen Wasser bereits eine lange Reise von den Anden über den
tropischen Amazonas hinter sich hat und hier nun wenige Kilometer weiter in
den Atlantik fließt. Der elektrische Motor, der die Schiffsschraube
antreibt, hat eine ähnlich lange Reise hinter sich. Er stammt aus dem
ecuadorianischen Amazonasgebiet und gehört der indigen geführten Stiftung
Kara Solar.
Sie entstand 2012 aus einer Vision der Achuar, einem indigenen Volk, dessen
Gemeinden sich an den Flussufern entlang der ecuadorianisch-peruanischen
Grenze angesiedelt haben. Sie wollten ein sauberes Elektroboot in Form
eines Fisches bauen – in ihrer Sprache „Tapiatpia“. Gemeinsam mit
erfahrenen Techniker*innen entwickelten sie das erste solarbetriebene
Boot im Amazonasgebiet: ein längliches Schnellboot mit Solarpaneelen auf
dem Dach. Der Anfang einer elektrischen Revolution auf den Flüssen des
Amazonas?
„Boote sind unsere Hauptverkehrsmittel, die Flüsse sind unsere Straßen“,
erzählt Nantu Canelos, der Präsident von Kara Solar und Mitglied des Volkes
der Achuar, am Hafen. Aufwendiger Feder- und Perlenschmuck ziert seinen
Kopf und Oberkörper, sein Gesicht ist mit einem dezenten blauschwarzen
Linienmuster bemalt.
Tatsächlich macht der Flussverkehr gut [1][90 Prozent des Gesamtverkehrs im
Amazonasgebiet] aus – größtenteils fossil betrieben. „Die Benzinmotoren der
Boote verpesten unsere Luft, machen Lärm und verschrecken Tiere wie Vögel,
Fische oder Delfine“, erzählt Canelos. Studien haben ergeben, dass allein
die Geräusche durch fossile Motorboote einen negativen Einfluss auf Fische
haben, da sie deren [2][Kommunikation und Verhalten beeinflussen] und sie
so schneller zu [3][Opfern von Fressfeinden] werden. Selbst im Ruhezustand
lecken die Motoren oft, auslaufendes Öl verschmutzt die Umwelt.
## Die Wächter der Biodiversität und des Amazonas
Ursprünglich waren die indigenen Völker im Amazonasgebiet mit
unmotorisierten Kanus unterwegs. Doch [4][Mitte des 20. Jahrhunderts]
machten sich evangelische Missionare auf den Weg, die bis dahin nicht
kontaktierten Völker zu besuchen. Sie brachten ihnen, wie sie es nennen,
„Entwicklung“: Kleidung, importierte Nahrungsmittel, Elektrizität – und
Jesus. Mit motorisierten Booten kamen die Menschen vor Ort plötzlich
schneller von A nach B, dank fossilbetriebener Generatoren hatten sie auch
in der Nacht Licht. Der Preis dafür waren nicht nur teilweise ihre
Religion, Tradition und Identität, sondern auch die Natur.
Dabei ist die indigene Bevölkerung mit ihrem Wissen und ihrer
traditionellen Lebensweise essenziell für den Erhalt des
Amazonasregenwaldes. Sie verwaltet knapp [5][ein Drittel des
Amazonasgebiets] und fungiert als Wächter des Waldes. Ihre Territorien
gelten als die am besten funktionierenden Schutzgebiete weltweit. Doch der
Amazonas, in dem sich etwa 10 Prozent der weltweiten Arten befinden und der
aufgrund seiner Pflanzenvielfalt einer der größten Kohlenstoffsenker ist,
wird bedroht. Durch legale und illegale Waldrodung, Brände und den dadurch
angetriebenen Klimawandel steht der Wald kurz vor einem Kipppunkt – mit
unvorhersehbaren und unumkehrbaren Folgen für das gesamte Weltklima.
Seit 2018 operiert Kara Solar als gemeinnützige Organisation und bietet
ihre Community-Services in der Amazonasregion an. Unterstützung vom Staat
bekommt sie dabei keine. Finanziert wird Kara Solar von internationalen
Stiftungen und Organisationen. „Inzwischen haben wir insgesamt vier Boote
in Ecuador, außerdem welche in Peru, Brasilien, Surinam und Isla Salomon“,
sagt Canelos. Die Boote liegen jeweils in unterschiedlichen Kommunen.
Das Boot, auf dem wir uns befinden, kommt selber gar nicht aus Ecuador,
erzählt Kapitän Walter Washikiat. Er ist technischer Koordinator bei
Motores Amazonas, das für Kara Solar Bootsmotoren speziell für die
Bedingungen im Amazonas herstellt. Die Elektromotoren gehören zur neuen
Generation und sind für kleinere Boote gedacht. Sie lassen sich an- und
abbauen und mit Solarenergie laden.
## Solare Zentren strahlen bis in die Gemeinschaften
Gemeinsam mit seinem Team kämpft Canelos bereits seit Jahren für eine
„elektrische Revolution auf den Flüssen des Amazonas“. Dabei wollen sie
nicht beim Flussverkehr aufhören. Mit sogenannten Centros Solares,
Solarzentren, haben sie eine Alternative zu den Dieselgeneratoren
entwickelt, die die Kommunen mit Strom versorgen. In den Zentren können die
Menschen nicht nur die Batterien ihrer Elektromotoren aufladen. Sie sind
auch ein Ort der Gemeinschaft und des Zusammentreffens. „Es geht aber auch
um Naturschutzprojekte – und wie man Naturschutz kommuniziert“, sagt
Canelos.
Seine Idee der solarbetriebenen Boote war nicht ohne Startschwierigkeiten.
„Viele haben an unserer Vision gezweifelt“, sagt er. In der Wayusa, einer
Zeremonie, die jeden Morgen um vier Uhr stattfindet, haben sie immer wieder
versucht, ihre Sorgen bezüglich der fossilen Motoren einzubringen. „Es sind
ja nicht nur ökologische Probleme, die sie verursachen. Zum Beispiel ist
Benzin für uns im Amazonasgebiet viel teurer in der Beschaffung als in den
Städten, weil es erst dorthin transportiert werden muss“, sagt Canelos.
Darüber hinaus machen die dieselbetriebenen Motoren die indigenen
Gemeinschaften abhängig von einem Rohstoff, gegen dessen Extraktion sie
seit Jahrzehnten kämpfen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
begannen fossile Unternehmen im Auftrag des ecuadorianischen Staats im
Amazonasgebiet Öl zu pumpen – ohne die dort beheimateten indigenen Menschen
überhaupt dazu zu befragen.
Die Folgen waren und sind [6][verheerend]. Bis heute kommt es immer wieder
zu Öllecks und Verunreinigungen durch die fossilen Extraktionen. Zuletzt
erwirkten die indigenen Völker mit ihrem Protest ein historisches
Referendum, bei dem die Mehrheit der Ecuadorianer*innen gegen eine
weitere Erdölförderung im Nationalpark Yasuní im Amazonasgebiet stimmte.
Getan hat sich seitdem allerdings [7][wenig].
Aber wie realistisch und wie wirksam ist die Mission von Kara Solar, eine
elektrische Revolution auf den Flüssen des Amazonas anzustoßen? Eine
unabhängige [8][Gruppe von Forschenden der Universität Köln] hat sich für
eine Fallstudie verschiedene Aspekte – wie technische Voraussetzungen,
ökonomische sowie ökologische Nachhaltigkeit – diverser elektrischer
Bootsmodelle in der Amazonasregion angeschaut.
Sie kommen zu dem Ergebnis, dass solarbetriebene Boote durchaus in der Lage
sind, ihre fossilen Vorgänger auch auf langen Strecken zu ersetzen. Sie
sind dabei laut Studie nicht nur eine bessere Alternative für die Umwelt,
das Klima und die Gesundheit von Menschen und Tieren, sondern auch eine
finanziell profitablere. In Kara Solar sehen die Autor:innen ein
erfolgreiches Projekt.
Das Potenzial ist also da. Doch um es auszuschöpfen, braucht Kara Solar
noch mehr externe Finanzierung und bestenfalls Unterstützung vom Staat,
sagt Canelos. Unter der aktuellen ecuadorianischen Regierung des
konservativen Präsidenten Daniel Noboa ist das allerdings nicht zu erwarten
– der entwickelt währenddessen neue Pläne mit fossilen Unternehmen für
[9][weitere Ölförderungen im Amazonasgebiet]. Dennoch, der Erfolg und die
sichtbaren positiven Auswirkungen der elektrischen Motoren von Kara Solar
sind ein Zeichen dafür, dass es möglich ist, Veränderung auch von unten
herbeizuführen – wenn der Wille da ist.
23 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://repositorio.cepal.org/server/api/core/bitstreams/7d841662-af6a-453f-bdaf-1dfc8050b217/content
(DIR) [2] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0025326X14001982
(DIR) [3] https://www.nature.com/articles/ncomms10544
(DIR) [4] https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/oct/12/western-worldyour-civilisation-killing-life-on-earth-indigenous-amazon-planet
(DIR) [5] https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/indigene-territorien-schuetzen/indigene-schutzgebiete
(DIR) [6] /Oeko-Desaster-in-Ecuador-mit-Folgen/!5567290
(DIR) [7] /Rohstoffgewinnung-in-Ecuador/!6105585
(DIR) [8] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0973082621000181
(DIR) [9] https://elpais.com/america-futura/2025-10-07/ecuador-y-petroleo-un-desafio-para-la-democracia-y-la-amazonia.html
## AUTOREN
(DIR) Tabea Kirchner
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