# taz.de -- Dokumentarfilm über Brücken: Sind so schlanke Pfeiler
       
       > James Benning widmet sich in „Eight Bridges“ (Forum) den Brücken seiner
       > Heimat. Er tut das so gründlich wie zärtlich und schärft dabei die Sinne.
       
 (IMG) Bild: Träge fließt das Wasser, Wolken ziehen. Aus „Eight Bridges“
       
       Sechs massive Betonpfeiler ragen aus einer graugrünbraunen Wasseroberfläche
       und verjüngen sich in einer schmaler werdenden Reihe im Fluchtpunkt des
       Bildes. Das hintere Ende wird von einem filigranen Stahlbogen überspannt,
       im selben Industriegrün gehalten wie die gerillte Unterseite der Fahrbahn.
       Eine Brücke, gefilmt von schräg unten. Die Autos, die sich darüber bewegen,
       kann man nur erahnen. Hin und wieder durchfliegen Vögel das Bild, einmal
       quert ein Boot. Sonst bewegt sich nichts. Gar nichts.
       
       „Es scheint an der Zeit zu sein, Brücken zu betrachten“, hat der
       US-Avantgardefilmer James Benning seinen Dokumentarfilm „Eight Bridges“ im
       Programmheft [1][der Berlinale] angekündigt. Acht Brücken in 80 Minuten,
       plus zwei Minuten Abspann: Nach seinen Vorgängerarbeiten „Ten Skies“ und
       „18 Lakes“ untersucht Benning filmisch ein weiteres Landschaftsphänomen
       seiner Heimat.
       
       Seine Methode ist größtmögliche Formstrenge und radikale Langsamkeit. Die
       am Ufer aufgebaute Kamera bewegt sich zehn Minuten lang nicht: Kein
       Schwenk, kein Schnitt – in Echtzeit rollen Autos oder Züge über die
       Fahrbahn, bewegen sich Fußgänger:innen am Bildrand und verschwinden
       hinter einer Einzäunung, [2][Wolken ziehen vorbei.]
       
       ## Rascheln, ein Hupen, Plätschern
       
       Auch die Tonspur verweigert alle Kinokonventionen. Kein Voice-over, keine
       Musikuntermalung, kein Soundeffekt dramatisieren das Gesehene. Stattdessen
       field-recording-artige Umgebungsgeräusche, als wolle Benning sagen: Es ist,
       was es ist. Irgendwo krächzt ein Vogel im Schilf, es raschelt, man hört
       vereinzeltes Hupen, Verkehrsrauschen, gelegentlich ein Plätschern.
       
       Bennings sorgsam komponierte Kameraausschnitte wirken wie gemalte Tableaus
       des Industriezeitalters: Wasser und Luft, Himmel und Erde, Vegetation und
       Stahlbeton der verschiedensten Epochen, Funktionen und Stile. Die geradezu
       lächerliche Zärtlichkeit, mit der sich die Kamera banalen
       Nutzkonstruktionen und Alltagsausschnitten widmet, überträgt sich mit der
       Zeit auf den Zuschauer. Eine kühne modernistische Betonschalung springt ins
       Auge, ein wunderbares Geländerrot.
       
       Der Blick schärft sich an Details wie dem Seil, das links unten ins Wasser
       hängt. Wozu es wohl dient? Warum erklettern Teenager immer wieder die
       Böschung über der [3][Golden Gate Bridge] (die einzige Brückencelebrity im
       Film) – eine Mutprobe? Welche Stadt versorgen die vielen Lieferlastwagen,
       die im Stau stehen?
       
       Irgendwann hat sich das Sehen derart entschleunigt, dass der Zug der Wolken
       über einen windigen Himmel geradezu rasant anmutet. Die Geschichten, die
       James Benning sich weigert zu erzählen, entstehen im unterbeschäftigten
       Kopf des Zuschauers von ganz allein. Im Abspann werden die porträtierten
       Brücken wie Stars präsentiert: Edmund Pettus Bridge, Alabama, Hi-line RR
       Bridge, North Dakota. Der Teil der Zuschauer, der nicht eingeschlafen ist,
       applaudiert voller Bewunderung.
       
       20 Feb 2026
       
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