# taz.de -- Prokrastination: Aus freiem Willen aufschieben
       
       > Auch nicht zu entscheiden, bedeutet entscheiden: Kierkegaard und Sartre
       > erklären, warum Prokrastination mehr mit Freiheit als mit Faulheit zu tun
       > hat.
       
 (IMG) Bild: Die Zukunft kann gefährlich sein: Der Vordenker des Existentialismus Sören Kierkegaard
       
       Ich sitze am Schreibtisch, schaue aus dem Fenster und wippe mit dem Fuß. In
       knapp zwei Stunden muss ich den Text vor mir abschicken – aber das
       Worddokument ist noch so gut wie leer. Dabei war das Thema in meinem Kopf
       schon so schön ausformuliert. Aber nun will es einfach nicht auf den
       Bildschirm. Wie von Zauberhand tippen sich langsam die Buchstaben
       y-o-u-t-u-b-e in die Adressleiste meines Browsers. [1][Warm und wohlig
       strudelt mir das Dopamin entgegen]. Nach kurzer Zeit schaue ich auf die
       Uhr. Wieder 15 Minuten vergangen! Ich spüre, wie mein Herz schneller
       schlägt.
       
       Wie etwa ein Fünftel aller Menschen prokrastiniere ich regelmäßig. Oder,
       wie ich sagen würde: Ich stehe vor Barry Schwartz’ Paradox of Choice – die
       Millionen Optionen lähmen mich. Wie soll ich mich für das ideale nächste
       Wort entscheiden? Geht das überhaupt? Und ist keine Entscheidung nicht auch
       eine Entscheidung?
       
       [2][Alte Griechen wie Aristoteles] würden diese Frage klar mit Nein
       beantworten. Entscheiden ist Handeln, und das liegt nur vor, wenn ich
       wissentlich, absichtlich, zielgerichtet etwas tue, nicht wenn ich mich
       durch Tagträumen aus dem Lauf der Dinge heraushalte. Aber was, wenn ich
       mich nur selbst austrickse und mir vorgaukle, nicht zu entscheiden?
       
       Søren Kierkegaard, der traurige Däne mit der James-Dean-Frisur, einer der
       Vordenker des Existenzialismus, interessierte sich Mitte des 19.
       Jahrhunderts besonders dafür, wie der Mensch sich gegenüber sich selbst
       verhält. Für ihn sind alle menschlichen Entscheidungen von Angst geprägt.
       Keine Entscheidungen zu treffen, schützt das mögliche Ich vor dem
       wirklichen Ich – denn das kann falsch liegen, unperfekt sein oder
       kritisiert werden.
       
       ## „Move Fast and Break Things“
       
       Was ein bisschen nach Selbstoptimierung und Mark Zuckerbergs „Move Fast and
       Break Things“ klingt, hat tatsächlich viel mit der Frage zu tun, ob ich
       mich als autonome Person sehe. Die Angst davor, sich festzulegen, zeigt für
       Kierkegaard, dass der Mensch einen freien Willen hat. Denn durch meine Wahl
       beeinflusse ich unwiederbringlich meine Zukunft – und die kann gefährlich
       sein.
       
       [3][Für Jean-Paul Sartre, den bekanntesten geistigen Nachkommen]
       Kierkegaards, ist nahezu alles eine Handlung. Sartres Mensch ist „zur
       Freiheit verurteilt“, denn er muss zwangsläufig immer wieder entscheiden,
       welche Haltung er gegenüber der Welt einnimmt, und erschafft sich damit
       selbst. Treffe ich keine Entscheidung, weigere ich mich lediglich,
       Verantwortung für die Konsequenzen meines Handels zu übernehmen.
       Prokrastinieren heißt: Ich wähle, nichts zu tun – und akzeptiere die
       Folgen. Sich einzureden, man könne nicht entscheiden, fällt für Sartre
       unter mauvaise foi – Selbsttäuschung.
       
       Eine halbe Stunde verspätet hacke ich die letzten Zeilen in meinen Laptop,
       lese schnell noch mal drüber und maile den Text mit knapper Entschuldigung
       an die zuständige Kollegin. Am Ende hatte mich die rennende Zeit zum
       Schreiben „gezwungen“. Die Existenzialisten und ihre radikale Freiheit
       wurden inzwischen teilweise von der Naturwissenschaft eingeholt.
       
       Versuche wie das Libet-Experiment legen nahe, dass das Gehirn oft
       „entscheidet“, bevor wir selbst es erleben. Psycholog:innen
       beschäftigen sich auch mit Bauchgefühl und Intuition, dem „Unbewussten“ –
       ein Unwort für Sartre. Auch soziale Prägung beeinflusst stark, wie ich mich
       entscheide, was zumindest Fragen nach einer (teil-)determinierten Welt
       aufwirft. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein – damit ich nicht
       schuld war, wenn ich doch mal Quatsch geschrieben habe.
       
       12 Feb 2026
       
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