# taz.de -- Archäologie: Wie fremd uns die Steinzeit wirklich ist
> Vom Alltag in der Altsteinzeit gibt es nur wenige archäologische
> Zeugnisse. Trotzdem wurde viel über das Leben der frühen Menschen
> spekuliert.
(IMG) Bild: Wissen sie wofür wir das verwenden wollen würden?
Dem Feuer wird eine zentrale Bedeutung in der Menschwerdung zugeschrieben.
Immerhin spendet es nicht nur Wärme und Licht, sondern hält auch Raubtiere
fern und macht Fleisch und Pflanzen bekömmlicher. Und das Zusammenkommen am
Feuer könnte Dinge wie Sprache oder Musik zumindest begünstigt haben.
So die Theorie. Was sich die Menschen in der Steinzeit am Feuer erzählten,
darüber wissen die Forschenden nichts. Schriftaufzeichnungen aus dieser
Zeit gibt es nicht, nur archäologische Quellen. Und die sind in ihrer
Aussagekraft stets begrenzt – was uns nicht davon abhält, über das Leben
vor einigen hunderttausend Jahren zu philosophieren.
Unlängst bekam ein 400.000 Jahre alter Fund aus England mediale
Aufmerksamkeit. Ein internationales Forschungsteam stieß an einer
altsteinzeitlichen Fundstelle nahe Barnham im Osten Englands auf Spuren
einer Feuerstelle – also durch Feuer gerötete Erdschichten und
Feuersteinwerkzeuge, die durch hohe Temperaturen gesprungen waren.
Besonders bemerkenswert ist der Fund von Pyrit. Dieses Mineral eignet sich
hervorragend zum Feuermachen, weil es beim Anschlagen mit Feuerstein Funken
schlägt. Da Pyrit in der Umgebung von Barnham geologisch kaum vorkommt,
gehen die Forschenden davon aus, dass das Material gezielt an den Fundort
gebracht wurde.
Geochemische Analysen zeigten zudem: Dort muss wiederholt ein sehr heißes
Feuer gebrannt haben. Solche Temperaturen lassen sich kaum durch zufällige
Naturbrände erklären, sondern sprechen für kontrollierte, bewusst
unterhaltene Feuer. Die Schlussfolgerung der Forschenden in ihrem Artikel
im Fachjournal Nature: Die frühen Menschen – in diesem Fall vermutlich
Neandertaler – konnten schon vor 400.000 Jahren Feuer aktiv anzünden. So
weit, so schlüssig.
Wer jetzt aber an feuermachende Menschen landauf, landab denkt, liegt
falsch, erklärt Manuel Will, Archäologe von der Universität Tübingen. „Wir
können in der Steinzeit nur begrenzt von einer Gruppe Menschen in England
auf Gruppen in Afrika oder im Mittelmeerraum schließen. Vielleicht kamen
sie unabhängig voneinander auf die Idee, Feuersteine aneinanderzuschlagen,
Flöten zu schnitzen oder Felswände mit Farben zu verzieren, aber diese
Entwicklungen verliefen keineswegs gleichzeitig oder linear.“
Wie stark solche Konvergenzentwicklungen wirklich waren, ließe sich nur
durch immer neue Fundstellen klären. Funde wie die Barnham-Feuerstelle oder
– wie zuletzt – Speerspitzen mit Spuren von Gift liefern aber „nur“ lokal
begrenzte Einblicke in das Leben früher Jäger-und-Sammler-Kulturen.
## Warum wir nur Steine finden
„Schon der Begriff Steinzeit ist irreführend, weil er suggeriert, dass die
Menschen alles, was sie zum Leben brauchten, aus Stein gefertigt haben. Das
gilt höchstens für die Familie Feuerstein“, sagt Brigitte Röder,
Professorin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Basel. Dass
Archäologinnen und Archäologen vor allem Steinwerkzeuge wie Speerspitzen
oder Faustkeile finden, liege keineswegs am fehlenden Einfallsreichtum
unserer Vorfahren, sondern schlicht an der Erhaltung.
Organische Materialien wie Holz, Leder oder Pflanzenfasern überdauern die
Jahrtausende nur unter außergewöhnlichen Bedingungen. Die 200.000 Jahre
alten Schöninger Holzspeere etwa wurden in zehn Meter Tiefe in einem
Braunkohletagebau gefunden – eine Ausnahme.
„Ich suche vor allem in Afrika nach den Spuren früher Menschen. In einer
Wüste oder einem Urwald sind tiefe Ausgrabungen kaum möglich, unsere besten
Fundorte sind dagegen Höhlen. Oft wirken sie wie eine Zeitkapsel“,
bestätigt Will. Genau diese Fundorte sorgten ebenfalls für ein verzerrtes
Bild: Feuerstellen, Steingerätabfälle und Höhlenmalereien erweckten den
Eindruck, unsere Vorfahren hätten die meiste Zeit unter der Erde verbracht.
Inzwischen herrscht breiter Konsens darüber, dass die
Jäger-und-Sammler-Kulturen unterschiedlich mobil waren, aber keineswegs nur
von Höhle zu Höhle zogen, sondern auch Zelte oder einfache Hütten nutzten.
Ein weiteres Bild, das in den letzten Jahren zunehmend ins Wanken geriet,
ist der Mann als mutiger Jäger auf Mammutjagd und die Frau, die Beeren
sammelt, die Feuerstelle am Laufen hält und die Kinder versorgt. „Dieses
Bild einer steinzeitlichen Familie basiert nicht auf archäologischen
Erkenntnissen, sondern entspricht dem Geschlechtermodell, das im 18. und
19. Jahrhundert in der bürgerlichen Gesellschaft entstand“, sagt Röder.
Den Schöninger Speeren sieht man nicht an, ob sie von einer Frau oder einem
Mann geworfen wurden. Aufschlussreicher sind die sterblichen Überreste:
Hätten in der Altsteinzeit nur Männer gejagt, würden männliche Skelette
mehr oder andere Verletzungen aufweisen als weibliche. Dafür gibt es keine
Hinweise. Naheliegender ist, dass sich in Gruppen mit begrenzter
Personenzahl beide Geschlechter an der Jagd beteiligten.
Das koloniale Erbe der Forschung
Einfluss auf viele Zerrbilder hat auch die Ethnografie. Besonders im 18.
und 19. Jahrhundert galten Beobachtungen indigener Gesellschaften als
wichtige Quelle für Rückschlüsse auf das Leben in der Steinzeit. „Die frühe
Ethnografie war zeitgeschichtlich bedingt stark von Kolonialismus,
Rassismus, Eurozentrismus und einem evolutionistischen Geschichtsbild
geprägt“, sagt Röder.
Indigene Gruppen wurden damals als „in der Steinzeit stehen geblieben“
betrachtet. Gleichzeitig sind diese Quellen äußerst wertvoll, wenn man sich
ihres historischen Kontexts bewusst ist. Die ethnografischen Studien
liefern Anhaltspunkte, wie Menschen in der Vergangenheit gelebt haben
könnten, so die Archäologin weiter – etwa, wie vielfältig nomadische
Lebensweisen sein können, wie umfangreich das Wissen über Pflanzen und
Tiere war oder wie Orientierung in Raum und Zeit funktionierte.
Doch ob ihre Handlungen und Beweggründe dieselben waren wie in der
Altsteinzeit, bleibt auch bei diesem Ansatz unbeantwortet. Umso wichtiger
ist es, dass die Reflexion über eigene Vorstellungen vom Leben früher
Menschen heute in der Forschung angekommen scheint.
„Mit meinen Studierenden spreche ich sehr viel über dieses Thema. Dieses
Bewusstsein müssen wir schärfen, auch wenn die Quellenlage durch neue
Methoden immer besser wird“, sagt Will. Heute lassen sich
Bearbeitungsspuren an Steinwerkzeugen viel präziser untersuchen – ein
Fortschritt, der zeigte, dass viele vermeintlich filigrane Faustkeile in
Wirklichkeit eher Abfall waren.
Die Vorstellungen über die Nahrung früher Menschen haben sich durch die
Analyse von Zahnschmelz und Knochen gewandelt: Das Bild der vor allem
fleischfressenden Frühmenschen wich dem des Flexitariers. Und bei der
Untersuchung von Neandertaler-Bestattungen fand sich ein auffallend hoher
Anteil an Menschen, die durch Krankheiten oder Behinderungen körperlich
eingeschränkt waren und von der Gruppe unterstützt wurden – ein Hinweis auf
frühe Formen von Fürsorge.
Doch vieles bleibt rätselhaft. Auf dem Schreibtisch von Manuel Will liegt
bis heute eine glatt verarbeitete Steinscheibe mit Loch, gefunden in
Südafrika. Wofür sie einst gedacht war, ist ein großes Rätsel. Als er ein
Foto anderen Forschenden schickte, meldete sich ein älterer Kollege: Er
hatte den gleichen Fund vor vielen Jahren gemacht – und ebenfalls bis heute
keinen Anhaltspunkt für Sinn und Zweck gefunden.
„Wenn ich heute an einem normalen Vormittag einmal über den Basler
Marktplatz gehe, habe ich wohl mehr Menschen gesehen als in der
Altsteinzeit in einem ganzen Leben“, sagt Röder. „Ich glaube, allein mit
unserem Erfahrungshintergrund können wir gar nicht ermessen, wie anders das
Leben in der Altsteinzeit war – und damit auch, wie anders die damaligen
Menschen waren.“
Diese eigentlich massive Fremdheit werde jedoch durch Geschichten
überbrückt, die darauf beruhen, dass die urgeschichtlichen Menschen
(vermeintlich) Menschen wie du und ich waren – mit denselben Bedürfnissen,
Freuden, Nöten und Sorgen. Solche Erzählungen sind verführerisch, weil sie
die Kluft zwischen uns und der Vergangenheit scheinbar überbrücken.
Doch genau hier liegt die Gefahr: Wir projizieren unsere eigenen
Erfahrungen auf eine Welt, die uns fundamental fremd bleiben muss. Die
Herausforderung der Archäologie besteht darin, diese Fremdheit anzuerkennen
und gleichzeitig mit wissenschaftlicher Präzision das wenige zu
rekonstruieren, was wir tatsächlich wissen können – ohne die Lücken mit
allzu vertrauten Geschichten zu füllen.
6 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Birk Grüling
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