# taz.de -- Verfassungsreform in Kasachstan: Präsident Tokajews autoritärer Durchmarsch
       
       > Kasachstan stimmt am 15. März über eine neue Verfassung ab. Sie stärkt
       > die Befugnisse des Präsidenten deutlich und schwächt das Parlament.
       
 (IMG) Bild: Diese Pose mag er: Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew
       
       Ist Kasachstan in guter Verfassung? Wenn es nach Präsident
       [1][Kassym-Schomart Tokajew] geht, lautet die Antwort: demnächst ja. Am 15.
       März sind die Kasach:innen aufgerufen, in einem Referendum über ein
       renoviertes Grundgesetz abzustimmen, das [2][die alte Verfassung] ablöst.
       
       Ein erster Entwurf war der Öffentlichkeit am 31. Januar präsentiert worden,
       die finale Version am vergangenen Donnerstag. Ein Überblick über die
       vergangenen Jahre zeige, dass Kasachstan von der superpräsidentiellen
       Regierungsform zu einer Präsidialrepublik mit einem einflussreichen
       Parlament übergehe, sagte [3][Tokajew]. Die geplanten Änderungen sprechen
       hingegen eine andere Sprache.
       
       So wird aus dem Zweikammer- ein Einkammerparlament. Alle Abgeordneten
       werden künftig nur noch über Parteilisten (Verhältniswahl) gewählt, was
       kleinere Oppositionsparteien benachteiligt. Als neues Organ wird ein
       „Volksrat“ geschaffen, der Gesetze vorschlagen kann und dessen Mitglieder
       der Präsident ernennt.
       
       Zudem verliert die abgespeckte Volksvertretung eine Reihe von Befugnissen.
       Dazu gehört die Möglichkeit, dem Generalstaatsanwalt, dem Vorsitzenden des
       Obersten Gerichtes sowie dem Menschenrechtsbeauftragten die Immunität zu
       entziehen.
       
       ## Staatshaushalt zukünftig ohne Parlament
       
       Bislang hat der Präsident bei der Besetzung bestimmter Posten
       (Vize-Präsident und Präsident des Verfassungsgerichts) ein Vorschlagsrecht
       für Kandidat:innen, das Parlament muss zustimmen. Künftig kann er diese
       Entscheidungen im Alleingang treffen.
       
       Auch sieht die Neufassung der Verfassung nicht mehr vor, dass die
       Abgeordneten den Haushalt genehmigen und ihn ändern können. Und im Falle
       einer Parlamentsauflösung kann der Staatschef per Dekret regieren.
       
       An Kritikern mangelt es nicht. [4][Der BBC sagte] Jewgeni Schowtis vom
       Kasachischen Internationalen Büro für Menschenrechte, dass die künftige
       Verfassung autoritärer und noch stärker auf den Präsidenten zugeschnitten
       sei als die geltende.
       
       Auf Unmut stößt auch die Behauptung von Vertretern des Regimes, dass die
       Bevölkerung in die Debatten über die neue Verfassung einbezogen worden sei.
       „Was als nationale Debatte präsentiert wird, ist in Wirklichkeit eine
       Inszenierung. Die Teilnahme ist symbolisch. Der Verfassungsentwurf spiegelt
       wider, was der Staatsmacht nützt, jedoch nicht den Willen des Volkes“,
       [5][zitiert Radio Free Europe] den Rechtsexperten Maidan Suleimenow.
       
       ## Heikles Thema: Die russische Sprache
       
       Ein besonders heikles Thema ist die Sprachenfrage – also der Status des
       Russischen. Von Kasachstans 20,5 Millionen Einwohner:innen sind 15
       Prozent ethnische Russ:innen.
       
       Bislang ist Kasachisch die einzige Staatssprache. Russisch kann in
       Regierungsorganisationen und lokalen Behörden auf „gleichberechtigter
       Basis“ mit dem Kasachischen verwendet werden. Die Formulierung „auf
       gleichberechtigter Basis“ soll zukünftig durch „neben(einander)“ ersetzt
       werden.
       
       „Die uneindeutige Formulierung behindert die uneingeschränkte Verwendung
       der kasachischen Sprache im öffentlichen Leben. Die Bürger:innen müssen
       auf ihrem Recht auf Zugang zu Dienstleistungen in der Staatssprache
       bestehen. Die Abschaffung oder Klarstellung der Bestimmungen zum Russischen
       als einer offiziellen Sprache ist eine Forderung unserer Zeit“, sagt der
       Aktivist Serlik Aliuli laut des russischsprachigen Webportals Nastojaschee
       vremja.
       
       Demgegenüber wird von offizieller Seite zur Vorsicht gemahnt. Aus guten
       Grund: Ein Abgeordneter wird mit den Worten zitiert: „Die Mehrheit täte gut
       daran, ihrer Sprache (Russisch, Anm. d. Red.) mit Respekt zu begegnen,
       anstatt sie zu einer Waffe im Konflikt zu machen.“
       
       Die Rücksicht ist verständlich. Man möchte es sich nicht mit Moskau
       verscherzen – das Beispiel der Ukraine sowie anderer Nachfolgestaaten der
       Sowjetunion vor Augen. Das Kreml-Narrativ, Angehörige der russischen
       Minderheit schützen zu müssen, muss immer wieder als Begründung herhalten
       für Einmischungen jeglicher Art bis hin zu militärischen Interventionen.
       
       Dass sich eine Mehrheit der Kasach:innen am 15. März für die
       Verfassungsänderungen entscheidet, steht außer Zweifel. Das neue
       Grundgesetz soll am 1. Juli in Kraft treten. Innerhalb von zwei Monaten
       müssen dann Parlamentswahlen folgen.
       
       15 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Praesidentschaftswahl-in-Kasachstan/!5896347
 (DIR) [2] https://www.constituteproject.org/constitution/Kazakhstan_2017
 (DIR) [3] /Praesidentschaftswahl-in-Kasachstan/!5896309
 (DIR) [4] https://www.bbc.com/russian/articles/c33jedknd16o
 (DIR) [5] https://www.rferl.org/a/kazakhstan-constitutional-referendum-toqaev-power-language-russian-status/33675122.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Oertel
       
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