# taz.de -- Verletzungsmisere im Skisport: Frei Fahrt für Hasardeure
       
       > Kreuzbandrisse, Knochenbrüche, Hirnödeme: Eine beispiellose
       > Verletzungsmisere erfasst den alpinen Abfahrtszirkus. Ein Krisengipfel
       > ist angekündigt.
       
 (IMG) Bild: Abflug auf Eis: Sturz eines alpinen Rennläufers im Weltcup
       
       Kitzbühel taz | Es ist bei nahezu jedem Ski-Alpin-Weltcup der gleiche
       Irrsinn. Die Meldungen über schwere Stürze und Verletzungen reißen nicht
       ab. Dies ist seit Jahrzehnten so, und die darauffolgende Debatte über die
       Sicherheit im Skirennsport ebenso. An diesem Wochenende rasen die Männer
       die gefährliche Kandahar-Piste in Garmisch-Partenkirchen hinab.
       
       Vergangenes Wochenende taten sie dies [1][auf der Streif in Kitzbühel].
       Dabei zog sich der Oberfranke Jacob Schramm (26) bereits im Training bei
       einem Sturz eine Gehirnerschütterung sowie einen Kreuzbandriss in beiden
       Knien zu, was das Saisonaus bedeutete.
       
       Auf Instagram teilte Jacob Schramm neulich mit: „Das linke Knie war einige
       Minuten luxiert und erlitt dadurch Risse des vorderen und hinteren
       Kreuzbands und einiger Muskelstrukturen.“ Nach bereits zwei Operationen
       soll noch eine dritte erfolgen. Schramm hofft, wenn alles gut läuft, dass
       er das nächste Rennen in 18 bis 20 Monaten wieder fahren kann. Der
       Bundestrainer Christian Schwaiger sagte der taz in Kitzbühel: „Es ist zum
       Verzweifeln, wie viele Ausfälle wir in den letzten Jahren hatten. So kann
       es nicht weitergehen.“
       
       ## Abflug im Helikopter
       
       Auch die tschechische Rennfahrerin Tereza Nová (26) musste nach ihrem
       Trainings-Horrorsturz beim Weltcup in Garmisch am 24. Januar mit dem
       Helikopter ins Unfallkrankenhaus geflogen werden. Sie erlitt unter anderem
       ein Hirnödem und wurde ins künstliche Koma versetzt. Beim Rennen am
       vergangenen Samstag in Garmisch brach sich die Österreicherin Nina Ortlieb
       (28) erneut den rechten Unterschenkel.
       
       In ihrer bisherigen Skikarriere hatte sie schon 23 Operationen (!) zu
       überstehen. Ende Dezember hatte der Zweifach-Abfahrtssieger von Kitzbühel
       im Jahr 2024, [2][Cyprien Sarrazin (30) aus Frankreich], auf der Eispiste
       in Bormio sturzbedingt eine schwere Hirnverletzung davongetragen und plagt
       sich seither mit Sehstörungen.
       
       Während die italienische Rennläuferin Sofia Goggia (32) davon sprach, die
       Skier seien gefährliche Waffen geworden, reagierte der Schweizer
       Überflieger Marco Odermatt (27) in Kitzbühel eher fatalistisch auf die
       Frage, ob das Skimaterial von seiner Warte aus zu aggressiv sei und der
       Skiweltverband (FIS) dagegen steuern müsse: „Wir können vielleicht mit den
       Skischuhen fahren, dann wäre es weniger schnell, weniger aggressiv.“
       Geschwindigkeit mache den Abfahrtssport nun mal aus, jeder wisse, dass es
       gefährlich sei, so Odermatt. Er ist allerdings einer von wenigen im alpinen
       Skizirkus, die bisher von schweren Verletzungen verschont geblieben sind.
       
       ## Krisengipfel zur Verletzungsserie geplant
       
       Bei der am 4. Februar beginnenden alpinen Ski-WM in Saalbach-Hinterglemm
       soll es einen Krisengipfel zum fortwährenden Verletzungsfiasko geben.
       Allein die möglichen Folgen, dass Eltern ihren skibegeisterten Kindern
       zukünftig vom Skirennsport abraten werden, hat die Funktionäre
       aufgeschreckt. Der FIS-Renndirektor für die Speeddisziplinen Hannes Trinkl
       plädiert dafür, die Carbon-Schützer im Inneren der Skischuhe zu verbieten.
       
       Weiter fordert Hannes Trinkl: Auch die Rennanzüge sollen aus einem
       Einheitsstoff bestehen, der die Geschwindigkeit minimiere. Selbst bei einem
       Sturz auf dem Eis wäre ein dickerer und weniger rutschintensiver Stoff eine
       wichtige Verbesserung. Und auch schnittfeste Rennanzüge sind angesichts der
       teils schweren Schnittverletzungen durch die messerscharfen Skikanten ein
       dringendes Gebot.
       
       Der norwegische Skiprimus Aleksander Aamodt Kilde (32) hatte sich im Januar
       2024 bei seinem Sturz im Zielhang der Lauberhorn-Abfahrt damit fast den
       Unterschenkel abgetrennt. Beim Charity-Slalom-Race vergangenen Samstag in
       Kitzbühel fuhr er zwar schon wieder mit. Ob er angesichts der
       Bewegungseinschränkungen jemals wieder in den Weltcup zurückkehrt, ist aber
       völlig ungewiss.
       
       Schon die Einführung der Airbagpflicht für alle Rennfahrer seit dieser
       Saison gestaltete sich nicht unproblematisch. Einige Fahrer bestanden
       auf einer Ausnahmegenehmigung zum Nichttragen des bestenfalls
       lebensrettenden Utensils. Der Südtiroler Abfahrtsstar Dominik Paris (35)
       verweist indes auf die Eigenverantwortung der Athleten, Fahrlinie und
       Geschwindigkeit nicht zu überreizen.
       
       Es bleibt abzuwarten, wie es weitergeht. Die Prognose fällt nicht allzu
       schwer. Heftige Stürze und Verletzungen wird es [3][im alpinen Skisport]
       auch in Zukunft geben.
       
       31 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://hahnenkamm.com/rennstrecken/die-streif-abfahrt/
 (DIR) [2] https://www.sportschau.de/wintersport/ski-alpin/saisonaus-fuer-sarrazin-comeback-fraglich,ski-alpin-bormio-102.html
 (DIR) [3] /Risiken-des-alpinen-Skisports/!6054136
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Purschke
       
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