# taz.de -- Prozess gegen Hashim Thaçi: Ist Kosovos Ex-Präsident ein Kriegsverbrecher?
> Im Prozess gegen Ex-UÇK-Kommandeure werden die Schlussplädoyers verlesen.
> Hashim Thaçi muss sich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit
> verantworten.
(IMG) Bild: Kosovo, 7. August 2025: ein Foto von Hashim Thaçi bei einer Soli-Demo in Prishtina
Es war Juni 1999, als vier bewaffnete Männer in Uniform das Haus der
Familie Dedić aufsuchten. Sie nahmen den 37-jährigen Boban mit, vor den
Augen seiner Mutter. Nur ein Verhör auf der Polizeistation, sagten sie.
Doch Boban Dedić, Reservist der serbischen Streitkräfte, wurde nie wieder
gesehen.
So erzählt es sein heute 91-jähriger Vater Predrag in einer
[1][Videobotschaft vor dem Kosovo-Sondergericht in Den Haag]. Die Szene
ereignete sich in Rahovec im Westen Kosovos. Die bewaffneten Männer hätten
Uniformen der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK getragen. Pedrag Dedić erzählt,
wie er seinen Sohn im Ort gesucht habe, wie man ihn schließlich von der
Polizeistation zum Feuerwehrgebäude schickte. „Ich hatte gehört, dass das
Feuerwehrgebäude ein Gefangenenlager war. Von dort nahmen sie die Leute mit
und töteten sie“, sagte er.
Nach fast zwei Jahren und 300 Zeugenaussagen nähert sich der Prozess gegen
ehemalige Kommandeure der UÇK seinem Ende. Hauptangeklagter ist der frühere
Präsident und Premierminister Hashim Thaçi. Ihm und weiteren Angeklagten
(Kadri Veseli, Jakup Krasniqi und Rexhep Selimi) werden in zehn
Anklagepunkten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zur
Last gelegt, darunter Verfolgung, Folter und Mord in etwa hundert Fällen.
Die Taten sollen sich während und nach dem Kosovokrieg 1998 bis 1999
ereignet haben, vor allem an Serb:innen, Roma und politischen Gegner:innen.
Alle Angeklagten haben sich für unschuldig erklärt.
Anklägerin Kimberly West erklärte in ihrem Schlussplädoyer am Montag
vergangener Woche, es gebe schwerwiegende Beweise, dass sich die
Angeklagten der Folter und Ermordung von Menschen schuldig gemacht hätten,
die sie als Verräter betrachteten. Die „Schwere der Anschuldigungen“ gegen
Thaçi habe „im Laufe der Zeit nicht abgenommen“. Zeug:innen hätten ein
„Klima der Einschüchterung“ riskiert, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Die Staatsanwaltschaft fordert für alle Angeklagten 45 Jahre Haft. Das
Urteil soll innerhalb der nächsten 90 Tage fallen.
## Kampf für die Unabhängigkeit des Kosovo
Thaçi war Mitbegründer der UÇK, einer paramilitärischen Organisation, die
für die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien kämpfte. Im
Unabhängigkeitskrieg 1998 bis 1999 wurde er zum Oberkommandeur. Wegen
seiner Wendigkeit erhielt er den Kampfnamen „Gjarpri“ – die Schlange.
Nach UÇK-Aktionen gegen serbische Polizisten antwortete Serbien mit Terror
gegen die kosovarisch-albanische Zivilbevölkerung: Serbische
Sicherheitskräfte vertrieben Hunderttausende Menschen und verübten
Massaker. Auch die UÇK beging Kriegsverbrechen, wenn auch in deutlich
geringerem Ausmaß.
Um einen möglichen Völkermord zu verhindern, intervenierte die Nato im März
1999 mit Luftangriffen. 78 Tage später kapitulierte der serbische Präsident
Slobodan Milošević. In dem Konflikt starben über 10.000 Menschen. Thaçi
führte das Land 2008 in die Unabhängigkeit, regierte anschließend als
Premier, bevor er 2016 zum Präsidenten gewählt wurde. 2020 wurde Thaçi
angeklagt und nach Den Haag überstellt.
Dass die Kosovo-Sonderkammern seit 2015 in Den Haag und nicht im Kosovo
tagen, soll vor allem dem Schutz von Zeug:innen dienen. Ein Bericht des
Europarats aus dem Jahr 2011 belegte, dass Zeug:innen während des
Prozesses gefährlich lebten. Viele von ihnen sagten aus Angst vor
Racheakten anonym aus.
[2][2022 verurteilte das Gericht] zwei führende Mitglieder eines
Veteranenverbands wegen Zeugeneinschüchterung. Unmittelbar nach den
Schlussplädoyers beginnt ein weiteres Verfahren gegen Thaçi wegen
Zeugenbeeinflussung. Die Kosovo-Sonderkammern sind zwar Teil des
kosovarischen Justizsystems, aber mit internationalen Richter:innen
besetzt.
## Ein chaotischer Haufen?
Die Verteidigung versucht, die UÇK als chaotischen Haufen ohne Befehlskette
darzustellen. „Dieser Prozess ist keine Überprüfung von Thaçis Leben. Für
Thaçi sollte die Unschuldsvermutung gelten“, argumentierte Anwalt Luka
Misetic. Die Kämpfer – meist Bauern, Lehrer, Studenten – hätten
eigenmächtig gehandelt.
Der frühere Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark und James Rubin sagten aus,
Thaçi habe keine Befehlsgewalt gehabt. Staatsanwalt Halling konterte, diese
Zeugen würden „nicht verstehen, dass Thaci in der Lage war, zu
verschleiern, was tatsächlich geschah“.
Viele kosovarische Albaner:innen verehren Thaçi bis heute als Helden,
der den Kosovo in die Unabhängigkeit geführt habe. Sie sehen das Gericht
kritisch, weil es den Befreiungskampf des Kosovo diffamieren wolle.
„Der Kosovo und seine Bürger wollen Gerechtigkeit. Der Krieg der UÇK war
gerecht und rein“, schrieb Präsidentin Vjosa Osmani zu Beginn der
Schlussplädoyers auf Facebook. Am Dienstag, dem Nationalfeiertag, halten
Unterstützer der UÇK in Prishtina deshalb eine Solidaritätskundgebung ab,
am Mittwoch folgen in Den Haag die letzten Schlussplädoyers.
17 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://balkaninsight.com/2023/11/02/kosovo-serb-testifies-about-sons-abduction-by-guerrillas/
(DIR) [2] https://balkaninsight.com/2022/05/18/kosovo-war-veterans-leaders-convicted-of-witness-intimidation/?utm_source=chatgpt.com
## AUTOREN
(DIR) Jana Lapper
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