# taz.de -- Gold beim Riesenslalom in Bormio: Das schöne Skifahren
> Lucas Pinheiro Braathen gewinnt das erste Winter-Gold für Brasilien. Dass
> er Norwegen wegen seiner Sponsoren verließ, interessiert da kaum
> jemanden.
(IMG) Bild: Brasilianischer Jubel vor Schweizer Bodenständigkeit: Lucas Pinheiro Braathen (Mitte) zwischen Marco Odermatt und Loïc Meillard
Der Schnee könnte eine Erklärung gewesen sein. Vielleicht hatte er einen
besonders gut präparierten Ski. Klar, [1][Lucas Pinheiro Braathen] ist ein
herausragender Skifahrer, das war bekannt, aber dass er nach dem ersten
Lauf des olympischen Riesenslaloms in Bormio den besten Skifahrer der
vergangenen Jahre, [2][Marco Odermatt,] um fast eine Sekunde distanziert
hatte, das konnte sich im Zielraum keiner so recht erklären. Als dann nach
dem zweiten Lauf tatsächlich feststand, dass Pinheiro Braathen
Olympiasieger geworden war, wusste man zwar immer noch nicht so recht, wie
er die anderen so düpieren können, aber geredet hat keiner mehr darüber.
Es war Zeit für eine dieser großen First-Ever-Geschichten, die man so liebt
in der olympischen Welt. Denn Lucas Pinheiro Braathen ist der erste
brasilianische Gewinner einer Goldmedaille bei Olympischen Winterspielen.
Jetzt war nicht mehr von Schnee die Rede, sondern von „[3][Joga bonito]“
die Rede, dem portugiesischen Ausdruck für das schöne Spiel im Fußball, um
Pinheiro Braathens Sieg zu erklären.
Der Brasilianer aus Norwegen bekam Platz, seine Geschichte so zu erzählen,
dass sie sich wie eine dieser Wundergeschichten anhört, von denen es so
gerne heißt, allein der Sport könne sie schreiben. Wie ein olympischer
Sektenführer redete er von der Kraft der Inspiration. Davon, dass es gelte,
die Grenzen des Bewusstseins zu überschreiten. Reichlich verstrahlt hört
sich an, was der Olympiasieger im Duktus eines esoterischen Predigers bei
der Pressekonferenz nach dem Rennen erzählt hat.
Und so bleibt sie erst mal stehen, die Story, vom jungen Skifahrer aus
Oslo, der sich im norwegischen Verband, der ihn bis zur Weltcupreife
geführt hat, nicht mehr wohlgefühlt habe. Er habe seiner Kreativität nicht
freien Lauf lassen können, habe sich eingesperrt gefühlt in den Strukturen
des Verbands. Dass es in Wahrheit auch darum gegangen war, eigene Sponsoren
besser bedienen zu können, mehr zu verdienen, als er das norwegische Team
verlassen hat, um nach einem Jahr Pause als Brasilianer zurückzukehren,
davon war am Tag des Olympiasiegs natürlich keine Rede.
Braathen Pinheiro, der aktuell auf Platz zwei der Riesenslalomwertung im
Weltcup liegt und somit durchaus als Mitfavorit ins Rennen gegangen war,
umgibt sich mit einem Team von neun Betreuerinnen und Betreuern. Sie alle
schwirrten am Samstag in Klamotten des brasilianischen Teams um ihren Chef
herum. Brasilianer sind sie allesamt nicht. Eine Million Euro soll das von
seinem norwegischen Vater gemanagte Projekt pro Saison kosten. Das Foto mit
den Mitarbeitern seines Skiausrüsters noch im Zielraum des Rennens, zeigte,
dass noch viel mehr Menschen am Erfolg des Sohnes einer brasilianischen
Mutter beteiligt sind, als diejenigen, die bei ihm unter Vertrag sind.
Es ist gewiss ein faszinierendes Sportunternehmen, das mit dem Olympiasieg
nun die Früchte seines Investments ernten wird. All die Sponsoren, die ihn
unterstützen, werden nun von der Reichweite des neuen Superstars des
Skisports profitieren. Allen voran der Getränkehersteller [4][Red Bull],
der an der Ausarbeitung seines Images als verrückter Brasilianer, der auch
mal als DJ auftritt oder bei einer Modenschau als Modell daher stolziert,
seinen Anteil hat. Beim Limoriesen aus Österreich feiert man sein Charisma
und seine Exzentrik in zahlreichen Videos auf Social Media besonders
intensiv.
Die Sätze, die Pinherio Braathen in der Pressekonferenz von sich gab,
hörten sich fast alle so an, als seien, sie von einem PR-Berater
vorformuliert worden. Kostprobe? „Wenn es etwas gibt, worin ich heute
hoffentlich eine Inspirationsquelle sein kann, dann, dass du den Mut haben
solltest, du selbst zu sein.“
Was wohl der ukrainische Skifahrer Dmytro Schepjuk von solchen Sätzen hält?
Auf Platz 40 beendete der 20-Jährige das Rennen. Beim Super-G zwei Tage
zuvor hatte er frisch unter dem Eindruck des Rauswurfs seines Landsmanns
Władysław [5][Herakewytsch] von Olympia im Zielraum eine Botschaft in die
Kamera gehalten.
„UKR heroes with us“ hatte der Sportler aus den Karpaten auf einen
Aufkleber geschrieben, den er auf die Handfläche seines Handschuhs geklebt
hatte. Auch um zu zeigen, dass er weiß, welches Privileg es ist, als
Sportler durch die Welt zu reisen, während andere junge Männer zu Hause
bleiben müssen, um an der Front zu kämpfen oder auf die Einberufung zu
warten, habe er seine Handschuhbotschaft in die Welt geschickt. Das Wort
Mut hat in Schepjuks Welt wohl eine andere Bedeutung als im
Glitzeruniversums des neuen Olympiasiegers.
15 Feb 2026
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