# taz.de -- Synchronbranche vs. Netflix: Arbeitskampf gegen KI
> Netflix will Stimmen von Synchronsprecher*innen nutzen, um damit
> eine KI zu trainieren. Die Sprecher*innen verweigern eine
> Zusammenarbeit.
(IMG) Bild: Wer spricht denn da? Das „Stranger-Things“-Personal animiert und mit ungewohnten Stimmen in „Tales From '85“
Fans der Netflix-Serie „Stranger Things“ reagierten überrascht und wütend
auf den [1][Trailer zum neuen, animierten Spin-off der Erfolgsserie]. Die
Synchronstimmen von Hopper, Max oder El waren nach zehn Jahren plötzlich
nicht mehr wiederzuerkennen. Grund ist, dass der gesamte deutsche
Synchroncast seit Jahresbeginn die Zusammenarbeit mit Netflix verweigert.
Und nicht nur sie: Ein Großteil deutscher Synchronsprecher*innen ist
in den Streik getreten, da eine neue Vertragsklausel von ihnen fordert,
ihre Stimmen für das Trainieren einer KI freizugeben. Sie fürchten um die
Zukunft ihrer Branche und um den Wert von Kunst in der Gesellschaft.
[2][Lino Böttcher], die deutsche Stimme von Jonathan Byers (Charlie Heaton)
bei „Stranger Things“, bekam Anfang Januar einen neuen Vertrag vorgelegt.
Gemeinsam mit seinen Kolleg*innen entschied er sich, nicht zu
unterzeichnen: „Wir wollen unsere Stimme nicht verkaufen.“ Dass durch KI
die Gefahr bestehe, die Synchronisation vielleicht irgendwann zu ersetzen,
sei ein großer Verlust. „Synchron ist kein bloßes Übersetzen, sondern eine
Kunst für sich.“ Deswegen müsse man nun ein Zeichen setzen.
Die Frage, wie es angesichts rasanter Entwicklungen von KI-Technologien um
ihre Arbeitsplätze und ihre Kunstform steht, beschäftigt die
Sprecher*innen schon länger. Immer wieder versuchen sie, auf die
Gefahren aufmerksam zu machen. Im vergangenen Sommer einigte sich die
deutsche Schauspieler*innengewerkschaft BFFS mit Netflix erstmals
auf Regelungen zum Umgang mit KI, welche das Urheber- und
Persönlichkeitsrechts der Sprecher*innen schützen sollen.
Die sogenannte [3][AOR-Regelung (Assignment of Rights Agreement), die
Netflix jetzt über die Synchronstudios an die Sprecher*innen schickt],
regelt nun unter anderem, dass Netflix Stimmaufnahmen zu
KI-Trainingszwecken nutzen darf. Eine weitere Vergütung ist dafür nicht
vorgesehen.
## Netflix spricht von Missverständnissen
Der [4][Verband deutscher Synchronsprecher*innen (VDS) kritisiert
diese KI-Klausel]: „Wir halten es bei den aktuellen Entwicklungen für
absolut notwendig, die Freiheit und Selbstbestimmung der Kunstschaffenden
zu fördern und zu verteidigen.“ Sprecher*innen müssten frei darüber
entscheiden dürfen, ob ihre Stimme in KI-Software eingespeist wird oder
nicht. Wenn sie dies tun, sollten sie auch dafür vergütet werden. Laut der
Verbandsvorsitzenden Anna-Sophia Lumpe befinden sich aktuell rund 80
Prozent der Sprecher*innen, die sonst für Netflix arbeiten, nicht im
Studio.
Netflix reagierte in einem Brief an die Sprecher*innen, der auch der taz
vorliegt, auf die Arbeitsverweigerung. Man sei bereit „in einen offenen und
kontinuierlichen Dialog zu treten“, klein beigeben will der
Streaminganbieter jedoch nicht. Es gebe lediglich „Missverständnisse“
bezüglich der neuen KI-Klausel, weshalb man diese den Vertreter*innen
der Branche nochmal erläutern wolle. Dabei soll es sich aber ausdrücklich
nicht um Verhandlungen handeln.
Der Konflikt könnte schon bald Auswirkungen zeigen, die über die neue
Synchronbesetzung von „Stranger Things“ hinausgehen. Netflix droht damit,
dass sie bei anhaltenden Boykottaufrufen gezwungen sein könnten, lediglich
deutsche Untertitel anzubieten. Die deutsche Tonspur könnte in einigen
Produktionen also gänzlich wegfallen.
## Friss oder stirb
Dies sei laut Netflix nicht nur eine Einschränkung für das Erlebnis der
Nutzer*innen, sondern würde auch „die lokale Synchronisationsbranche
gefährden und letztlich Auswirkungen auf die Arbeitsplätze deutscher
Synchronsprecher haben“. Für die Sprecher*innen könnte das wiederum
bedeuten: Entweder sie treten das Recht an ihrem künstlerischen Schaffen ab
oder sie bekommen keine Aufträge. Friss oder stirb im Konflikt mit einem
globalen Medienriesen.
[5][Der VDS hat zu dem neuen Vertrag ein Rechtsgutachten bei der
Rechtsanwaltssozietät Spirit Legal in Auftrag gegeben.] Dieses kommt zu dem
Schluss, dass zentrale Klauseln des Vertrages urheber-, daten- und
vertragsrechtlich unwirksam oder rechtswidrig seien und dass der Vertrag
die Existenzgrundlage deutscher Synchronsprecher*innen gefährde. Die
Klauseln zum KI-Training würden die Nutzung der Stimmaufnahmen zu unklar
definieren. Zudem manifestiere der Vertrag das Machtgefälle zwischen
Netflix und den Sprecher*innen. Von einer Unterzeichnung wird daher
abgeraten.
[6][Das Gutachten verweist zudem darauf, dass Netflix, wie auch Amazon, ein
Patent angemeldet hat, welches menschliche Sprecher*innen verzichtbar
mache.] Aus Stimmaufnahmen und Videomaterial könnte diese Technologie
lippensynchrone Übersetzungen erzeugen, ohne dass je ein Mensch vor einem
Mikro stand. Der neue Vertrag ebne den rechtlichen Weg für diese
Entwicklung, an dessen Ende eine Synchronisation ohne Sprecher*innen
stehe. Das Fazit des Gutachtens: „Die Sprecher*innen unterschreiben
heute die Bedingungen ihrer eigenen Ablösung.“
KI-synchronisierte Produktionen gibt es indes bereits, wie etwa die Serie
„Murderesses“. Die deutsche Synchronisation der polnischen Serie wurde
vollständig von einer künstlichen Intelligenz erstellt[7][. Nach Kritik an
der mangelnden Qualität der Synchronfassung zog Magenta TV die Serie jedoch
zurück.] Ob die Entwicklung zu mehr KI in der Synchronisation und in der
Kunst generell aufzuhalten ist, dazu gibt es unterschiedliche Ansichten.
## Synchronbranche massiv unter Druck
Die Synchronsprecherin Emily Seubert jedoch glaubt nicht, dass eine
künstlich generierte Synchronisation jemals das erreichen kann, was der
Mensch kann. „Es geht darum, etwas zu verkörpern und wahrhaftig zu
empfinden. Egal ob ich auf der Bühne stehe oder hinter einem Mikrofon, da
ist etwas Wahrhaftiges“, sagt sie. Eine KI könne das nie transportieren,
weil sie nie eine wahrhaftige Emotion haben werde.
Der VDS hofft dennoch weiterhin auf eine Zusammenarbeit und Einigung mit
Netflix. „Wir begrüßen es, dass Netflix als erster Streamer das Thema KI in
seine Verträge aufgenommen hat und es nicht unter den Tisch hat fallen
lassen.“ Auch wenn sie enttäuscht seien, dass über ihre Köpfe hinweg
Regelungen für ihr Gewerk getroffen wurden, sei man überzeugt, eine
branchenweisende Regelung erarbeiten zu können. Der VDS wolle mit Netflix
direkt verhandeln, werde bisher jedoch abgeblockt. Auf dem Tisch liege nur
ein Angebot für ein informelles Treffen Ende Februar ohne festen Termin.
Für die Sprecher*innen reicht der Konflikt auch über die Synchronbranche
hinaus. „Die Kunst ist in Gefahr, nicht nur das Synchronsprechen. Ich
glaube, dass wir vielleicht frühe Opfer werden“, sagt Böttcher. Auch Emily
Seubert geht es um unser Verhältnis zur Kunst generell. „Wenn wir einen
Film gucken, wollen wir etwas fühlen, wollen lachen oder weinen und berührt
werden“, sagt sie. „Dafür brauchen wir den Menschen.“
16 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=yzA_LjQmSQ4
(DIR) [2] https://www.instagram.com/p/DURBU-5kz0z/
(DIR) [3] https://www.sprecherverband.de/wp-content/uploads/2026/02/AOR-Vereinbarung-Netflix.pdf
(DIR) [4] https://www.sprecherverband.de/aktuelles/zusammenhalt/
(DIR) [5] https://www.sprecherverband.de/wp-content/uploads/2026/02/SL_VDS_Netflix_AI_Training_09_02_2026.pdf
(DIR) [6] https://patentscope.wipo.int/search/en/WO2025144759
(DIR) [7] https://www.golem.de/news/zuschauer-beklagen-qualitaetsmaengel-tv-serie-mit-ki-synchronisation-aus-streaming-abo-entfernt-2502-193044.html
## AUTOREN
(DIR) Jonas Kähler
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