# taz.de -- Die Wahrheit: Goldbarren im Wrack
       
       > In den Irlands Küsten umspülenden Meeren findet sich eine ganze Flotte
       > untergegangener Wasserfahrzeuge mit manchmal wertvoller Fracht an Bord.
       
       Den Taucheranzug, den meine Frau Áine mir vor ein paar Jahren gekauft hat,
       habe ich nie angezogen. Ich hätte darin ausgesehen wie eine bayerische
       Weißwurst. Inzwischen erwäge ich jedoch, meine negative Einstellung zu
       überdenken – Weißwurst hin oder her.
       
       Vor Irlands Küsten schlummern nämlich sagenhafte Schätze. Man fand auf dem
       Meeresboden in den vergangenen Jahren unter anderem eine Kanonenkugel, ein
       Geisterschiff und die Überreste eines Dampfers mit 43 Tonnen Gold. Die
       Funde wurden der Steuerbehörde gemeldet, da laut Gesetz jeder, der ein
       Schiffswrack findet, es den Behörden verraten muss.
       
       Zu diesem Zweck hat das Verkehrsministerium ein Netzwerk von Steuerbeamten
       als Wrackverwalter eingesetzt. Ihre Aufgabe ist es, Wracks in Besitz zu
       nehmen, ihren Wert zu schätzen und, wenn möglich, bei der Suche nach den
       Eigentümern zu helfen. Manchmal wollen die Eigentümer aber gar nicht
       gefunden werden.
       
       Im Jahr 2018 fielen die Motoren der „MV Alta“ auf dem Weg von Griechenland
       nach Haiti aus, sodass die Besatzung das Schiff verlassen musste. Zwei
       Jahre lang trieb die „Alta“ als Geisterschiff umher, bevor sie im
       südirischen Cork strandete. Der Konkursverwalter erklärte, dass das Schiff
       keine historische Bedeutung habe. So liegt die „Alta“ weiterhin dort, wo
       sie vor fünf Jahren Schiffbruch erlitten hat. Laut offiziellen Angaben gibt
       es trotz Umwelt- und Sicherheitsbedenken keine Pläne, die ramponierten
       Überreste zu entfernen. Der Staat ist berechtigt, ein Wrack, das innerhalb
       eines Jahres nicht beansprucht wird, in Besitz zu nehmen. Aber was soll er
       damit?
       
       Viele der Aufzeichnungen der Wrackverwalter geben Einblicke in die oft
       tragische Seefahrtsgeschichte Irlands, mit Schiffen, die durch Torpedos,
       Landminen und Stürme versenkt wurden, und Unglücke, die Hunderte von
       Menschenleben forderten.
       
       Im Oktober vorigen Jahres wurden zum Beispiel Holzbretter, die vermutlich
       von der „HMS Saldanha“ stammen, in der Grafschaft Donegal im Nordwesten
       Irlands angespült. Die „Saldanha“ war eine britische Fregatte, die 1807
       gebaut wurde, um während der Napoleonischen Kriege die irische Küste zu
       patrouillieren. Sie sank 1811 während eines Sturms, wobei alle 273
       Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Der Papagei des Kapitäns überlebte
       und flog an Land, wurde jedoch von einem Bauern erschossen.
       
       Im Jahr 2016 wurde ein Bullauge der „SS Laurentic“ angespült. Der
       Ozeandampfer beförderte heimlich 3.211 Goldbarren nach Kanada und in die
       Vereinigten Staaten, um Munition für Großbritannien zu kaufen, als er im
       Januar 1917 in der Nähe von Lough Swilly auf Seeminen stieß. Das Schiff
       sank, 354 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.
       
       Bis auf 22 Goldbarren wurden alle im Laufe der Jahre geborgen. Es liegen
       also noch 22 Goldbarren irgendwo auf dem Meeresboden. Mein Taucheranzug
       sitzt zwar etwas knapp, aber unter Wasser sieht das ja niemand.
       
       9 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
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