# taz.de -- Türkischer Aktivist İbrahim Yaylalı: Kein Asyl in Griechenland
       
       > Der türkische Menschenrechtsaktivist bekommt kein Asyl in Griechenland,
       > weil man ihm Kriegsverbrechen gegen Kurden vorwirft. Die gibt Yaylalı
       > auch zu.
       
 (IMG) Bild: Muss zurück in die Türkei, auch wenn ihm dort Verfolgung droht: İbrahim Yaylalı
       
       Sein Leben böte reichlich Stoff für einen Film. Der 1974 als İbrahim
       Yaylalı in Bafra an der Schwarzmeerküste im Norden der Türkei geborene
       türkische Staatsbürger kämpfte in den 90er Jahren als Elitesoldat der
       türkischen Armee gegen die PKK-Rebellen im Südosten der Türkei – aus
       totaler Überzeugung. „Ich bin in einem Wohnviertel in Bafra, einer
       Brutstätte der „Grauen Wölfe“ (türkische Rechtsextremisten, Anm. d. Red.),
       aufgewachsen. Dort wurde ich zum türkischen Nationalisten“, sagt er
       unverhohlen.
       
       „Mir wurde beigebracht, alle Minderheiten zu hassen: Kurden,
       Pontiergriechen, Armenier. Ich war ein Faschist“, so Yaylalı. Im Alter von
       20 Jahren habe er beschlossen, seinen Dienst bewusst in den
       Spezialeinheiten der türkischen Armee zu leisten. Und: „Als überzeugter
       türkischer Nationalist wollte ich in Kurdistan gegen die Kurden kämpfen.“
       Er sei dort Zeuge vieler Kriegsverbrechen geworden, habe selbst daran
       teilgenommen. „In den Dörfern, die nicht auf unserer Seite standen, haben
       wir viel gefoltert und die Dörfer niedergebrannt“, offenbarte Yaylalı
       [1][im Juni 2022 gegenüber der Athener Tageszeitung Kathimerini].
       
       Doch bei einem Gefecht mit kurdischen Rebellen im September 1994 zog er
       sich eine Verletzung zu, die PKK-Guerilla nahm ihn gefangen. In der
       PKK-Gefangenschaft habe er mit dem Militarismus und Nationalismus
       gebrochen. Seither widmet sich Yaylalı als Aktivist dem Pazifismus, wurde
       zum Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen. Nach dem Massaker in
       Roboski nahe Ortasu in der Provinz Şırnak am 28. Dezember 2011, bei dem
       türkische F-16-Kampfflugzeuge 34 meist junge, kurdische Zivilisten töteten,
       marschierte Yaylalı aus Protest von Şırnak bis nach Ankara. Er habe sich
       für [2][das Massaker in Roboski], wo er 17 Jahre zuvor gegen die Kurden
       kämpfte, „mitverantwortlich gefühlt“.
       
       Nachdem Yaylalı die pontisch-griechische Herkunft seiner Familie entdeckt
       hatte, änderte er 2013 seinen Vornamen in Yannis Vasilis. In der Türkei
       wurde er hernach bedroht, saß in Haft, soll dort gefoltert worden sein. Im
       Januar 2019 floh er vor der Repression in der Türkei nach Griechenland und
       stellte in Hellas einen Antrag auf Asyl.
       
       ## 30 Tage Zeit für die Rückkehr in die Türkei
       
       Wie hierzulande nun bekannt wurde, hat die Athener Migrationsbehörde
       Yaylalıs Asylantrag abgelehnt und seine Rückführung in die Türkei binnen 30
       Tagen angeordnet. Laut Medienberichten sei die Ablehnung damit begründet
       worden, dass Yaylalı in der türkischen Armee in den 90er Jahren im Südosten
       der Türkei „Kriegsverbrechen“ begangen habe. Eine Rückkehr von Yaylalı in
       die Türkei sei „möglich“, vor allem in seine Geburtsstadt Bafra, wo ihm
       „keine unmittelbare Gefahr“ drohe.
       
       Die Causa Yaylalı schlägt in Hellas hohe Wellen. Politiker und
       Menschenrechtler fordern, die Abschiebung auszusetzen und den Fall neu zu
       prüfen. Gegen ihn würden in der Türkei 13 Verfahren laufen, auch wegen des
       Vorwurfs der „Spionage“. Ferner sei er ob seines unermüdlichen Engagements
       für die Rechte der Kurden und anderer Minderheiten staatlicher türkischer
       Unterdrückung Anfeindungen dortiger Ultranationalisten sowie öffentlicher
       Stigmatisierung ausgesetzt. Einen sicheren Aufenthalt in den Grenzen der
       Türkei gebe es für ihn nicht, erklärt Yaylalı.
       
       Migrationsminister Thanos Plevris hat [3][derweil „eine umfassende
       Unterrichtung“ im Fall Yaylalı angefordert]. Bis zu einer Entscheidung in
       der zweiten Instanz dürfe nicht abgeschoben werden.
       
       18 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.kathimerini.gr/society/561904198/o-toyrkos-ethnikistis-poy-egine-aktivistis-toy-pontoy/
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Roboski_massacre
 (DIR) [3] https://www.tovima.com/society/ministry-reax-to-deportation-threat-against-prominent-turkish-activist/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ferry Batzoglou
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kurden
 (DIR) Opposition in der Türkei
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Unterstützung für Kurd:innen: Deutsche Delegation in der Türkei festgesetzt
       
       An der Grenze zu Syrien wurde eine Gruppe junger Aktivist:innen
       festgenommen. Sie wollten auf die Lage der kurdischen Bevölkerung
       aufmerksam machen.
       
 (DIR) Angriff auf die Pressefreiheit: Französischer Journalist in der Türkei festgenommen
       
       Ein französischer Reporter wurde in der Türkei verhaftet und für drei Tage
       festgehalten. Der Fall beunruhigt ausländische Korrespondenten im Land.
       
 (DIR) Friedensprozess zwischen Türkei und PKK: Historischer Besuch auf der Gefängnisinsel İmralı
       
       Eine Delegation des türkischen Parlaments trifft PKK-Gründer Öcalan. Für
       Präsident Erdoğan bleibt der Friedensprozess ein Drahtseilakt.