# taz.de -- Spielfilm „Father Mother Sister Brother“: Familienblues in drei Sätzen
       
       > In seinem ersten Film seit sechs Jahren erkundet Jim Jarmusch
       > minimalistisch genau die Beziehung von Eltern und ihren Kindern.
       
 (IMG) Bild: Vater allein zu Haus: Tom Waits in „Father Mother Sister Brother“
       
       Was wäre, wenn man sich die Familie – so wie Freunde und Liebhaber –
       aussuchen könnte? Und warum gleicht die Kommunikation innerhalb des
       Familienmikrokosmos so oft einer Inszenierung, in der fertige Sätze wie
       „Was macht die Arbeit?“, „Wie schön, dass ihr mich besucht habt. Kommt bald
       wieder!“ je nach Rolle fast automatisch ausgesprochen werden? Antworten auf
       diese Fragen wird man in „Father Mother Sister Brother“, Jim Jarmuschs lang
       erwartetem Film nach sechs Jahren Kinopause, allerdings nicht finden.
       
       In seiner Familienbeobachtung in drei Episoden, in denen erwachsene Kinder
       ihr Elternhaus aufsuchen, geht es dem US-amerikanischen Meister des
       Minimalismus eher darum, eine Stimmung zu erzeugen und dabei nichts zu
       „erklären“ oder sogar auszudrücken: „Ich habe nicht versucht, etwas über
       Familie zu sagen, oder eigentlich überhaupt über irgendwas“, behauptete der
       Regisseur etwas selbstironisch kurz nach der Weltpremiere bei den
       [1][Internationalen Filmfestspielen von Venedig im vergangenen September,
       wo er mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Löwen, geehrt wurde].
       
       Auch wenn er seinen Film als einen „Anti-Actionfilm“ beschreibt, stimmt
       dies nicht so ganz: „Action“ gibt es schon – in einer der komischsten
       Szenen in der ersten Episode, „Father“, kommt sogar eine Axt zum Einsatz –
       diese „Action“ ist aber tropfenweise dosiert und besteht nicht aus den
       üblichen Zutaten wie Drama, Gewalt und Sex.
       
       Wenn die zwei Geschwister Jeff und Emily (glaubwürdig verklemmt: Adam
       Driver und Mayim Bialik) ihren vor zwei Jahren verwitweten Vater (stilvoll
       gealtert: Tom Waits) im verschneiten New Jersey besuchen, herrscht im
       Wohnzimmer des runtergerockten Holzhauses am See eine Mischung aus
       gegenseitiger Zuneigung und Misstrauen. So als würden die Kinder,
       insbesondere die Tochter, den Aussagen des Vaters nicht so richtig glauben.
       
       Der Vater versucht, so gut er kann, den „Spielregeln“ zu folgen, stellt die
       richtigen Fragen, bietet ein Glas Wasser an. Die Stillen sind peinlich, die
       Dialoge bekommen eine absurde Note und trotzdem wird das Spiel tapfer zu
       Ende gespielt. Bis zum Abschied und einem unerwarteten Finale. Wenn das
       nicht „Action“ ist? Sie mag nicht knallen und uns vom Stuhl springen
       lassen, aber die Kraft der Details und der Blick auf die scheinbar leeren
       Stellen zwischen den Handlungen wirken auf den Zuschauer und halten lange
       an.
       
       ## Variationen zu einem Thema
       
       Der Episodenfilm ist für Jarmusch nicht neu, im Gegenteil. Inzwischen ist
       diese Form Teil seiner stilistischen Handschrift geworden: In „Mystery
       Train“ (1989) wurde die Reise in den musikalischen Süden der USA auf drei
       zeitlich überlappende Episoden aufgeteilt, in „Night on Earth“ (1991) hatte
       er fünf Taxifahrten in fünf verschiedenen Städten als Anlass genommen,
       kurze Begegnungen zwischen fremden Menschen zu beobachten, und in „Broken
       Flowers“ (2005), einem tragikomischen Roadmovie, in dem ein alternder Don
       Juan sich auf die Spuren einer Reihe seiner Ex-Freundinnen begibt, waren
       die Episoden in die Struktur der Erzählung selbst eingebaut.
       
       Die „Variationen zu einem Thema“ sind [2][für Jarmusch ein beliebtes
       Mittel, um die Welt, die er auf der Leinwand schafft, zu beschreiben und
       dabei an zwei seiner großen Leidenschaften – Literatur und Musik] –
       anzuknüpfen.
       
       „Father Mother Sister Brother“ hat einen musikalischen Verlauf:
       wiederkehrende Sätze und einzelne Wörter sind wie Refrains, die sich über
       die Episoden hinwegziehen, oft mit komischer Wirkung. Wiederholung ist
       dabei immer eine zuverlässige Methode, und Stille ist genauso wichtig wie
       es Worte sind.
       
       An der sorgfältig dosierten Musik hat Jarmusch selbst mitgewirkt, in
       Zusammenarbeit mit der britisch-deutschen Singer-Songwriterin Annika
       Henderson, alias Anika, die mit ihrem charmanten Akzent im Abspannstück
       [3][„These Days“] an eine moderne, zarte Nico erinnert. Sanfte
       Gitarrenfeedbacks und Synthesizer schaffen eine träumerische Ebene im Film
       und verbinden die drei Geschichten, ohne es aufdringlich zu betonen.
       
       ## Treffen zum jährlichen Teekränzchen
       
       In der zweiten Episode, „Mother“, ist das Ensemble, um bei der
       musikalischen Analogie zu bleiben, rein weiblich besetzt. Zwei sehr
       unterschiedliche Schwestern sind zu dem jährlichen Teekränzchen von der
       Mutter eingeladen (eisig und zeitlos: Charlotte Rampling). Eigentlich sind
       die Töchter nach Dublin gezogen, wo die Mutter als erfolgreiche
       Schriftstellerin lebt, um sich öfter zu sehen, was aber nicht der Fall ist.
       
       Timothea, die ältere der beiden, ist trotz ihrer schönen Nachricht über
       einen beruflichen Erfolg deutlich angespannt, die Influencerin mit
       pinkfarbigem Haar, Lilith, wirkt dagegen selbstsicher und frech. Cate
       Blanchett und Vicky Krieps verkörpern dabei so gegensätzliche Rollen, dass
       man sie kaum als Schwestern wahrnimmt. Die Perfektion der Törtchen und
       Köstlichkeiten auf dem stilvollen Tisch, an dem die drei Frauen das
       Teeritual vollziehen, ist fast beängstigend, man traut sich kaum zu essen.
       
       Die genaue Kameraarbeit von Frederick Elmes und Yorick Le Saux spiegelt
       diese kalte Perfektion wider. Wenn eine der Töchter merkt, dass die
       Garderobe der drei zufällig farblich abgestimmt ist, erwidert die Mutter
       trocken: „Wie peinlich“, was in der Atmosphäre, die Jarmusch sorgfältig
       geschaffen hat, fast wie eine Ohrfeige wirkt. Wie gesagt, die „Action“ ist
       da, nur sie spricht eine andere Sprache.
       
       ## Eine überraschende Erfahrung
       
       In der dritten und letzten Episode geht die Reise nach Paris. Die Ville
       Lumière ist seit seiner Studienzeit eine zweite Heimat für Jarmusch. Wie er
       selbst behauptete, hat er einen Antrag für ein langfristiges Künstlervisum
       gestellt, um die französische Staatsangehörigkeit zu erhalten und eventuell
       die USA zu verlassen. Bei der Wahl des Drehortes mag es auch eine Rolle
       gespielt haben, dass Saint-Laurent Productions den Film mitproduziert hat.
       
       Es ist also nur passend, dass die Hauptfiguren in „Sister Brother“ zwei
       junge US-amerikanische Expats sind. Die Zwillinge Skye und Billy, von der
       nonbinären Stilikone Indya Moore und dem französisch-amerikanischen
       Schauspieler und Model Luka Sabbat gespielt, suchen in Paris die Wohnung
       der Eltern auf. Es wird eine harte, jedoch überraschende Erfahrung sein,
       mehr sei nicht verraten.
       
       Jarmusch arbeitet gern in einer familiären Umgebung, er schreibt seine
       Drehbücher immer für die Schauspieler, die er sich für die Rolle wünschen
       würde, und dasselbe gilt für das Team hinter der Kamera. Auch in diesem
       Fall, ist es ihm wieder gelungen, einen hochkarätigen Cast zu gewinnen.
       Einige – wie Tom Waits und Cate Blanchett – arbeiten seit Jahrzehnten immer
       mal wieder mit ihm.
       
       Auf die Frage, welche seine Rolle in der eigenen „Filmfamilie“ sei, hat
       Jarmusch in einem Videointerview mit Saint Laurent gesagt, er sehe sich ein
       wenig wie der Vater: Der inzwischen 72-Jährige sorge für seine Schauspieler
       und es sei wichtig, dass es allen am Set gut ginge. Wenn man auf die
       Details schaut, und da die musikalische Terminologie besonders gut auf
       Jarmuschs Filme passt, könnte das Leitmotiv von „Father Mother Sister
       Brother“ der späte „Triumph der Eltern“ sein.
       
       Der Vater hat sich auf seiner Insel am Rande der „sogenannten realen Welt“
       da draußen, wie er sie nennt, ganz gut arrangiert; die Mutter möchte nicht,
       dass die Töchter ihr Leben aufwühlen, und die beiden Eltern der Zwillinge
       haben im Leben sowieso immer das getan, worauf sie Lust hatten, so scheint
       es zumindest. Wenn man am Ende aus dem Kino läuft, stellt man sich
       vielleicht die Frage: Was wissen wir eigentlich wirklich über unsere
       Eltern?
       
       24 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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