# taz.de -- Ski-Alpin-Abfahrt bei Olympia: Mit mehr als 140 Kilometern pro Stunde ins Ungewisse
> Die olympische Abfahrtsstrecke in Bormio zählt zu den gefährlichsten im
> alpinen Skisport. Etliche Unfälle zeugen davon. Am Samstag starten die
> Männer.
(IMG) Bild: Die Abfahrt von Bormio ist berüchtigt für die Sturzgefahr: Hier kommt der Österreicher Christopher Neumayer zu Fall
Am ersten Wochenende der Olympischen Winterspiele in Italien gibt es, wenn
die Wetterbedingungen es zulassen, am Samstag um 11.30 Uhr den ersten
Speed-Wettbewerb. Die für Olympia leicht veränderte Abfahrtsstrecke der
Männer in Bormio mit Namen „Stelvio“ gehört seit 1993 zu den gefährlichsten
und technisch anspruchsvollsten im Ski-Alpin-Weltcupzirkus. Die teils
schwierigen Sichtverhältnisse und die eisige Piste von 3.442 Meter Länge
mit stellenweise weicheren Passagen im unteren Teil verlangt den Fahrern
alles ab, die mehr als 140 km/h erreichen können.
Im Dezember 2024 stürzte der zweifache Abfahrtssieger von Kitzbühel des
gleichen Jahres, der Franzose Cyprien Sarrazin, im Training in Bormio
schwer und verlor fast sein Leben. Nur durch die rasche Hilfe von
Notfallmedizinern und Chirurgen, die ihm wegen eines Hämatoms im Kopf, in
der Klinik sogar den Schädel aufsägen mussten, überstand er den Unfall nach
eigener Aussage nahezu ohne bleibende Schäden.
Der FIS-Renndirektor für die Ski-Alpin-Herren, der Südtiroler Markus
Waldner, erklärte danach wie schon so oft, es sei [1][nun mal ein
risikobehafteter Freiluftsport.] Letztlich liege die Hauptverantwortung bei
den Athleten und bei den Teams, die Limits von Mensch und Material nicht zu
überreizen. Womit er nicht ganz Unrecht hat. Kürzlich bei der
Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel war Sarrazin als Gast vor Ort und erzählte,
dass er an seinem Comeback arbeite. „Der Skirennsport ist meine
Leidenschaft. Ich möchte es noch mal versuchen, in den Weltcup
zurückzukehren, auch wenn es diesen Winter noch nicht funktioniert hat.“
Auch der langjährige einstige DSV-Fahrer Dominik Schwaiger stürzte 2017 in
Bormio schwer und musste damals die Saison verletzungsbedingt beenden. Im
Dezember 2023 war auch der Österreicher Marco Schwarz auf der Stelvio
schwer gestürzt und hatte eine erhebliche Knieverletzung davongetragen,
welche das Saisonende bedeutete.
## Vorgeschriebener Airbag
Seit dieser Weltcupsaison ist sowohl das Tragen eines modifizierten Airbags
sowie schnittfester Unterwäsche (auch wegen der schweren
Bein-Schnittverletzung [2][des Norwegers Aleksander Aamodt Kilde] 2024 in
Wengen) vom Weltskiverband Fis für Männer und Frauen verpflichtend
vorgegeben. In der Vergangenheit hatten vor allem einige Stars der Szene
freiwillig auf den Airbag verzichtet mit der Begründung, dass sie durch das
Tragen des Teils aerodynamische Nachteile haben. Die Benutzung von
Karbonschienbeineinlagen wurde hingegen von der Fis verboten, weil die
dadurch noch direktere Kraftübertragung vom Unterschenkel und Skischuh auf
die Skier, noch waghalsigere Fahrlinien zuließ.
Wer gewinnen will, muss an sein eigenes Limit und teils darüber hinaus
gehen. Das hört man stets und ständig, besonders von den Topfahrern. Der
Südtiroler Routinier Dominik Paris, der „eine große Eigenverantwortung“
favorisiert, führt die Siegerliste in Bormio an. Sechsmal gewann er dort
schon die Weltcup-Abfahrt und ein Mal den Super-G.
Der französische Skistar Alexis Pintaurault monierte die für den Rennsport
seiner Meinung nach unzureichenden Schutzhelme, die bei schweren Stürzen
oft vom Kopf fliegen, auch der Kinnriemenverschluss sei nicht optimal, da
gäbe es Verbesserungsbedarf. Er zog sich beim Super-G 2025 in Kitzbühel
eine Schienbeinfraktur und eine schwere Knieverletzung zu und konnte sich
nicht für die Winterspiele qualifizieren.
Karlheinz Waibel, Chef des Bereiches Wissenschaft und Technik im Deutschen
Skiverband, weist auf das größte Problem im Skirennsport hin, die
zahlreichen Knieverletzungen. Trotz etlicher Versuche vom Tragen von
Knieorthesen bis hin zu Forschungen zu Airbags für die Knie, ist es bisher
nicht gelungen, diese Misere einzudämmen.
## Tödliche Trainingsstürze
Der italienische Abfahrer Matteo Franzoso verstarb im September 2025 kurz
vor seinem 26. Geburtstag an den Folgen eines Sturzes im Trainingscamp in
La Parva in Chile. Die junge Italienerin Matilde Laurenzi (19) verlor im
Oktober 2024 nach einem Trainingssturz im Schnalstal, ihr Leben. Seit
Langem ist bekannt, dass die Trainingspisten für die Speeddisziplinen
längst nicht so gut abgesichert sind wie Welt- und Europa-Cup-Strecken,
auch aus Kostengründen. Der einstige Slalomspezialist Felix Neureuther
forderte deshalb höhere Sicherheitsstandards für solche Trainingsstrecken.
Zwar hat es zahlreiche Verbesserungen in Sachen Sicherheit in den
zurückliegenden Jahrzehnten gegeben. Die erlittene Querschnittslähmung des
Schweizer Abfahrers Silvano Beltrametti in Val d’Isere 2001 veranlasste die
Fis, die Rennpisten mit blauer Lebensmittelfarbe zur besseren Orientierung
auch bei schlechten Sichtverhältnissen zu markieren.
Schnittfeste Planen und Netze, aber auch große Luftkissen entlang der
Strecken sorgten ebenso für mehr Sicherheit. Doch ist bei solch hohen
Geschwindigkeiten von über 130 km/h selbst bei Frauenrennen das Risiko,
sich bei Stürzen schwer zu verletzen, immer vorhanden. Daran wird sich auch
in Zukunft wenig ändern. Gleich beim ersten Abfahrtstraining der
Winterspiele am Mittwoch wurde der Norweger Fredrik Moeller in Bormio
sturzbedingt mit dem Helikopter abtransportiert.
5 Feb 2026
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