# taz.de -- Umweltminister über PFAS-Beschränkung: „Umweltschutz muss sich lohnen“
       
       > Ewigkeitschemikalien zu verbieten, wäre wirtschaftlich, sagt
       > Niedersachsens grüner Umweltminister Christian Meyer. Noch zahlen die
       > Verbraucher für die Folgen.
       
 (IMG) Bild: Würde auch in einer Pfanne ohne PFAS flutschen: Spiegelei
       
       taz: Sollte Niedersachsen an der Küste im Frühjahr den Meeresschaum
       abschöpfen, Herr Meyer? 
       
       Christian Meyer: Sie spielen darauf an, dass der stark mit
       Ewigkeitschemikalien belastet ist?
       
       taz: Ja. 
       
       Meyer: Also ihn abzuschöpfen halte ich für keine sinnvolle Idee. Aber
       tatsächlich empfehlen wir schon seit längerem, die Aufnahme von
       Meeresschaum möglichst zu vermeiden und sich nach dem Baden davon gründlich
       zu reinigen. Im Meeresschaum setzen sich ja auch jenseits der Poly- und
       Perfluorierten Alkylsubstanzen, der PFAS, viele Chemikalien ab. Das zu
       trinken ist also nie eine gute Idee. Mindestens ist er aber ein Beispiel
       dafür, dass wir gerade diese Gruppe der uns Sorgen machenden
       Ewigkeitschemikalien überall finden – ob im Meeresschaum, in den
       Fließgewässern an Land, in den Böden [1][und in unserem Trinkwasser].
       
       taz: Die Gefahr dieser Stoffe ist lange bagatellisiert worden, und
       teilweise wird sie es in Deutschland noch immer: Zwar gelten seit Januar
       verbindliche Grenzwerte für eine Handvoll der insgesamt 10.000 PFAS, aber
       [2][insbesondere kurzkettige werden in Deutschland nicht erfasst] – anders
       als in den Niederlanden oder in Dänemark. Wie sinnvoll ist das?
       
       Meyer: Dass PFAS in der Trinkwasserverordnung sind, ist ein erster Schritt.
       Aber natürlich brauchen wir vor allem auch Maßnahmen an der Quelle, damit
       diese Stoffe gar nicht in unsere Umwelt geraten. Es ist schwierig und
       teuer, sie herauszufiltern. Von daher müsste aus meiner Sicht auch das
       Verursacherprinzip gelten. Das heißt, wer sie in Verkehr bringt, muss auch
       auch für die Entsorgung haften, sprich die chemische Industrie.
       
       taz: Welche Maßnahmen an der Quelle schweben Ihnen denn vor? 
       
       Meyer: Ich habe seinerzeit sehr begrüßt, als die damalige
       Bundesumweltministerin Steffi Lemke 2023 vorgeschlagen hatte, diese
       gefährliche Gruppe der Chemikalien auf europäischer Ebene zu verbieten –
       und zwar insbesondere dort, wo es Alternativen gibt. Die
       Umweltministerkonferenz hat schon damals in einem einstimmigen Beschluss
       die Sorge zum Ausdruck gebracht, dass diese Stoffgruppe die Gesundheit von
       uns Menschen und die Umwelt insgesamt schädigt, gerade weil PFAS, vom
       Kaffeebecher über die Outdoorjacke bis zu Antihaft-Pfannen in so vielen
       Produkten eingesetzt werden. Dabei gibt es in vielen Fällen bereits Ersatz.
       Ich bedaure sehr, dass die EU, wahrscheinlich aufgrund von Lobbydruck,
       nicht in die Puschen kommt.
       
       taz: [3][Den hatte auch damals schon Bundeswirtschaftsminister und
       Vizekanzler Robert Habeck öffentlich ausgeübt] – und Niedersachsens
       damaliger Wirtschaftsminister Olaf Lies nannte die Idee Stoffgruppe zu
       verbieten „absurd“. Wie lässt sich da eine politische Linie verfolgen? 
       
       Meyer: Es gibt den Konflikt zwischen Wirtschaft und Umwelt. Als
       Umweltminister bin ich dem Schutz der Umwelt verpflichtet und dem, was die
       Verfassung den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen nennt: Wir können
       nicht zulassen, dass weiter solche gefährlichen Stoffe in die Umwelt
       gelangen, die nicht abbaubar sind, die sich längst überall befinden und die
       sich in den Tieren, in den Meeren, in den Böden, in den Pflanzen, in
       unseren Lebensmitteln anreichern. Um da politisch voranzukommen, muss man
       sich auf die konzentrieren, die besonders gefährlich und die vermeidbar
       sind. Ich erwarte, dass dort von der EU Seite Vorgaben gemacht werden. Aber
       es ist ein klassischer Konflikt.
       
       taz: Um es als Konflikt zwischen Umwelt- und Wirtschaftsinteressen zu
       deuten, muss man vergessen, dass Wasserwirtschaft auch Teil der Wirtschaft
       ist und übersehen, dass die internationalen Fluorchemie-Spezialisten wie 3M
       oder die belgische Solvay AG, deren deutsche Tochter hier in Hannover
       sitzt, aus der PFAS-Herstellung fliehen, weil das Risiko der
       Schadenersatzforderungen überall so groß ist, außer in Deutschland.... 
       
       Meyer: In der Tat, es ist nicht nur aus Schutz der Umwelt, der Gesundheit
       des Menschen geboten, auf Alternativen zu setzen und sie auch vorzugeben.
       Es wäre auch wirtschaftlich richtig. Die Folgekosten im Gesundheitssystem
       sind enorm. Die Folgen in der Umwelt sind enorm für unsere Biodiversität.
       Und es ist sehr teuer, die Trinkwasserqualität bei der wachsenden Belastung
       zu wahren.
       
       taz: Das geht uns als Verbraucher an? 
       
       Meyer: Das werden wir als Kunden einerseits alle bezahlen müssen, sofern
       wir diese gefährlichen Schadstoffe aus dem Trinkwasser herausziehen können.
       [4][Es ist aber bei Weitem nicht bei allen möglich, sie herauszufiltern].
       Es kann also passieren, dass wir bestimmte Trinkwasser-Reservoire nicht
       mehr nutzen können. Diese Verknappung wird ebenso Folgekosten haben, die
       dann von der Gesellschaft getragen werden.
       
       taz: Aber PFAS machen dafür andere Konsumgüter gegenwärtig noch billiger:
       Ist die Bedrohung zu abstrakt, um die Kaufentscheidung zu lenken? 
       
       Meyer: Es stimmt, es gibt viele Produkte, wo man schon jetzt ohne PFAS
       arbeiten kann. Das ist für die Gesellschaft sinnvoll, aber dadurch
       verteuert sich die Herstellung. Bei fettabweisenden Spezialpapieren zum
       Beispiel gibt es Produzenten wie Drewsen im Landkreis Celle, die auf den
       Einsatz von PFAS verzichten und die versuchen, damit Werbung zu machen.
       Aber es gibt ja keine Pflichtkennzeichnung oder so etwas und über den Preis
       können sie sich momentan nicht auf dem Markt durchsetzen. Einschränkungen
       und Verbote würden gerade solchen innovativen Herstellern helfen.
       Umweltschutz muss sich lohnen, und das würde er, wenn wir das Richtige
       fördern und das Falsche verbieten. Das sieht man ja bei den erneuerbaren
       Energien auch. Denn selbstverständlich werden wir auch ohne PFAS weiterhin
       Regenmäntel, Verpackungen oder beschichtete Pfannen haben und benutzen.
       
       taz: Eine Teflonpfanne ohne Teflon eben. 
       
       Meyer: Eine beschichtete Pfanne, in der man Wurst brät, egal ob
       fleischhaltig oder nicht, aber ohne PFAS gibt es jetzt schon.
       
       taz: Die Situation bleibt unbefriedigend: Wir warten auf ein EU-weites
       Verbot, gegen das massiv lobbyiert wird. Und andererseits nehmen wir auch
       hin, dass Pestizide ausgebracht werden, die PFAS enthalten und [5][deren
       Genehmigung selbst gegen die bestehenden Vorgaben des Europarechts
       verstößen]: Pflanzenschutzmittel, die unmittelbar oder durch ihre
       Abbauprodukte das Grundwasser beeinträchtigen, sind nicht zulassungsfähig.
       [6][Die Erlaubnis ist also klar rechtswidrig]. Kann ein Umweltminister da
       nicht einschreiten und die Ausbringung stoppen? 
       
       Meyer: Die Zulassung von Pestiziden ist EU-weit oder mindestens bundesweit
       geregelt. Deshalb hatten wir Umweltministerinnen und -minister – übrigens
       mit Unterstützung der Landwirtschaftsminister:innen – ja schon 2022
       den Bund aufgefordert, diese Lücke zu schließen, die es bei Pestiziden und
       Bioziden gibt. Denn selbstverständlich gibt es Pflanzenschutzmittel ohne
       PFAS. Gerade hier, wo Ewigkeitschemikalien direkt auf den Acker kommen,
       muss das in der Zulassung eine Rolle spielen.
       
       taz: Bloß verstoßen ja schon die momentan gültigen Zulassungen gegen das
       Recht. Wieso hat denn die Umweltbehörde so gar keine Möglichkeit es
       durchzusetzen? 
       
       Meyer: Die Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln laufen über den Bund und
       die EU, die macht kein Bundesland alleine. Wir müssen aber auf EU-Ebene
       auch Ewigkeitschemikalien in der umwelttoxikologischen Beurteilung stärker
       berücksichtigen. Gesundheitsschutz muss Vorrang haben.
       
       taz: Schön wärs! 
       
       Meyer: Für alles braucht man am Ende politische Mehrheiten. Und man sieht
       leider, dass die Kommission von Ursula von der Leyen in allen Bereichen das
       Umweltrecht und das Vorsorgeprinzip abschwächt und die Standards senken
       will. Dagegen setze ich mich als niedersächsischer Umweltminister ein,
       genauso wie meine Kollegin Agrarministerin.
       
       17 Feb 2026
       
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