# taz.de -- Bremer V-Mann-Skandal: Verfassungsrichter tritt zurück
> Nach einer Kampagne von Politik und Medien ist ein Rechtsanwalt von
> seinem Amt als stellvertretendes Mitglied des Staatsgerichtshofs
> zurückgetreten.
(IMG) Bild: Der Purpur zeigt, dass hier Sachverhalte von besonderem Gewicht verhandelt werden: Bremer Staatsgerichtshof
Nach einer [1][Kampagne] gegen ihn ist ein Mitglied des Bremer
Staatsgerichtshofs am Dienstag von seinem Ehrenamt zurück- getreten. Er
wolle seine Energie nicht darauf verwenden, seinen Platz am
Landesverfassungsgericht zu verteidigen, schreibt der Bremer Rechtsanwalt
Anatol Anuschewski in einem der taz vorliegenden Brief an den Präsidenten
des Staatsgerichtshofs sowie an die Präsidentin der Bremischen
Bürgerschaft.
In seinem Fachgebiet, dem Migrationsrecht, gebe es wichtigere
Auseinandersetzungen zu führen, schreibt Anuschewski. Zudem sei er nur
Stellvertreter. Es sei nicht absehbar, dass er in der aktuellen Amtsperiode
„überhaupt in die Lage gerate, aktives Mitglied des Staatsgerichtshofs zu
werden“.
In dem Brief erhebt er schwere Vorwürfe gegen diejenigen, die ihm seit
Erscheinen eines [2][Spiegel-Artikels] vor einer knappen Woche den
Rücktritt nahegelegt hatten, darunter Angehörige sämtlicher Fraktionen der
Bremischen Bürgerschaft, inklusive der Linken, auf deren Vorschlag er 2019
erstmalig vom Parlament in das Organ gewählt worden war.
„Das Ansehen des Staatsgerichtshofs wurde innerhalb von nur 24 Stunden
durch den Verfassungsschutz, tendenziöse Berichterstattung und das
Verhalten der politischen Entscheidungsträger:innen beschädigt“,
kritisiert Anuschewski.
## Nur seinen Beruf ausgeübt
Was war geschehen? Wie die taz am Freitag berichtete, hatten
Journalist:innen und Politiker:innen Anatol Anuschewski
vorgeworfen, seinen Beruf ausgeübt zu haben unter Einhaltung der Gesetze,
wozu die anwaltliche Unabhängigkeit und das Mandatsgeheimnis gehören.
Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, war zwei Journalisten des
Spiegels sauer aufgestoßen. Sie hatten den Rechtsanwalt am Donnerstag in
seiner Kanzlei aufgesucht, wie sie am selben Tag in einem online
erschienenen Artikel schrieben. Sie hätten „ihn mit einer Aktion
konfrontieren“ wollen, „die nicht zu seiner Rolle als oberster
Verfassungswächter des Landes Bremen passt“, heißt es in dem Artikel.
Vier Absätze weiter schreiben sie allerdings, dass sie gar nicht
herausbekommen haben, ob ihre Unvereinbarkeits-Hypothese stimmt. Wissen
wollten sie nämlich, was Anatol Anuschewski am „Abend des 6. Januar“ genau
gemacht hatte. An diesem Abend soll er ihrer Vermutung nach drei Personen
begleitet haben, [3][die einen V-Mann des Bremer Verfassungsschutzes
enttarnten].
Der hatte ihnen nach ihrer Darstellung gestanden, sie und andere Mitglieder
der Interventionistischen Linken [4][sowie weitere linke Gruppen] mehr als
acht Jahre lang gegen Geld bespitzelt, dabei auch widerrechtlich sexuelle
und freundschaftliche Beziehungen unterhalten zu haben.
So steht es auf der Website der Interventionistischen Linken. Die Gruppe
wird im Bremer Verfassungsschutzbericht aus dem Jahr 2024 als
„gewaltorientiert“ bezeichnet. Nachweise dafür fehlen. Auch der
eingeschleuste Spitzel konnte den Verdacht offenbar nicht erhärten.
Den beiden Spiegel-Journalisten reichte die namentliche Erwähnung der
Gruppe, die auch bundesweit agiert, um sich einem ganz großen Skandal auf
der Spur zu wähnen. Auf die Fährte gesetzt hatte sie, so vermutet nicht nur
Anuschewski, der Verfassungsschutz selbst, als Retourkutsche für die
Enttarnung.
Nur mussten die Journalisten jetzt noch nachweisen, dass Anuschewski bei
der Enttarnung des V-Manns erstens überhaupt zugegen war und zweitens nicht
als Rechtsanwalt, sondern als Privatperson. Eine knifflige Aufgabe, an der
sie scheitern mussten.
„Was war Ihre Rolle bei der Konfrontation des V-Mannes?“, hätten sie von
ihm wissen wollen. Und hörten dasselbe, was alle hören, die
Rechtsanwält:innen auffordern, ohne Einverständnis der Klient:innen
Auskunft über Mandatsverhältnisse zu geben und sich damit strafbar zu
machen: nichts.
Dass sich Bremer Medien und Angehörige von Legislative und Exekutive der
Lesart des Spiegels anschlossen und damit ein rechtsstaatliches Prinzip
aushebelten, kritisieren Kolleg:innen des Bremer Rechtsanwalts.
„Wenn hier die bloße Ausübung der anwaltlichen Tätigkeit als
Rücktrittsgrund herhalten soll“, stelle dies „eine unzulässige politische
Einflussnahme auf die unabhängige Justiz dar“ und habe zwingend zu
unterbleiben, heißt es in einem von 55 Jurist:innen unterzeichneten
offenen Brief an die Bürgerschaftsfraktionen und den Senat. Ähnlich äußern
sich der Republikanische Anwältinnen- und Anwälteverein sowie die
Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen.
## CDU fordert Rücktritt linker Senatorinnen
Der Bremische Anwaltsverein erinnert daran, dass „die Beteiligung an
schwierigen und auch konfliktträchtigen Gesprächssituationen zum Kern der
verfassungsrechtlich geschützten anwaltlichen Tätigkeit“ gehöre, etwa bei
familienrechtlichen Auseinandersetzungen. Dass der Spiegel dies
skandalisiere, sei „geeignet, die Freiheit der anwaltlichen Tätigkeit
infrage zu stellen“ und damit eine „Grundfeste des Rechtsstaats“.
Am Dienstag veröffentlichte zudem der Bremer Erwerbslosenverband [5][online
einen Solidaritätsaufruf] für die Interventionistische Linke.
Die CDU-Bürgerschaftsfraktion kündigte wiederum Misstrauensanträge gegen
die beiden Regierungsmitglieder von der Linken, Kristina Vogt und Claudia
Bernhard, an. Die FDP will diese Anträge unterstützen. Abgewählt werden
könnten sie allerdings nur in dem unwahrscheinlichen Fall, dass SPD und
Grüne die Koalition platzen lassen wollen und ebenfalls für die Anträge
stimmen. Die CDU begründet sie unter anderem damit, dass die Linke Anatol
Anuschewski für den Staatsgerichtshof vorgeschlagen hatte.
10 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ablenkungsmanoever-im-V-Mann-Skandal/!6152220
(DIR) [2] https://www.spiegel.de/panorama/bremen-ex-mitglied-des-verfassungsgerichts-half-offenbar-bei-enttarnung-von-v-mann-a-068be66f-b60b-4ff0-b5f5-8fb906e8588c
(DIR) [3] /V-Mann-in-Bremen-enttarnt/!6145525
(DIR) [4] /Verfassungsschutz-ueberwacht-Bremer-IL/!6147879
(DIR) [5] http://www.wir-sind-alle-il.org/
## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
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