# taz.de -- Journalismus in der Türkei: Informationsfreiheit in einem unfreien System
> Eigentlich hat jede:r in der Türkei das Recht, von Behörden
> Informationen zu erfragen. Doch die lehnen Auskünfte oft ab. Der
> Rechtsstaat hilft nicht.
(IMG) Bild: Anfang Februar vor einem Gericht in Istanbul: Protest für die Freilassung inhaftierter Journalist:innen
Artikel 4 des türkischen Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) besagt: „Jeder
hat das Recht auf Informationen“. Heute wirkt die Aussage fast wie Hohn,
das Gesetz wurde in hoffnungsvolleren Zeiten eingeführt – im Jahr 2004,
sogar zwei Jahre bevor Deutschland ein ähnliches Gesetz verabschiedete. Es
räumt türkischen und ausländischen Bürger:innen das Recht ein,
Informationen von staatlichen Behörden anzufordern. Mehr als 20 Jahre
später hat dieselbe Regierung, die das IFG einst einführte, die meisten
Säulen der Rechtsstaatlichkeit abgebaut. [1][Hunderte Journalist:innen,
Akademiker:innen und Oppositionelle sitzen in Haft.] Die Türkei
schneidet bei Transparenzrankings regelmäßig schlecht ab.
Das Gesetz hat trotzdem überlebt und wird weiterhin von Aktivist:innen
und Journalist:innen genutzt. Einer davon ist Emre Kızılkaya, der das
unabhängige Medienportal „Journo“ leitete und inzwischen an der
Galatasaray-Universität in Istanbul Kommunikationswissenschaften lehrt.
„Ich stelle Anfragen zu allen möglichen Themen, von denen ich glaube, dass
die Öffentlichkeit profitieren könnte“, sagt Kızılkaya. Rund hundert
Anfragen habe er in den letzten fünf Jahren eingereicht.
Dabei geht es manchmal um einfache Informationen, wie beispielsweise
Angaben zu Pensionsbezügen von Abgeordneten, oder um umfangreichere
Datensätze, wie einen nach Bezirken aufgeschlüsselten Energieverbrauch. In
einer aktuellen Anfrage habe er erfahren wollen, wie viele
Fußgänger:innen bei Autounfällen in der Türkei zu Schaden kommen,
erzählt Kızılkaya. Der Antrag wurde abgewiesen – mit dem rechtlich
unbegründeten Hinweis, er benötige zunächst die Genehmigung seines
Universitätsrektors.
Mit solchen willkürlichen Rechtsauslegungen muss sich nicht nur Kızılkaya
herumschlagen. Laut [2][einem aktuellen Bericht der Watchdog-Organisation
International Press Institute (IPI)], die Anfragen von NGOs und
Medienschaffenden untersucht, erhielt nicht einmal die Hälfte der Anträge
eine positive Antwort. Teils wurden die Anfragen auch komplett ignoriert.
Zudem dauerte es statt der gesetzlich vorgesehenen 15 Tage im Durchschnitt
77 Tage, bis eine Antwort erfolgte.
## Antworten nicht immer ergiebig
Immerhin ist die Antragstellung relativ komfortabel. In der Türkei lebende
Menschen können Anfragen zentral stellen, mit ihrem
E-Government-Onlinekonto. In Deutschland gibt es Vergleichbares nur über
[3][FragDenStaat]. Die zivilgesellschaftliche Initiative betreibt eine
Onlineplattform, über die Anträge mit Formulierungshilfen an deutsche
Behörden gestellt werden können. 2024 wurde das Portal für knapp 30.000
Anfragen genutzt.
Laut offiziellen Statistiken gab es in der Türkei im selben Zeitraum über
zwei Millionen IFG-Anträge, von denen rund drei Viertel angenommen wurden.
Doch auch dann erhalten die Antragssteller:innen nicht immer Auskunft:
„Oft bekommt man zwar formal eine Antwort, doch nur selten enthält diese
wirklich die angefragten Informationen“, berichtet Kızılkaya. Nur mit etwa
jeder zehnten Antwort könne er wirklich etwas anfangen. „Ausführliche
Aktenführung hatte schon im Osmanischen Reich Tradition und das besteht bis
heute fort. Sie geht aber leider nicht mit Akteneinsicht für die
Öffentlichkeit einher.“
Um einen besseren Überblick über die Antworten der türkischen Behörden zu
erhalten, hat die Watchdog-Organisation IPI eine Datenbank ins Leben
gerufen. Nutzer:innen können hier erhaltene Dokumente mit anderen
teilen. [4][Zudem führt Damla Tarhan, Projektkoordinatorin beim IPI,
Interviews mit Antragstellenden], um das Verhalten der Behörden im Umgang
mit Journalist:innen zu dokumentieren. „Wir hatten schon einzelne
Fälle, in denen Journalist:innen nach einer IFG-Anfrage eingeschüchtert
und aufgefordert wurden, ihre Nachforschungen zu unterlassen“, so Tarhan.
Dies betreffe vor allem Anfragen, die sich mit [5][Korruption] befassten
oder auf Aktivitäten privater Unternehmen abzielten – etwa bei
Umweltverschmutzungen oder Gesundheitsgefahren durch eine
Produktionsstätte.
Wie die Bürokratie mitunter arbeitet, zeigte eine Anfrage an das Sport- und
Jugendministerium, das offensichtlich [6][ChatGPT] für das Verfassen seiner
Antwort genutzt hatte. „Der Beitrag hatte die KI-typische Form mit Bullet
Points und enthielt Smileys“, sagt Tarhan. „Am Schluss wurde sogar der Satz
‚Vergessen Sie nicht, diese Angaben mit den offiziellen Quellen
abzugleichen‘ mit in die Antwort kopiert.“
## Rechtsstaat notwendig
Trotz aller Fallstricke schult das IPI Nachwuchsjournalist:innen in
Workshops darin, das Instrument der IFG-Anfrage zu nutzen. Das türkische
IFG habe viele Makel, sagt [7][Journalistin Elif İnce], eine der
Trainerinnen bei IPI. Behörden müssten beispielsweise keine Antworten
liefern, wenn dies mit Mehrarbeit für ihre Mitarbeitenden verbunden wäre.
„Aber man weiß nie, ob Staatsbedienstete nicht doch einen guten Tag
erwischen oder noch nicht mitbekommen haben, dass man möglichst wenige
Informationen herausgeben soll“, so İnce.
Sie selbst hat beides erlebt. [8][Für die New York Times recherchierte
İnce,] wer für die Inspektion eines Wohnhauses in Antakya verantwortlich
war, das beim Erdbeben 2023 einstürzte. Mehr als 300 Menschen starben. Das
Umweltministerium antwortete auf ihre Anfrage, für alle relevanten
Dokumente sei die Stadtverwaltung zuständig. „Daraufhin rief ich direkt bei
der städtischen Behörde an und konnte auf die Antwort aus dem
Umweltministerium verweisen“, sagt İnce. Ein paar Tage später fand sie
einen WeTransfer-Link mit über 120 detaillierten Bauinspektionsberichten in
ihrem Postfach. Mit den Dokumenten konnte sie nachweisen, dass die
Inspektionen gar nicht oder nur teilweise durchgeführt und dadurch
Baumängel verschleiert worden waren.
Anderes erlebte İnce bei einer Recherche zu Covid-19 im Jahr 2020: Sie
stellte eine präzise IFG-Anfrage zu den genauen Opferzahlen binnen eines
Monats in drei türkischen Provinzen. Das zuständige Gesundheitsministerium
lehnte die Anfrage mit der Begründung ab, dass für eine Beantwortung
zusätzliche Nachforschungen angestellt werden müssten und berief sich auf
den Paragrafen, nach dem der Behörde keine Mehrarbeit entstehen dürfe.
İnce zog vor Gericht – und bekam überraschend Recht. „Das Gericht befand,
dass die Zahlen in den Kernbereich des Ministeriums fallen und sich nicht
auf eine Ausnahme berufen werden könne.“ Auch vor der nächsthöheren Instanz
hielt das Urteil Bestand. „Die Zahlen haben wir trotzdem nicht bekommen“,
sagt İnce schulterzuckend, „das Ministerium hat die richterliche
Entscheidung einfach ignoriert.“ Schlussendlich helfe in einem mangelhaften
Rechtsstaat auch das beste IFG nicht weiter.
11 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Pressefreiheit-in-der-Tuerkei-Neugierige-Journalisten-verhaftet/!6159078
(DIR) [2] https://turkiye.ipi.media/freedom-of-information-foi/
(DIR) [3] https://fragdenstaat.de/
(DIR) [4] https://turkiye.ipi.media/freedom-of-information-in-turkiye-2025-third-quarterly-report/
(DIR) [5] /Korruption-in-der-Tuerkei/!5914093
(DIR) [6] /ChatGPT-kann-bald-erotische-Konversationen-fuehren-aber-was-kann-die-KI-nicht/!6120868
(DIR) [7] https://elifince.com/
(DIR) [8] https://www.nytimes.com/interactive/2023/05/11/world/europe/turkey-earthquake-apartment-building-collapse.html
## AUTOREN
(DIR) Dénes Jäger
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