# taz.de -- Repression in der Türkei: Zwischen Bühne und Gerichtssaal
> Rıza Kaan Tangöze lieferte den Soundtrack für die Proteste gegen die
> Festnahme von Erdoğan-Widersacher İmamoğlu. Nun wurde er selbst
> festgenommen.
(IMG) Bild: Songs über ein „Ich“ unter Druck: Der türkische Musiker Rıza Kaan Tangöze, hier 2017 in Antalya
Er ist eine prägende Figur der türkischen Rockmusik: Rıza Kaan Tangöze,
geboren am 5. September 1973, ist Sänger, Gitarrist und Mitbegründer der
Band Duman, die seit Ende der 1990er Jahre zu den einflussreichsten Acts
der alternativen Szene der Türkei gehört. Der linkshändige Frontmann
verbindet Grunge, Alternative und anatolische Rocktraditionen mit eigenen,
oft poetischen und gesellschaftlich aufgeladenen Texten. Tangöze hat in den
USA studiert, einen Master in Ökonomie gemacht. Später kehrte er in die
Türkei zurück und gründete 1999 Duman.
Seine Stimme wurde zum Soundtrack einer Generation, die zwischen
politischer Polarisierung und globalisierter Popkultur erwachsen wurde.
Während andere Bands Programme formulierten, erzählte Tangöze von
Zuständen: von Müdigkeit, Sehnsucht, Rausch und innerer Unruhe. Seine Texte
bleiben tastend, sind nie eindeutig, und offen genug, dass viele sich in
ihnen wiederfinden.
Diese Offenheit machte auch den Song „Kufi“ zu etwas Besonderem. Als er
2024 erschien, wirkte er zunächst wie ein weiterer dieser rätselhaft
kreisenden Duman-Tracks – repetitiv, beinahe mantraartig, mehr Verdichtung
als Erklärung. Im Text selbst wird kein politisches Subjekt benannt, kein
Gegner ausgerufen. Stattdessen kreist das Lied um ein „Ich“ unter Druck, um
Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen, um das Gefühl, in unsichtbaren
Strukturen festzustecken – ein innerer Belagerungszustand ohne explizite
Anklage.
## Ein Song wird zur emotionalen Parole
Als im Frühjahr 2025 nach der Inhaftierung des Istanbuler
[1][Oberbürgermeisters Ekrem İmamoğlu Proteste ausbrachen], bekam genau
diese Unbestimmtheit eine neue Wucht. „Kufi“ lief als Soundtrack in
Demonstrationsvideos, hallte über Universitätsgelände, wurde tausendfach
geteilt. Ein Song ohne klare Anklage wurde zur emotionalen Parole – gerade
weil er offen blieb, ließ er sich nutzen als Ausdruck von Frustration,
Trotz, Erschöpfung.
Vielleicht erklärt genau das, warum Tangözes Name wenig später in einem
anderen Zusammenhang auftauchte: Im Zuge von Ermittlungen zu
Drogenkriminalität wurde er gemeinsam mit weiteren Prominenten
festgenommen; insgesamt standen 21 Personen im Fokus der Ermittlungen.
Einige kamen in Untersuchungshaft, andere erhielten Hausarrest. Tangöze
wurde am Freitag wieder freigelassen – doch das Verfahren gegen ihn läuft
weiter.
Tangöze hatte bei seiner Anhörung ausgesagt, er habe Marihuana konsumiert,
jedoch nur privat. Während einer Deutschlandtour 2025 habe er in
Deutschland Cannabis erworben und dort konsumiert.
## Keine klassische Oppositionsfigur
Tangöze ist keine klassische Oppositionsfigur. Er hält keine Reden,
schreibt keine Manifeste – und wird doch politisch gelesen, weil seine
Lieder von einer gesellschaftlichen Enge handeln.
Doch in einem Land wie der Türkei bleibt so etwas selten eine rein private
Angelegenheit. Musiker und Schauspieler geraten immer wieder ins Visier;
Vorwürfe werden in einem politisch aufgeladenen Klima rasch weiter
ausgedeutet. Auch im Fall Tangöze sehen viele mehr als nur eine
Drogenrazzia, sondern einen politisch motivierten Einschüchterungsversuch.
So steht Tangöze also zwischen Bühne und Gerichtssaal. Kein politischer
Wortführer, eher die Stimme eines Gefühls – irgendwo zwischen Aufbegehren
und Rückzug. Manchmal reicht das schon.
22 Feb 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Derya Türkmen
## TAGS
(DIR) Ekrem İmamoğlu
(DIR) Schwerpunkt Türkei unter Erdoğan
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