# taz.de -- Lindsey Vonn stürzt bei Abfahrt: Drama ohne Ende
> US-Star Lindsey Vonn fordert das Schicksal heraus und stürzt schwer. Mit
> Silber holt Emma Aicher die erste deutsche Abfahrtsmedaille seit 28
> Jahren.
(IMG) Bild: Vonn bleibt an einem Tor hängen und verliert danach das Gleichgewicht
Es hätte im besten Fall [1][ein Heldinnen-Epos] werden sollen. Mit
Kreuzbandriss zum Olympiasieg, als 41-Jährige. Bester Stoff für einen
Hollywood-Film. Aber für Lindsey Vonn endete die olympische Frauen-Abfahrt
am Sonntag in Cortina d’Ampezzo mit einem weiteren Kapitel in ihrer an
Dramen reichen Karriere, es war vermutlich das Letzte. Aber man weiß ja nie
bei dieser Frau.
Nach knapp 14 Sekunden war auf der Olimpia delle Tofane ihr Traum vom
zweiten Olympia-Gold vorbei, zerstört im Schnee jener Piste, die sie in
ihrer Karriere wie keine andere beherrscht hatte. Zwölf Siege hatte sie auf
dieser zuvor eingefahren. Lindsey Vonn, die Stehauffrau des Skisports,
blieb am Tor hängen, hob ab, drehte sich im Flug und knallte auf die Piste.
Über die Außenmikrofone auf der Strecke hörte man sie schreien, in erster
Linie vor Schmerzen, aber sicher waren auch Wut und Enttäuschung dabei.
Lindsey Vonn war als eine der letzten der großen Favoritinnen gestartet,
nur die Italienerin Sofia Goggia kam noch nach ihr, am Ende mit Bronze
dekoriert. Es führte Teamkollegin Breezy Johnson, die vor einem Jahr bei
der WM in Saalbach bereits Weltmeisterin geworden war, [2][vor Emma
Aicher.] Die junge Deutsche hatte keinen perfekten Lauf erwischt und war
trotzdem nur vier Hundertstelsekunden langsamer als die Amerikanerin. Die
22-Jährige sorgte für die erste deutsche Abfahrtsmedaille bei Olympischen
Spielen seit 28 Jahren, damals hatte Katja Seizinger Gold gewonnen. „Es ist
echt geil“, sagte Aicher im ZDF. „Ich bin eigentlich nie nervös, aber im
Ziel war ich brutal nervös, ich ging mir selber schon auf den Sack.“
Vielleicht hatte Vonn das Gefühl, einfach nur runterfahren, wie in den
Weltcup-Rennen davor, würde dieses Mal nicht reichen, um zu gewinnen. Sie
musste mehr riskieren – und riskierte am Ende zu viel. Es ist gut möglich,
dass ihr das Malheur mit intaktem Kreuzband nicht passiert wäre, weil dann
das linke Knie dem Druck besser hätte standhalten können.
## Abflug wieder im Hubschrauber
Anders als vor neun Tagen, als Vonn nach ihrem Sturz in Crans Montana noch
selbst mit den Skiern den Berg hinuntergefahren ist und sich erst dann vom
Hubschrauber ins Krankenhaus fliegen ließ, wo ein Kreuzbandriss im linken
Knie diagnostiziert wurde, blieb sie dieses Mal liegen. Der kam und flog
dann mit Vonn an Bord über den Zielraum und die Tribüne hinweg. Unten
klatschte das Publikum, vor allem die amerikanischen Fans, die zuvor schon
Breezy Johnson gefeiert hatten. Es war das perfekte Schlussbild einer
Karriere.
„Ich lasse meine Träume nicht zerplatzen“, hatte Lindsey Vonn vor ein paar
Tagen gesagt. Später schrieb sie auf Instagram: „Ich glaube fest an das,
was möglich ist.“ Mit gerissenem Kreuzband Olympiasiegerin zu werden. Dass
ein Start gewisse Risiken barg, ignorierte sie. Wie schon zuvor einige Male
schon die Ratschläge der Mediziner oder Trainer. Warum das alles? „Ich
liebe es einfach, Skirennen zu fahren“, schrieb sie in einem Post kurz vor
der Abfahrt.
[3][Lindsey Vonn hat schon oft das Schicksal herausgefordert.] Ein bisschen
Drama, tiefstapeln, um dann, wenn es doch anders kommt, den Erfolg noch
größer erscheinen lassen zu können, das hat Vonn schon immer beherrscht. Es
ist Teil ihrer Inszenierung. Keine versteht es so gut wie sie, alle
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, vor allem vor ganz wichtigen Rennen. Und
das sind für Amerikanerinnen in erster Linie die bei Olympischen Spielen.
In Turin 2006 stürzte sie im Abfahrtstraining und ging anschließend
angeschlagen ins Rennen. Vonn, die damals noch Kildow hieß, ging leer aus.
Vier Jahre, zwei WM-Titel und zwei Gesamtweltcupsiege später hatte sie vor
den Winterspielen in Vancouver eine Schuhrandprellung erlitten, tatsächlich
sehr schmerzhaft, aber im Vergleich zu ihrem aktuellen Kreuzbandriss eher
harmlos. In einer Pressekonferenz führte sie damals haarklein aus, wie sie
die Pein zu bekämpfen gedenke (Quarkwickel und Schmerztablette), und ließ
wissen, dass ihre Chancen auf eine Medaille nicht mehr sehr groß seien. Ein
paar Tage später war sie Olympiasiegerin.
Es wäre vielleicht zu viel gewesen, wenn sich die Geschichte 16 Jahre
später wiederholt hätte. Selbst für eine Lindsey Vonn, der in ihrer
Ski-Karriere immer alles zuzutrauen war.
8 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Elisabeth Schlammerl
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