# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Weiterleben, trotz allem
       
       > Vier Jahre Vollinvasion haben das ukrainische Volk mürbe gemacht.
       > Trotzdem bleiben die Menschen stark – um ihrer Würde und der
       > Gerechtigkeit willen.
       
       An einem Abend im Januar fiel Iryna und ihrer Tochter nichts Besseres ein,
       als ein Symphoniekonzert in der Philharmonie zu besuchen. „Krieg, Alarm,
       Beschuss … Wer besucht in dieser Zeit Konzerte? Wer gibt überhaupt
       Konzerte? Wahrscheinlich sind nur wir beide als zwei Verrückte dort“,
       überlegte die 55-Jährige leise, während sie vor dem Spiegel stand,
       beleuchtet vom Licht einer Taschenlampe, als stünde sie im
       Scheinwerferlicht auf der Bühne.
       
       Sie zog zwei Pullover übereinander und setzte sich kokett eine Baskenmütze
       schräg auf den Kopf, um ihr nicht ganz frisches Haar zu verdecken. Es war
       bereits zwei Wochen her, seit die Russen ihre [1][massiven Angriffe auf die
       Energieinfrastruktur von Kyjiw] wieder aufgenommen hatten. Tausende Häuser
       waren nicht nur ohne Strom, sondern auch ohne Wasser und Heizung bei
       zweistelligen Minustemperaturen. In Irynas Wohnung fiel nach dem ersten
       Angriff die Heizung aus, und es gab nur noch sporadisch für zwei bis drei
       Stunden am Tag Strom.
       
       Als die Frauen in der Philharmonie ankamen, gingen sie, ohne die Mäntel
       auszuziehen, an der Garderobe vorbei direkt in den Saal. Ihre Überraschung
       kannte keine Grenzen! Der Saal war voller Menschen, die – wie sie selbst –
       erschöpft von den Umständen waren, aber inspiriert, trotz allem
       weiterzuleben. Der Saal der Philharmonie war auch nicht beheizt. Die Gäste
       trugen Jacken und Handschuhe. Sie hielten sich gegenseitig warm.
       
       „Musik wirkt Wunder“, sagt Iryna. Um selbst durchzuhalten, andere zu
       unterstützen und zu arbeiten, braucht man Ressourcen. Dazu muss man
       zumindest kurzzeitig die Illusion eines normalen Lebens haben. Man muss
       seine eigenen Batterien wieder aufladen. Der Besuch eines Konzerts mitten
       in der Apokalypse ist Teil dieses Prozesses.
       
       ## Beten, dass es nicht das eigene Haus trifft
       
       Iryna versteht die Leute nur zu gut, die nach einer weiteren Nacht voller
       Beschuss eine Raveparty auf dem gefrorenen Dnipro veranstalten. Man müsse
       sich das nur einmal vorstellen: Es ist drei Uhr nachts, in der Wohnung sind
       weniger als zehn Grad Celsius, und man liegt im Dunkeln auf dem Boden im
       Flur, weil dies der einzige Ort ohne Fenster ist. Man hört die Sirene
       heulen, dann, wie sich eine Drohne nähert und in den Sturzflug übergeht.
       Man liegt da und betet, dass es nicht das eigene Haus trifft.
       
       Dann gibt es einen lauten Knall – entweder hat die Luftabwehr dieses
       tödliche Gerät abgeschossen, oder es ist irgendwo eingeschlagen. In diesem
       Moment erstarrt man, der Körper pulsiert vor Adrenalin – und das mehrmals
       in einer Nacht. So dieser Aufregung freut man sich einfach auf den
       Sonnenaufgang. Man ist froh, dass man überlebt hat. Man freut sich über das
       Leben, bis man die Nachrichten liest und von den Folgen des Angriffs
       erfährt.
       
       Vier lange Jahre sind seit jenem Morgengrauen vergangen, als die Ukrainer
       im ganzen Land zum ersten Mal von den Explosionen russischer Raketen am
       Himmel aufgeweckt wurden. Am 24. Februar 2022 hätte kaum jemand gedacht,
       dass [2][dieser brutale Krieg] so lange dauern und der Wille der Ukrainer
       so weit reichen würde. Heute kann sich kaum jemand vorstellen, wann dieser
       Krieg enden und wie lange der ukrainische Widerstand noch anhalten wird.
       
       Die Welt beobachtet mit Bewunderung, wie die Ukrainer und Ukrainerinnen den
       schwersten Schlägen standhalten, die Russland ihnen seit 1.461 Tagen
       blutigen, umfassenden Kriegs zufügt. Es gibt immer noch Menschen im Land,
       die bereit sind, es zu verteidigen. Trotz des massiven Drucks der
       russischen Armee hält die Front dank ihrer Ausdauer weiterhin stand. Es
       gibt auch weiterhin ein Hinterland, das die Front unermüdlich unterstützt.
       
       ## Schlaflose Nächte in der U-Bahn
       
       Dazu gehört der Junge, der am Wochenende an der U-Bahn Gitarre spielt und
       Spenden für die Einheit seines Vaters sammelt, ebenso wie die Großmutter,
       die alte Pullover auftrennt und aus den Fäden warme Socken für die Soldaten
       an der Front strickt. Trotz der Millionen von [3][Geflüchteten, die ins
       Ausland gegangen sind], gibt es im Land immer noch diejenigen, die das
       Leben dort aufrechterhalten – von der Kindergärtnerin und dem Lokführer bis
       hin zu Wissenschaftlern, Sportlern und Geschäftsleuten.
       
       Trotz der Tausenden Toten an der Front und im Hinterland werden im Land
       immer noch Familien gegründet und Kinder geboren. Trotz der Unsicherheit
       über die eigene Zukunft gibt es Menschen, die bereit sind, Verantwortung
       für andere zu übernehmen und den Schwächeren zu helfen. So lässt die
       Nachfrage nach Tieren aus Tierheimen nicht nach. Trotz des Verlustes von
       Soldaten kehren diese nach Amputationen mit Prothesen zum Militär zurück,
       um weiter einen Beitrag zur Verteidigung des Landes zu leisten.
       
       Die Ukrainer beeindrucken durch ihre Resilienz. Das ändert nicht daran,
       dass die Belastung für sie schmerzhaft ist. Hinter ihrer Standhaftigkeit
       verbergen sich enorme Anstrengungen. Nach schlaflosen Nächten in der
       eiskalten U-Bahn geht man am Morgen zur Arbeit, als hätte es den Lärm der
       Drohnen und Raketenexplosionen nie gegeben. Man geht komplett angezogen ins
       Bett, weil es in der Wohnung aufgrund der durch Beschuss zerstörten
       Energieversorgung nur wenige Grad warm ist und weil man immer auf einen
       Angriff mit einer Drohne oder einer Rakete gefasst sein muss.
       
       Eine warme Dusche, ein heißes Mittagessen, frisch gewaschene Wäsche, eine
       sauber gesaugte Wohnung, aufgeladene Handys und Laptops – all diese
       einfachen Dinge erfordern in Zeiten des Kriegs eine sorgfältige Planung.
       Ein Leben in ständiger Anspannung, vor dem Hintergrund immer stärker
       werdender Angriffe und begleitet von politischen Aussagen, die weder ein
       Ende dieser Qualen noch Gerechtigkeit versprechen, kann selbst den
       härtesten Stahl durchschlagen.
       
       ## Weder Superhelden noch Roboter
       
       Schließlich sind die Ukrainer weder Superhelden noch Roboter. Sie sind
       Menschen wie alle anderen, nur dass ihre Seelen von den Kugeln des Kriegs
       durchbohrt sind. Ja, sie haben sich als resistenter erwiesen, als man
       erwarten konnte. Sie lassen nicht die Hände sinken und gehen nicht in die
       Knie, auch wenn sie anstelle von Gliedmaßen Prothesen haben. Doch jede
       Resilienz hat auch ihre Grenzen und erschöpft sich irgendwann. Sie erholt
       sich nicht allein durch Bewunderung oder Applaus als Zeichen des Respekts.
       
       Dabei ist klar, dass eine Kapitulation der Ukraine noch längst nicht das
       Ende des Kriegs bedeuten würde. Die Ukrainer sind keine typischen Opfer,
       die stillschweigend jede Hilfe annehmen und mit allem einverstanden sind.
       Sie sind zu laut und unbequem. Ständig haben sie Forderungen und zeigen
       dabei eine von manchen als unangenehm empfundene unbeugsame Haltung. Und
       sie sind bereit, bis zum Ende zu gehen. Das kann irritierend sein, denn es
       verhindert die weit verbreitete Sehnsucht nach einer raschen Rückkehr zum
       gemütlichen „Business as usual“.
       
       Trotz zunehmender Ermüdung und schmerzlicher Verluste bleiben die Ukrainer
       in ihrer Haltung gegenüber der eigenen Würde und ihrem Streben nach
       Gerechtigkeit unerschütterlich. Genau darin liegt der Ursprung der heutigen
       Resilienz des ukrainischen Volks. Die Verteidigung der eigenen Würde wurde
       zum Symbol des Euromaidan. Im Februar 2014 hatten die Demonstranten kaum
       noch Hoffnung, dem autoritären damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch
       die Stirn bieten zu können.
       
       Doch die Anstrengungen Tausender stellten das Vertrauen in die eigenen
       Kräfte wieder her und verhinderten schließlich die Diktatur. Heute wie
       damals sind diese Hände auch Schutzschild gegen Russland. Das ist einer der
       Gründe, warum das russische Regime einen so brutalen Terror gegen die
       Zivilbevölkerung der Ukraine führt. Und dass Russland selbst einen so hohen
       Preis zu bezahlen bereit ist. 156 russische Soldaten finden im Durchschnitt
       für jeden eroberten Quadratkilometer den Tod.
       
       ## Kompensation für den Schaden
       
       Die Brutalität der russischen Kriegsführung ist erstaunlich. Die für die
       Verbrechen Verantwortlichen müssen bestraft und die Ukraine mit ihrer
       Bevölkerung für den Schaden gerecht kompensiert werden. Vor einem Jahr
       setzten viele ihre Hoffnungen auf Friedensverhandlungen. Inzwischen
       erwartet die Mehrheit der Ukrainer nichts Gutes mehr. Die Menschen
       verstehen nicht, warum das Opfer der Kriegsverbrechen zu Zugeständnissen
       gezwungen wird, während der Angreifer sogar noch belohnt wird.
       
       Nach diesem Winter sagen die Ukrainer zwei Dinge: „In der Dunkelheit sieht
       man die hellen Menschen am besten“, und: „Selbst in der Dunkelheit sieht
       man, dass Russland keinen Frieden will.“ Die Ukrainer und Ukrainerinnen
       haben den schwersten Winter in der Geschichte ihres Überlebenskampfs
       überstanden. Der demokratische Teil der Welt ist von ihrer Resilienz
       beeindruckt, aber die Kräfte lassen nach.
       
       Demokratische Politiker sind jetzt aufgerufen, mutig angemessen zu handeln.
       Applaus ohne Taten beschleunigt nur die Annäherung an die eigene
       Resilienzprüfung. Denn Putin wird nach dem Ausbluten der Ukraine nicht
       lange warten, bis er die Europäer auf den Prüfstand stellt.
       
       21 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Russischer-Energie-Terror/!6149049
 (DIR) [2] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
 (DIR) [3] /Integrationskurse-gestrichen/!6155389
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anastasia Rodi
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Resilienz
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Energieversorgung
 (DIR) Winter
 (DIR) Wladimir Putin
 (DIR) Russland
 (DIR) Essay
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Wolodymyr Selenskyj
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Therapeutin über Psyche im Krieg: „Katastrophen mobilisieren zu noch größerem Widerstand“
       
       Stress ist für Millionen Ukrainer zum Dauerzustand geworden.
       Zwischenmenschliche Beziehungen können helfen, sagt Psychotherapeutin
       Anastasiia Nizhnik.
       
 (DIR) Kurz vor dem vierten Kriegsjahrestag: Ukraine erneut unter heftigem Beschuss
       
       Die russische Armee greift weiterhin die Hauptstadt und den Osten mit
       Raketen, Drohnen und Marschflugkörpern an. Auch in Lwiw detonierten
       Sprengsätze.
       
 (DIR) Polnische Spenden für Ukraine: Generatoren für Kyjiw
       
       Polen spenden innerhalb weniger Tage rund 1,2 Millionen Euro für
       Stromgeneratoren. Die Ukrainer sind dankbar für diese dringend benötigte
       Hilfe.
       
 (DIR) Stromausfall nach russischem Angriff: Töten ohne Blutvergießen
       
       Moskau schickt die Truppen auf gnadenlose Mission gegen die ukrainische
       Zivilbevölkerung. Die mangelnde Energieversorgung führt immer wieder zu
       Toten.
       
 (DIR) Krieg in der Ukraine: Leben nach dem Stromplan
       
       Russische Angriffe auf die Energieversorgung zwingen ganze Städte zu
       stundenlangen Abschaltungen und improvisierten Überlebensstrategien.